Es zeigte sich, daß einige Kategorien der Arbeitgeber auf die Sozialversicherung volle 100% der Versicherungssumme zahlen mußten, was ihre soziale Last verdoppelte und unerträglich machte, ferner, daß bei vielen Bevölkerungsgruppen die sog. soziale Belastung bei weitem ihre Steuerbelastung überstieg. In diese Kategorie von Unternehmern fallen insbesondere Gewerbetreibende und Landwirte. Aber auch Beamte und eine ganze Reihe anderer Personen, welche jugendliches Dienstpersonal halten und diese Belastung nicht überwälzen können, daher diese Lasten allein zu tragen gezwungen sind, bekundeten ihre Unzufriedenheit. Alle diese Gründe sprechen dafür, daß die Regierung mit einer Novelle kommen mußte. Allerdings wollte man ursprünglich bloß einige Paragraphen des geltenden Gesetzes ändern, um dessen Konstruktion nicht zu stören. Der sozialpolitische Ausschuß des Abgeordnetenhauses nahm aber Rücksicht auf eine ganze Reihe von Anregungen, welche von der Fachkommission der Zentralsozialversicherungsanstalt unterbreitet wurden und so kam es, daß die Novelle den ihr zugedachten Umfang überschritt und noch weitere notwendige Veränderungen und Verbesserungen aufnahm.

Wenn ich nun zur Novelle selbst spreche, so will ich gleich die Notwendigkeit der Änderung des § 2 derselben hervorheben, nach welcher vom Tage des Inkrafttretens des neuen Gesetzes Familienmitglieder, insofern sie in den Betrieben der Eltern beschäftigt sind, aber in keinem Arbeitsverhältnis stehen, im Sinne des Gesetzes nicht mehr der Versicherungspflicht unterliegen. Dasselbe hat auch für die landwirtschaftlichen Familienmitglieder Geltung.

Der § 6 scheidet die jugendlichen Personen, das sind die, die das 16. Lebensjahr nicht überschritten haben, aus. Obwohl unserer Forderung nach Ausscheidung aller Lehrlinge aus der Versicherungspflicht, sofern sie keinen Lohn beziehen, nicht vollinhaltlich entsprochen wurde, tritt doch eine Besserung ein, und ist ein vielseitig geäußerter Wunsch des Gewerbestandes sowie jener Personen, von denen ich eingangs sprach, zum Teil in Erfüllung gegangen.

Auch der Absatz 5 des § 6 bedeutet für den Gewerbestand insoferne eine Verbesserung, weil die Naturalverpflegung, die für den Lehrling geleistet wind, anders in die Lohnklasse eingereiht wird, als es früher der Fall war. (Místopøedseda Böhr pøevzal pøedsednictví.)

Bei dieser Gelegenheit komme ich auf die gestrigen Ausführungen des Koll. Jarolim zu sprechen, der u. a. sagte: Es gibt Gewerbetreibende, die 5, 6 und noch mehr Lehrlinge halten, die sie nicht nur im Gewerbe, sondern auch im Haushalt als sogenannte „Mädchen für Alles“ verwenden, die Schubkarren und Wagen ziehen müssen wie Hunde u. s. w. und Redner glaubt, daß sie schon durch die Verrichtung solcher Arbeiten dem Meister das verdienen, was er am Versicherungsbeiträgen bezahlen muß. Ich gebe zu, daß es Gewerbetreibende gibt, die mehr Lehrlinge halten, als ihnen nach dem Gewerbegesetz zusteht. Das sind Einzelfälle, die wir als Partei niemals decken und schützen werden, sondern schärfstens verurteilen. Seltener werden wohl jene Fälle vorkommen, wo Lehrlinge als sog. Mädchen für Alles im Haushalte verwendet werden oder gar das Zugtier ersetzen müssen, da sorgt schon die sozialdemokratische Partei dafür, daß dem Lehrling nicht allzu weh getan wird. Sie hat es sich ja zu einem Programmspunkt gemacht, den Zuzug zum Gewerbe möglichst abzuhalten, um dem verpönten kleinen und mittleren Gewerbestand raschest den Garaus zu machen. Daß man von den zu tragenden sozialen und wirtschaftlichen Lasten eines Gewerbetreibenden wenig Kenntnis haben dürfte, beweist der Ausspruch, wornach der Lehrling sich die Beiträge schon durch die Verrichtung der häuslichen Arbeiten verdient. Ich will Ihnen durch einige Ziffern zeigen, was die Lehrlingshaltung bei einer dreijährigen Lehrzeit den Meister kostet, wenn er ein Kind armer Elteim in die Lehre nimmt, was ja meistens der Fal1 ist. Rechnen wir die Naturalverpflegung mit 7.50 Kè pro Tag, so ergibt sich in drei Jahren eine Summe von 7. 212.50 Kè; der Sozialversicherungsbeitrag beläuft sich heute auf 4.30 pro Woche, zusammen also 670. 80 Kè und die Krankenkassa 374.40 Kè; ist außerdem der Betrieb des Meisters noch unfallversiche-rungspflichtig, so kommt der Unfallversicherungsbeitrag annähernd auf 360 Kè und der Urlaub des Lehrlings kostet in drei Jahren etwa 180 Kè, so daß die dreijährige Lehrlingszeit insgesamt Kè 8.787.70 erfordert. In vielen Fällen muß der Meister noch für den armen Lehrling die Kleidung und Beschuhung bestreiten und wenn wir auch das noch hinzurechnen, so kommen wir in drei Jahren auf die Summe von rund 10.000 Kè pro Lehrling. Auf ein Jahr entfallen demnach 3.333 Kè pro Lehrling. Jeder wird mir zugeben müssen, daß im ersten und zweiten Lehrjahr der Lehrling keine 3.333 Kè dem Meister verdienen kann.

