Wir können es nicht widerspruchslos hinnehmen, wenn Herr Minister Neèas in seiner Antwort davon spricht, daß durch die größeren Zuwendungen der èechischen Jugendfürsorgezentrale an die èechischen Bezirksjugendfürsorgen in den sudetendeutschen Gebieten das èechische Gebiet Innerböhmens verkürzt worden sei. Der Lokalpatriotismus, der sich in jedem Bezirke zeigt, hätte eine Verschiebung der Gelder nicht zugelassen, wenn hier ein wahrer Notstand geherrscht hätte. Im sudetendeutschen Gebiet könnte so ein Verzicht nie eintreten, weil es überall Not gibt. Wo es nur halbwegs ging, wurde gleichfalls verzichtet, wie es die Bezirke Auscha und Deutsch-Gabel notgedrungen tun mußten. Dabei ist aber z. B. zu beachten, daß im Armenhaus in Auscha allein 12 Familien mit 29 minderjährigen Kindern und im Bezirk mindestens 800 unterstützungsbedürftige Kinder leben. Für diese mußte vielfach durch Naturalspenden gesorgt werden.
Weiters wurde vom Herrn Minister Neèas ausgeführt, daß die deutschen Bezirke und Gemeiniden den èechischen Bezirksjugendfürsorgen keine oder wenig Zuschüsse geben und im besten Fall den nationalen Schlüssel einhalten. Uns ist, offengestanden, nicht ganz verständlich, wieso einmal der nationale Schlüssel das Höchstmaß an Objektivität darstellt, wenn er den Deutschen gegenüber angewendet wird, aber anderseits von Zuwendungen gesprochen, wird, die nur im Verhältnis des Nationalitätenschlüssels an Èechen gegeben werden, wobei man damit den Vorwurf zu geringer Zuwendungen verbindet. Uns ist allerdings nichts von einer Beschwerde einer èechischen Bezirksjugendfürsorge bekannt, der nicht sofort stattgegeben worden wäre. Wo wirklich Èechen mit weniger als dem schlüsselmäßigen Betrag beteilt worden sein sollten, war eben die Not auf deutscher Seite um so viel größer, daß man èechischerseits stillschweigend auf die Einhaltung des Schlüssels verzichtete. Solche Fälle werden sicher mehr als ausgeglichen durch den Umstand, daß in Bezirken, wo die Deutschen eine kleinere Minderheit bilden, diese vielfach überhaupt bei Bezirk und Gemeinden vollkommen leer ausgehen. Die Verschuldung deutscher Bezirke und Gemeinden bringt es außerdem mit sich, daß eine deutsche Bezirksjugendfürsorge im rein deutschen Gebiet von dieser Seite immer weniger zu erwarten hat, als eine èechische Jugendfürsorge im rein èechischen Gebiet. In vielen gemischten Bezirken gehen die deutschen Bezirksjugendfürsorgen bei den Zuschüssen des Bezirkes vollkommen oder fast leer aus. Ich erwähne hier die Bezirke Königinhof, Taus, Klattau, Prachatitz, Böhm. Budweis, Neuhaus und vor allem die Slovakei, wo Bezirksausschüsse an deutsche Bezirksjugendfürsorgen zu den Seltenheiten gehören. Im Bezirke Turè. Sv. Martin z. B., indem die deutsche Bezirksjugendfürsorge eine eigene vollqualifizierte Fürsorgerin erhält, bekommt diese vom Bezirk keinen Heller, die slovakische Bezirksjugendfürsorge hingegen eine Bezirkssubvention von 12.200 Kè und den vollen Gehalt zweier Fürsorgerinnen.
Die Ressortbeamten des Sozialministeriums sind weiter der Meinung, daß das èechische Element im deutschen Gebiet vorwiegend den sozial schwächeren Schichten angehört. Unseres Wissens sind die Èechen hier meist Angestellte und Arbeiter der Post, der Eisenbahn, der Finanzbehörden, des Gerichtes, Steueramtes oder Gendarmen, Polizisten, Lehrer u. s. w. Wenn es außer diesen Festbesoldeten in den deutschen Gebieten noch so viele èechische Arbeitslose geben soll, ist es uns unerfindlich, warum man bei sehr vielen öffentlichen Bauten und Arbeiten im deute sähen Gebiet ausgerechnet èechische Arbeiter Innerböhmens manchmal von weit her heranholt.