Sie ersehen aus diesen Zahlen, daß die Lehrlingshaltung keine so billige ist und daß man von einem Profit, der von den sozialistischen Parteien so oft hervorgehoben wird, überhaupt nicht sprechen kann. Bei der Lehrlingshaltung kommt bei uns nur die eine Frage in Betracht, das ist die Heranziehung und Ausbildung eines tüchtigen Gehilfenstandes, der in der Nachfolge auch der künftige Träger des Gewerbestandes sein soll. Die Ausbeutung eines Lehrlings ist heute schon insoferne nicht möglich, weil alle Augen gerade auf jene Werkstätten gerichtet sind, in welchen Lehrlinge beschäftigt werden. Viele Lehrlinge -sind heute nicht nur allein in Turn- und Gesangsvereinen zu finden, sondern sie finden sich schon vielfach auch in sozialistischen Organisationen, wo sie derart instruiert werden, daß sie sich eine Ausbeutung überhaupt nicht mehr gefallen lassen.

Eine der wichtigsten Bestimmungen bringt uns der erste Absatz des § 9 der Novelle, wonach alle bestehenden Genossenschafts- und Gremialkassen, die am 1. Juli 1928 wenigstens 1.000 Mitglieder zählten, auch weiterhin bestehen bleiben sollen. Es bleiben daher nach diesem Gesetze die meisten Genossenschafts- und Gremialkassen erhalten.

Die Erhaltung derselben hat einen sehr großen Wert für uns, weil wir dadurch in die Lage versetzt werden, unsere Gehilfen und Lehrlinge in unseren eigenen Versicherungsanstalten versichern zu können, die jedenfalls ebenso gut geleitet werden, als die Bezirkskrankenkassen. Weniger zufrieden sind wir mit der Lösung der Frage bezüglich der Errichtung neuer genossenschaftlicher Krankenkassen, weil nach Abs. 2 des § 9, das Ministerium für soziale Fürsorge nach Anhörung der Zentralsozialversicherungsanstalt im ganzen nur 8 Genossenschafts- und Gremialkassen errichten kann, wenn die Genossenschaften der einzelnen Bezirksberreiche um deren Errichtung ansuchen. Es können die Handels- und Gewerbetreibenden diesbezüglich jedoch nicht allein entscheiden, sondern es muß die Gehilfenschaft, bezw. die Gehilfenversammlung befragt und ihre Zustimmung erreicht werden. Solche genossenschaftliche und Gremialkassen können, wenn sie nicht mehr als 3. 000 Mitglieder haben, über Ansuchen für mehrere Genossenschaften eines politischen Bezirkes innerhalb Ton 6 Monaten nach Inkrafttreten des Gesetzes errichtet werden. Eine weitere Bestimmung, sagt, daß in den Bezirksversicherungsanstalten 12.000 versicherungspflichtige Mitglieder verbleiben müssen. Hier sieht man auf der einen Seite, daß in den Bezirksversicherungsanstalten 12.000 Versicherungspflichtige verbleiben müssen, andererseits verbietet man aber, den Gewerbestand die Erreichung einer höheren Versicherungszahl als 3.000, was eine uns unverständliche Beschränkung darstellt. Der Absatz 5 des § 9 bietet ums die Möglichkeit, mehrere bestehende Genossenschaftskrankenkassen im Bereiche einer politischen Bezirksbehörde zu vereinigen, so daß. wir mehrere kleine Kassen in eine große vereinigen können. Bezüglich der Zusammensetzung der Verwaltungskommissionen wurde eine Änderung dahin vorgenommen, daß nicht mehr wie bisher der Vorstand in seinen eigenen Sitzungen berät und der Aufsichtsrat ebenso, sondern, daß beide Körperschaften zu einem gemeinsamen. Beratungskörper zusammengezogen und in gemeinsamen Sitzungen über alle Belange der Versicherungsanstalt verhandelt.

Wenn ich nun zum Schlüsse davon Erwähnung mache, daß uns die Novelle nicht voll und ganz befriedigt hat, und unsere Wünsche nicht weitgehender erfüllt würden, so muß ich doch feststellen, daß durch die Novellierung die Sozialversicherung verbilligt wurde, daß aber auch die Wohltaten für die versicherten Mitglieder nicht verschlechtert, sondern bedeutend verbessert wurden. Wir haben durch unsere Mitarbeit in der Regierungsmehrheit teilweise unsere grundsätzlichen Forderungen durchsetzen können und werden daher im Bewußtsein voller Verantwortung für dieses Gesetz stimmen. (Souhlas.)

5. Øeè sen. Fritschera

Hohes Haus! Ich wurde seitens unseres Klubs beauftragt, unsere Stellungnahme zur Novellierung der Sozialversicherung darzulegen. Wir haben als Volkspartei in der Sozialversicherung immer die Krone staatlicher Sozialpolitik gesehen. Meine Partei hat bei der Gesetzwerdung des Sozialversicherungsgesetzes vom Jahre 1924 rege mitgearbeitet und geschlossen für dieses Gesetz gestimmt. Leider hafteten unserer Sozialversicherung, welche am 1. Juli 1926 in Wirksamkeit trat, schwere Mängel an, es erhoben sich Klagen aus allen Kreisen. (Pøedsednictví pøevzal místopøedseda dr Brabec.) Ich las am 11. September 1926 im „Sozialdemokrat“ einen Aufsatz von einem Fachmann Bösmüller, welcher erklärte, „es müsse offen zugegeben werden, daß das Gesetz überaus schwere Mängel hat, sowohl in organisatorischer wie in materieller Beziehung.“ Im „Právo Lidu“ stand der Ausspruch, die Sozialversicherung sei weder ausgekocht noch ausgebraten. Man rief nach einer Novellierung. Es muß leider geklagt werden, daß in vielen Kreisen das soziale Verständnis fehlte für das große Werk und viele in dem Zwangsystem einen Eingriff in den kärglichen Ertrag ihrer Produktion erblickten. Wir haben als christliche Partei im Ausbau der Sozialversicherung immer ein Stück praktischen Christentums erblickt und uns nach Kräften bemüht, hiefür soziales Verständnis zu verbreiten. Die Sozialdemokratie haßte ursprünglich grundsätzlich jede Sozial-Versicherung unter dem Vorwande, sie schläfere nur die Arbeiterschaft ein und lahme den Klassenkampf. Im deutschen Reichstag stimmten die Sozialdemokraten gegen die Sozialversicherung und trachteten durch unmögliche Forderungen die tatsächliche Durchführung der sozialpolitischen Gesetzgebung zu hintertreiben. Ich finde diesen Standpunkt parteipolitisch begreiflich. Wer die stärkste Wurzel seiner Kraft in der Unzufriedenheit der Arbeitermassen findet, der würde gegen sein eigenes Interesse handeln, wenn dieser Unzufriedenheit durch praktische Sozialpolitik die Grundlage entzogen wunde. Es ist bezeichnend, daß vor 40 Jahren im alten Österreich ein fast rein bürgerliches Parlament die Krankenversicherung geschaffen hat, bezeichnend der Umstand, daß, als Lueger den Antrag stellte, 100 Mill. als Grundstein zur Sozialversicherung im Jahre 1908 als Jubiläumsspende zu widmen, von den Sozialdemokraten der Gegenantrag kam, den Betrag lieber für Tuberkulosenheime zu verwenden. Wir Christlichsozialen bauen die Politik auf dem Boden des Solidarismus aller Stände auf und streben eine unparteiische Ausgleichung der entgegengesetzten Interessen, eine gerechte Verteilung der öffentlichen Lasten, eine tatkräftige Unterstützung der wirtschaftlich Schwachen an. Wer engherzig nur die Interessen eines einzigen Standes verteidigt, leistet keine Staatsarbeit, weil der Staat nicht nur aus einem Stande besteht. In der Sozialversicherung sehen wir kein Geschenk der Allgemeinheit an den Einzelnen, sondern ein wohlverdientes Entgelt an ganze Schichten, die ihr ganzes Leben lang Fleiß und Schweiß dem Ganzen, dem Volk und dem Staate gewidmet haben. Es ist recht und billig, daß der Unternehmer nicht bloß den gerechten Lohn zahlt, sondern auch beiträgt, daß der Arbeiter, wenn er im Dienst des Unternehmens seine Kräfte verbraucht hat. krank, siech und alt geworden ist, nicht dem Armenhaus zur Last fällt, sondern Anspruch auf einen entsprechenden Lebensunterhalt erhallt. Was gemeinsam arbeitet, soll auch gemeinsam für einander sorgen. In der Sozialversicherung kommt die lebendige Solidarität zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer am schönsten zum Ausdruck.