Unrichtig ist auch die Auffassung, daß die deutsche Jugendfürsorge, ebenso wie es die èechische tut, in ihre kleinen Bezirksjugendfürsorgen an der Sprachgrenze relativ mehr hineinsteckt als im geschlossenen deutschen Sprachgebiet, wie es analog die Èechen tun. Diese Tatsache läßt sich leicht überprüfen.
Wenn die deutsche Jugendfürsorge in einigen Bezirken auffallend wenig und im ganzen vielleicht zu wenig Kinder für die Beteilung aus staatlichen Mitteln zum Zwecke der Bespeisung gemeldet hat, so geschieht das einfach deswegen, weil die deutsche Jugendfür- sorge seit Jahren weiß, daß die hohe Bürokratie unter keinen Umständen vom nationalen Schlüssel abgeht, auch dann nicht, wenn die deutsche Jugendfürsorge ebenso viel bedürftige Kinder melden würde, als es èechischerseits geschieht. Zweifellos spielt bei der größeren Kinderanzahl der èechischen Jugendfürsorgen auch die weitherzigere Auslegung des Durchführungserlasses eine nicht unwesentliche Rolle. Den Luxus, in rein landwirtschaftlichen Gebieten zu bespeisen, kann sich die deutsche Jugendfürsorge jedenfalls nicht leisten.
Die hohe Bürokratie des Sozialministeriums ist der Meinung, daß die èechischen Bezirksjugendfürsorgen in den deutschen Gebieten für Bespeisungszwecke nicht mit Mitteln der öffentlichen Wohltätigkeit rechnen können. Wir sind der Meinung, daß für weniger wichtige Zwecke èechischerseits noch immer Geld vorhanden ist, wenn es z. B: darum geht, Èechisierungsvereine zu unterstützen, Schulpaläste zu bauen oder deutsche Kinder durch materielle Vorteile in èechische Schulen zu bringen. Die Ressortbeamten des Herrn Ministers Neèas sind weiterhin der Ansicht, daß den deutschen Bezirksjugendfürsorgen vermögende Privatfaktoren zur Seite stehen. Das Steueramt dürfte darüber anders denken. Es möge aber auch nicht vergessen werden, daß der kleine Teil gutsituierter Sudetendeutscher immer wieder um geldliche Unterstützung angegangen wird, sei es von der sudetendeutschen Volkshilfe oder dem Bunde der Deutschen und anderen Organisationen, die so gut wie gar keine staatliche Unterstützung im Gegensatz zu ähnlichen èechischen Verbänden erhalten.
Zur Frage der lokalen Zuschüsse möchte ich Folgendes anführen: So weit mir bekannt ist, sind den staatlichen Bezirks- und Polizeibehörden amtliche Aufträge zugegangen, bei Bewilligung verschiedener Sammlungen und Veranstaltungen, z. B. im Kinderschutzmonat Oktober, Abgaben von den Veranstaltern zugunsten der Jugendfürsorgen einzuheben. Hiebei wie z. B. auch bei der Vergabe von Kinolizenzen entfällt auf die Èechen der Löwenanteil.
Die beispiellose Not unter der deutschen Jugend bringt es mit sich, daß die deutschen Jugendfürsorgeorganisationen für Arbeitsbereiche, die èechischerseits weitgehend der Staat finanziert, wie z. B. Bekleidungs- und Ernährungsaktion Geldmittel aus solchen Bereichen der Jugendfürsorgearbeit herausnehmen müssen, deren Betreuung vom Standpunkt einer modernen und großzügigen Auffassung viel wichtiger wäre.