Als Volkspartei in einer nicht sozialistischen Regierung blieben wir uns unserer Pflicht bewußt, zu wachen, daß die sozialen Errungenschaften der ärmsten Stände unseres Volkes, der Arbeiter, gewahrt bleiben. Unsere Partei ist mit Ernst an die Novellierung geschritten. Dr. Schönbaum hat den Wunsch geäußert, daß die Sozialversicherung wie bisher nur von fachmännischen, objektiven und wissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden soll und soweit als möglich parteitaktischen und politischen Erwägungen entrückt werde. Wir sind dem Wunsche nachgekommen und haben uns bemüht, die Novelle aus dem Strudel des parteipolitischen Kampfes in den geschützten Hafen sachlicher Verbesserungsarbeit zu lenken. Wir haben es im vorhinein abgelehnt, sie als bloßes Kampfobjekt gegen die Sozialdemokratie zu benutzen, wir hatten auch keine fetten Direktorenpfründen zu verteidigen und konnten unvoreingenommen an das Werk schreiten. Das Wohl der kranken, siechen und alten Arbeiter war unser Leitstern. Es galt auch, manche unnötige Härte für die erwerbenden Stände zu beseitigen, Lasten zu vermindern. Wir haben der Verbilligung Rechnung getragen und hiemit auch dem nicht auf Rosen gebetteten Bauern- und Gewerbestande die Hauptforderung erfüllt. Andererseits waren uns maßgebend die Urteile unserer christlichen Arbeitergewerkschaften, welche in wiederholten Memoranden zur Novelle Stellung nahmen. Mit aufrichtiger Genugtuung können wir konstatieren, daß so ziemlich alle Forderungen unserer christlichen Gewerkschaften durchgesetzt worden sind. Wir waren grundsätzlich gegen jede Überhastung und haben es wärmstens im Sinne echter Demokratie begrüßt, daß auch die Vertreter der Opposition zur praktischen Mitarbeit herangezogen wurden, ein Vorgehen, wie es bei der früheren Koalition ganz unmöglich gewesen wäre. Es wurden alle Stimmen der interessierten Kreise gehört, das Urteil von Fackmännern eingeholt und berücksichtigt. Es ist in der Innenpolitik der Èechoslovakei kein zweiter Fall bekannt, wo eine Regierung in gleich toleranter und liberaler Weise vorgegangen wäre, wie diesmal. Das „Národní Osvobození“, ein Blatt, das uns Christlichsozialen nichtgeradefreundlich ist, hat uns ein ehrenvolles Zeugnis ausgestellt; es schrieb: „Zum Glück für die Koalition und für den Staat siegte die Vernunft. Sie siegte offenbar, weil die Koalition in Sachen der Sozialversicherung nicht einig war und einige Parteien von ihr sich um eine Einigung mit den Sozialisten bemühten. In dieser Richtung traten am entschiedensten die deutschen Christlichsozialen hervor. „ Wie recht wir gehandelt, bestätigt uns kein geringerer, als Minister Dr. Spina selber, der es am Mähr. Schönberger Reichsparteitage des Bundes der Landwirte als „ein Verdienst von geschichtlicher Bedeutung hinstellte, daß die Mehrheit den Weg zum Verhandlungstisch gefunden hat, um womöglich mit den Führern der Arbeiterschaft eine Lösung zu vermitteln. Es wurde derart auf dem Boden der Praxis mit dem rücksichtslosen Klassenprinzip gebrochen“. Es sind billige Brombeeren, wenn von sozialistischer Seite nun prahlerisch verkündet wird, was Gutes an der Novellierung ist, hätten die Sozialilisten getan. Hätten nicht unsere christlichen Gewerkschaften durch Aufstellung der gleichen Forderungen den Boden für eine Verständigung vorbereitet und in den Vertretern unserer Partei wackere Verteidiger der Arbeiterinteressen gefunden, wäre es nie zu einer Verbesserung der Vorlage gekommen, der erste Entwurf wäre trotz aller Straßendemonstrationen dennoch Gesetz geworden. Die Vertreter der christlichen Volksparteien und zumal auch Abg. Èuøík dürfen sich das Verdienst am Gelingen des großen Verständigungswerkes zuschreiben. Schließlich wurde das Gesetz doch nur mit den Stimmen der Majorität angenommen, trotz aller selbstbeantragten Verbesserungen stimmte die Opposition dagegen.

Ehrlich muß gesagt wenden, es ist wohl selten eine Vorlage so gründlich behandelt worden, wie die Novellierung der Sozialversicherung, über welche fast ein ganzes Jahr beraten und verhandelt wurde. Sie liegt nun zur Beschlußfassung im Senate vor. Wir sind uns dessen bewußt, daß, sie noch lange nicht das Ideal einer Sozialversicherung ist. Es haften ihr wie jedem Menschenwerk noch manche Mängel an. Sie ist eben auch ein Kompromißwerk, das von den wirtschaftlichen Verhältnissen abhängig gemacht wird. Mancher Verbesserungsantrag der Opposition wäre auch uns sympathisch, z. B. die Einführung der Lohnklasse 11 und die Verpflichtung der jugendlichen Fabriksarbeiter zur Sozialversicherung. Das Problem der Saison- und Heimarbeiter würde eine noch bessere Lösung vertragen, aber bei den beispiellos elenden Lohnverhältnissen der Heimarbeiterschaft ist leider Gottes im Vorhinein jeder Verbesserungsvorschlag als undurchführbar erledigt.

Mein Klubkollege Zajièek hat in seiner Rede im Abgeordnetenhaus im einzelnen die Verbesserungen hervorgehoben, die erreicht worden sind. Die Beitragsleistung wurde in der Klasse Aa um 59.53% ermäßigt, in der Klasse Ab um 16.28%, B um 10.53%, C um 7.04%, D um 4.55%. Die Lasten wurden also tragbar gemacht. Kinder von Landwirten und Handwerkern, die beim Vater arbeiten, werden fortan nicht mehr versicherungspflichtig sein. Das Krankengeld wird vom 3. Tage an gezahlt werden, die sechswöchige Schutzfrist lebt bei einer neuen, wenn auch ganz kurzfristigen Arbeit wieder auf; die Wartezeit beträgt bei der Alters- und Invaliditätsversicherung fortan nur 100 Beitragswochen, der Grundbeitrag des Staates ist auf 550 Kè erhöht, die Waisenrente wird auf ein Viertel der Invalidenrente erhöht und beginnt schon bei einem Kinde; Anspruch auf die Altersrente beginnt mit 65 Jahren schon bei halber Arbeitsfähigkeit, der Witwe gebührt der Anspruch bedingungslos mit 65 Jahren, die Waisenrente wird auch auf die unehelichen Kinder erweitert, die Rente des arbeitsunfähigen Invaliden und der Waisen bis 14 Jahre um 50% erhöht, eine Aussteuer von 500 bis 600 Kè weiblichen Versicherten gewährt, die sich verheiraten und auch ein zweitesmal gezahlt, wenn sie nach 5 Jahren noch einmal heiraten. Das sind tatsächlich wertvolle Verbesserungen, die auch jeder ehrliche Gegner anerkennen muß.