Bei der Beschäftigung mit all diesen Fragend kommt man deutscher- wie èechischerseits immer wieder zu der Erkenntnis, daß der Opferwille und die freie Wohltätigkeit auf deutscher Seite größer ist. Die Èechen haben sich angewöhnt wie folgt zu denken: Wir haben uns den eigenen Staat durch Blut, Arbeit und Schweiß der Besten unseres Volkes erkämpft, nun soll dieser unser Staat für uns und unsere Kinder sorgen. Nur aus dieser Mentalität heraus ist es erklärlich, daß so viele èechische Wohlfahrtsaktionen blamabel enden. Ich erinnere nur an das klägliche Sammelergebnis von 20.000 KÈ an einem Oktobersonntag in Prag, wo Prominente des èechischen öffentlichen Lebens, wie z. B. der Schriftsteller Karel Èapek und andere höchstpersönlich sammelten und wo hohe Staatsfunktionäre das Protektorat innehatten. Ich fordere Sie auf, einmal die Jahresberichte èechischer und deutscher gleichgerichteter Organisationen zu vergleichen und auf die freiwilligen Beiträge der Bevölkerung hin zu untersuchen. Die jüngste deutsche Landeskommission in Bratislava z. B. bringt annähernd die Hälfte ihres Erfordernisses aus eigenen Mitteln auf, die slovakische Schwesterorganisation knapp 10%. In einem Artikel des "Èeské slovo" gegen Ende das Jahres 1935 wird das Ergebnis von ½ Million aus der deutschen Oktobersammlung als beispielgebend hingestellt. Ich erinnere schließlich an das 14-Millionen Sammelergebnis der sudetendeutschen Volkshilfe und Sie werden mir glauben und sich durch Einsichtnahme in die Abrechnungen davon überzeugen können, daß deutscherseits der Großteil der lokalen Zuschüsse aus der privaten Wohltätigkeit stammt. Wenn also die Ressortbeamten des Sozialministeriums die deutsche Kopfquote in 10 Bezirken von 60 KÈ der èechischen von 37,70 Kè gegenüberstellen, so schmücken sich diese Herren und mit ihnen das èechische Volk mit fremden Federn. Nur wenn man so argumentiert, wie es seine Ressortbeamten tun, kann Minister Neèas im besten Glauben davon sprechen, daß das finanzielle Gesamtergebnis der Ernährungsaktion für die deutsche Bevölkerung weitaus günstiger ist, als für die èechische und daß beim Nationalitätenschlüssel die èechischen Kinder verhältnismäßig schlechter daran sind. Daß bei -dieser Feststellung des Ministers und bei der Gegenüberstellung der von mir als Irreführung und Demagogie nachgewiesenen Kopfquoten èechische Abgeordnete aller Richtungen und die deutschen Regierungsparteien den lautesten Beifall zollten und über meine Kameraden herzufallen drohten, ist ein Beweis für die Oberflächlichkeit, mit welcher man sich auf èechischer Seite mit diesen Dingen beschäftigt und ein Beweis dafür, wie weit die deutschen Regierungsparteien in ihrer Liebedienerei und in ihrer Selbstaufgabe bereits gekommen sind.
Eine Überprüfung der gesamten Fürsorgemaßnahmen, an denen der Staat und besonders das Sozialministerium beteiligt ist und welche Ihnen, meine Herren, auf Grund meiner wahrheitsgemäßen Darlegungen nun selber vielleicht notwendig erscheint, hätte freilich dann keinen Sinn, wenn sie von den gleichen Ressortbeamten mit der gleichen voreingenommenen Einstellung durchgeführt würden. Wenn man sich alle diese Zahlen und Tatsachen vor Augen hält, die jedem einfachen Mitarbeiter auf dem Gebiete der Jugendfürsorge weit besser bekannt sind als den Herren am grünen Tisch, muß man es schon als eine starke Zumutung empfinden, daß man nicht. nur die Plakatierung der Ministerrede verlangt hat, die vollinhaltliche Veröffentlichung in allen Blättern, sondern, daß man sie sogar den deutschen Landeskommissionen zugeschickt hat und auf diese dahin einwirkt, daß diese Rede möglichst weit verbreitet werde. Man vergißt, daß diese Organisationen die Zusammenhänge klar erkennen und daß man im vorliegenden Fall schon bald 8 Jahre um eine Abänderung der Zustände im Sinne der von uns eingebrachten Interpellation kämpft.
Ich hoffe, bisher bewiesen zu haben, daß es der Beamtenschaft des Herrn Ministers darum ging, die in ihrer absoluten Richtigkeit nicht anzweifelbaren Daten unserer Interpellation so zu verschieben, daß sich daraus ein vollkommen falsches Bild ergeben mußte. Herr Minister N e È a s befindet sich heute in einer unangenehmen Lage, ohne daß er an dieser schuld wäre. Er wird es also als gerecht empfindender Mensch nicht vermeiden können, unsere sachlichen und belegbaren Angaben zur Kenntnis zunehmen und damit von dem von seinen Beamten ausgearbeiteten Redetext abzurücken.
Denn selbst wenn wir die für das Sudetendeutschtum ungünstigsten Zahlen aus allen möglichen Kombinationen zum Vergleich mit den gleichen Zahlen des èechischen Elementes heranziehen, u. zw. den Aufwand der Be speisungsaktion in den Ländern Böhmen, Mähren und Schlesienberechnet auf einen Einwohner, ist das Bild noch immer klar: Das Verhältnis des staatlichen Beitrages zu den selbstaufgebrachten Mitteln beträgt bei den Deutschen 18,55 % zu 81,45 %, bei den Èechen 26,25 % zu 73,750 %. Der Gesamtaufwand der Deutschen verhält sich zum Gesamtaufwand der Èechen wie 1,55 zu 1. Der staatliche Zuschluß für die Deutschen verhält sich zum staatlichen Zuschuß für die Èechen wie 1,09:1. Die von den Deutschen selbst aufgebrachten Mittel verhalten sich zu den von den Èechen selbst aufgebrachten Mitteln wie 1,7:1. Trotz dieses auch bei dieser Berechnungsmethode klar zutage tretenden Unrechtes an den Sudetendeutschen haben erst vor einigen Tagen wieder die Tagesblätter die Nachricht gebracht, daß auch heuer wieder der gleiche unhaltbare nationale Schlüssel bei der Zuweisung der staatlichen Subvention auf die èechischen und deutschen Landeskommissionen für Jugendfürsorge an gewendet worden ist, trotzdem der Herr Minister und seine Beamten auf Grund unserer Interpellation ganz bestimmt die Möglichkeit gehabt haben, sich davon zu überzeugen, daß uns Deutschen damit ein großes Unrecht geschieht.
In den Ausführungen des Herrn Ministers kommt auch dieser Satz vor: "Es sei hervorgehoben, daß in allen Fürsorgefragen in einem gewissen Bezirk immer die Anzahl der Arbeitslosen entscheidet." Minister Neèas bringt dann für diese nicht anfechtbare Feststellung Beispiele aus 7 anderen Bereichen der sozialen Fürsorgemaßnahmen. Sie liefern uns gleichzeitig die ausgezeichneten Beweise für die Richtigkeit unserer in der Interpellation mit Tatsachenmaterial unterbauten Behauptung, daß man bei der Unterstützung der Bespeisungsaktion aus staatlichen Geldern mit dem nationalen Schlüssel genau so wenig auskommt, wie bei der vom Minister zitierten Ernährungs, Weihnachts- und Kartoffelaktion, der Milchaktion, bei der Zuteilung an Naturalien, Kohle, Brot und Kartoffeln und schließlich bei der Hilfsaktion der arbeitslosen Jugend. Denn wenn bei allen diesen Aktionen die Deutschen absolut mehr oder nur ein Geringes weniger erhalten als die Èechen und hier aber auch nicht im geringsten der nationale Schlüssel eingehalten erscheint, so führen das die deutschen Regierungsparteien in ihrem blinden Haß gegen uns, die Ressortbeamten des Ministers aber kurzsichtigerweise und in dem krampfhaften Bemühen, Argumente zu finden, wahrscheinlich als einen Beweis gegen die Richtigkeit unserer Interpellation an. Jeder nüchtern denkende Mensch muß aber schon bei oberflächlicher Betrachtung erkennen, daß man für unsere Behauptungen von der Untragbarkeit des nationalen Schlüssels bei den Staatszuschüssen für die Kinderhilfsernährungsaktion keinen schlagenderen Beweis anführen konnte, als die vom Herrn Minister zitierten 7 verschiedenen Hilfsaktionen. Denen aus den vom Herrn Minister angeführten Unterstützungsaktionen der Jahre 1930 bis 1935 in 50 vorwiegend deutschen und 103 èechischen Bezirken Böhmens und Mährens und aus den von ihm selbst genannten Zahlen geht ganz klar und jederman erkennbar hervor, daß der scheinbar als heilig angesehene nationale Schlüssel überall überschritten wurde, u. zw.: 1. Bei der Ernährungs-, Weihnachts- und Kartoffelaktion um 220,427.151 Kè, d. s. 73,40 %. 2. Bei der Milchaktion, um 21,637.445 halbe Liter, das sind 64,44 %. 3. Bei der Zuteilung von Naturalien (Getreide, Zucker, Graupen, Gerstenkaffee und Mehl) um 149.009 q, d. s. 65,87 %. 4. Bei der Zuteilung an Kohle um 106.008 q, d. s. 54,16 %. Bei der Zuteilung an Brot um 580.485 Stück, d. s. 72,69 %. 6. Bei der Zuteilung an Kartoffeln um 54.424 q, d. s. 67,04 %. 7. Bei der Errichtung von Heimen für die arbeitslose Jugend um 12 Heime, d. s. 46,15 %.