Wir sind energisch auch für die Aufrechterhaltung der Krankenkassenverbände eingetreten. Wir haben dieselben immer als ein Stück Selbstverwaltung betrachtet und deren historisches Verdienst anerkannt. Wenn die Auflösungsgalgenfrist von 5 Jahren in letzter Minute gefallen ist, so ist es ein Verdienst unseres Vertreters in der Osmièka, im Achterausschuß gewesen. Daß durch die Novellierung eine größere Kontrolle der Krankenkassen und deren Verwaltung ermöglicht wird, ist nur im Interesse des Arbeiters zu begrüßen. Für jede Mißwirtschaft muß schließlich nur der Arbeiter büßen. Je mehr die ganze Krankenversicherung entpolitisiert und neutral verwaltet wird, umso besser wird sie für das zahlende Proletariat. In der Heilfürsorge soll der Arbeiter auch künftig nicht verkürzt werden. Wir erwarten auch, daß bei der Anstellung von Beamten dem Nationolitätenschlüssel im Bezirke Rechnung getragen wird. Daß neben diesen Vorteilen noch einige Mängel zutage treten, soll uns nicht hindern, dennoch geschlossen für die Novellierung zu stimmen, wie wir es 1924 beim ersten Gesetze getan haben. Wir brauchen nicht erst russisch zu lernen, um auch dem Arbeiter zu geben, was dem Arbeiter gebührt, ohne hiedurch die Interessen anderer Stände zurückzusetzen. Wir lehnen jeden Klassenhaß und jeden Klassenkampf ab, weil wir im Innersten überzeugt sind, daß eine Sozialpolitik, welche Wunden heilen soll, nicht von Haß durchtränkt sein darf. Sozialpolitik wird erst dann den vollen Segen bringen, wenn sie aufgebaut ist auf den ewigen Grundsätzen des Christentums. Wir müssen bei allen sozialen Problemen immer noch an einer Sanierung der Geister, der Seelen weiter arbeiten, denn nur bessere Menschen werden bessere Zeiten schaffen. (Souhlas senátorù nìm. køes». soc. strany.) Endziel aller Wirtschaft muß immer der Mensch sein, während heute Technik und Arbeit, Mann und Maschine nur dem Profite dient. Wir erstreben eine Wirtschaftsordnung, in der die Arbeit gilt, in der die Arbeit zum Eigentum führt und der Arbeiter die Frucht seiner Arbeit genießt, eine Wirtschaftsordnung, die auf die Befriedigung des Lebensbedarfes aller Volksschichten gerichtet ist, wo Arbeitgeber und Arbeitnehmer als, Menschen neben einander stehen und mit einander wirken, echte Volksgemeinschaft.

Wenn ich im heutigen „Sozialdemokrat“ den Satz lese: „was die Arbeiterschaft an sozialen Errungenschaften besitzt, verdankt sie in keinem einzigen Falle der sozialen Einsicht, der Menschlichkeit der Bourgeoisie“, so möge die Annahme der Novellierung wieder einmal das Gegenteil dieser Behauptung beweisen. Wir fordern nur, daß auf sozialem Gebiete kein Stillstand eintrete, daß nun baldigst auch die Privatbeamtenversicherung Gesetz werde und die Überalten wirklich mit 1. Jänner 1929 zu ihrem Rechte kommen, daß das Genter System vernünftig novelliert werde und endlich der Invaliden und Altpensionisten nicht vergessen werde. An unserer Mitarbeit soll es nicht fehlen.

Wenn ich schließlich noch zur Regierungserklärung des Herrn Minsiters Dr. Spina Stellung nehme, so kann ich nach so vielen Prager Bauunglücken nur die eindringliche Forderung erheben, daß mit aller Entschiedenheit endlich einmal Vorkehrungen getroffen werden zur Sicherheit des Lebens, daß die Bauinspektion in technischer Hinsicht unter weitgehendster Teilnahme der Arbeiterschaft gesetzlich festgelegt werde und eine befriedigende Lösung des ganzen Bau- und Wohnungswesens gesucht werde. Es zeigt einen großen Tiefstand politischer Moral, wenn selbst so erschütternde Unglücksfälle herhalten müssen, um daran eine erkaltende Parteisuppe aufzuwärmen und den Regierungsparteien einfach alle Schuld in die Schuhe zu schieben. Nicht Jammern und unmännliches Klagen beseitigt Mißstände, sondern opferbereite Tat und zu dieser mögen Abgeordnetenhaus und Senat sich bald aufschwingen. Dies ist unser Wunsch. (Potlesk a souhlas stoupencù.)