Bei allen sieben vorstehend angeführten sozialen Aktionen des Ministeriums für soziale Fürsorge wurde der nationale Schlüssel, von dem man bei der Kinderernährungsaktion nicht abgehen will, um durchschnittlich 63,53 % überschritten.
Bei der Praktizierung des Genter Systems kommt die Nichteinhaltung des nationalen Schlüssels ganz besonders deutlich zum Ausdruck. In den Jahren 1933 bis 1935 erhielten nach den Zahlendes Herrn Ministers Neèas die èechischen Gewerkschaften 959,000.000 Kè, die deutschen Gewerkschaften 704,940.948 Kè und die gemischten Gewerkschaften 135,073.000 Kè an staatlichem Beitrag. Es ist allgemein bekannt, daß die Grundlage für die Zuerkennung des staatlichen Zuschusses die Anzahl der arbeitslosen Mitglieder der Gewerkschaften darstellt, eine Zahl also, die selbstverständlich nicht mit dem nationalen Schlüssel übereinstimmen kann. Warum wurde bei allen diesen Aktionen der nationale Schlüssel überschritten? Die Antwort lautet klar und deutlich: Weil bei allen diesen Hilfsaktionen nicht das freie Ermessen eines Ressortbeamten und als Ergebnis dieses freien Ermessens ein fiktiver nationaler Schlüssel maßgebend war, Wie das ungesunderweise bei der staatlichen Kinderhilfsernährüngsaktion der Fall ist, sondern weil hier der tatsächliche Notstand den Ausschlag gab. Hier ging man von der genau erfaßbaren Zahl der Arbeitslosen oder doch wenigstens von der einigermaßen richtigen Zahl der Arbeitslosen aus und wir können ruhig behaupten, daß der nationale Schlüssel bei allen diesen Aktionen noch mehr überschritten worden wäre, wenn man alle Arbeitslosen und die wirkliche und wahrhaftige Notlage des Sudetendeutschtums hätte erfassen können.
Die Forderung unserer Interpellation lautet demnach: Weg mit dem nationalen Schlüssel bei der Kinderbespeisung, weil dieser nacionale Schlüssel ja ohnedies bei keiner anderen Aktion, die im Gegensatz zu dieser auf gesetzlicher Grundlage und amtlichen Ziffern aufgebaut ist, eingehalten werden kann.
Im zweiten Teil seiner Rede hat uns also der Herr Minister in einer Form recht gegeben, welche wir nie und nimmer erwarten konnten, wenn wir z. B. die nichtssagende und betont zynische Antwort, der Regierung vom 5. November 1936 auf unsere Interpellatiou vom 4. Juni 1936 über den Mißbrauch des Ergebnisses der 5 Heller-Abgabe aus dem Getreidemonopol für Zwecke der Jugendfürsorge durch Vergabe an einzelne politische Parteien ins Auge fassen. In beispielloser Ungeschicklichkeit versuchen die deutschen Regierungsparteien als Initiatoren der Ministerantwort im ersten Teil des Elaborates die Unrichtigkeit unserer Interpellation und ihre demagogische und gegen den Staat gerichtete Aufmachung nachzuweisen, um uns im zweiten Teil 100%ig in allen unseren Behauptungen rechtzugeben. Wir sind vollkommen davon überzeugt, daß der Herr Minister aus der durch Mißbrauch seiner Person hervorgegangenen Schiebung von Tatbeständen in ihr Gegenteil die Konsequenzen ziehen wird, die wir von ihm als einem objektiven und gerechten Menschen erwarten dürfen.
Wenn also die èechischen Zeitungen und die Zeitungen der deutschen Regierungsparteien sich gegenseitig darin überboten, die Rede des Herrn Ministers zu zitieren und für unsere Partei dabei Ausdrücke abfielen, wie "systematische Hetze gegen das demokratische Regime", "vollständige Haltlosigkeit der Behauptungen", "grobe Unwahrheiten", "eine nur angebliche Zurücksetzung" und schließlich behauptet wurde, daß dem Herrn Minister "der volle Nachweis auf Grund eines ungemein reichhaltigem und überzeugenden Ziffernmaterials" gelungen sei, und schließlich auch noch triumphierend erwähnt wird, daß unsere Abgeordneten nach und während der Rede bestürzt in ihren Bänken gesessen seien, so geben wir die Bestürzung gerne zu. Bestürzt waren wir aber alle über so viel Kritiklosigkeit und Hemmungslosigkeit auf Seiten unserer politischen Gegner und über die Oberflächlichkeit und den Mangel an Logikbei den Initiatoren dieser Aktion und bei den Ressortbeamten des Ministeriums und schließlich über den Beifall, der trotz des erkannten Schwindels aus den Bänken aller èechischen Abgeordneten und der deutschen Regierungsparteien kann. Zum Beweis dafür, wie wenig dazu gehört, um in den uns feindlichen Zeitungen Äußerungen gegen uns und Beleidigungen schlimmster Art hervorzurufen, will ich zur Abrundung dieses ganzen Bildes nachfolgende Zeitungen zitieren
Das "Èeské slovo" spricht von Lügenhaftigkeit, untistaatlicher Tätigkeit unserer Partei, von Hochverrat und Verlogenheit. Die "Lidové noviny" erklären, daß der Minister mit einfachen Zahlen und Tatsachen geantwortet habe und daß das immer geschehen sollte. Voll einverstanden erklären wir uns finit dem Vorschlag dieses Blattes, daß eine eigene parlamentarische Kommission die Richtigkeit aller Klagen unserer Partei objektiv feststellen möge. Der "Sozialdemokrat" spricht von uns als "Falschspielern und Hasardeuren" und hält die Rede des Herrn Ministers für einen lückenlosen Wahrheitsbeweis, der sich von sachlichen Motiven leiten ließ. Unsere Interpellation hingegen sei ein gewissenloses und eindeutige Tatsachen fälschendes Spiel mit erfundenen Zahlen, eine planmäßige Brunnenvergiftung, unsere Partei sei von der Tribüne des Parlaments herab der Verbreitung von Lügen und Fälschungen überwiesen worden. Wir hätten verdient, von unseren Wählern mit nassen Fetzen davongejagt zu werden. Unser Vorgehen sei ein Beispiel moralischer Verderbtheit, politischer Unreife und Gewissenlosigkeit, die ihresgleichen suchen.
In der Preisgäbe nationaler Interessen geht das Blatt der deutschen Sozialdemokraten sogar so weit, daß es entgegen seiner zweifellos besseren Einsicht behauptet die deutschen Gebiete hätten mehr bekommen als die èechischen Gebiete. Dafür wirft uns allerdings das gleiche Blatt vor, daß wir "ohne Verantwortung für die Nation, ohne Rücksicht auf die Interessen des sudetendeutschen Volkes aus rein. parteipolitischen Motiven und im Dienst ausländischer Propagandastellen die schwersten Gefahren über das Sudetendeutschtum heraufbeschworen hätten". Wir hätten Volksverrat schlimmster Art getrieben. Der Minister hätte es leicht gehabt, mit unseren nebulosen Ziffern zu polemisieren. Eine Minderheit müßte bei der Wahrheit bleiben, während die von uns vorgebrachten Ziffern falsch gewesen seien. Nachdem die deutschen Sozialdemokraten mit dieser Schimpforgie der öffentlichkeit gezeigt hatten, wer hinter dieser mißglückten Attacke gegen die SdP steht, strafen sie sich mit der sonderbaren Logik selber Lügen, indem der "Sozialdemokrat" im gleichem Artikel abschließend schreibt: "Gewiß sind in den Bezirken mit deutscher Mehrheit Not und Elend weit größer als in den èechischen, deshalb haben wir uns bemüht, auf die Regierung und Verwaltung einzuwirken, damit hier nicht etwa nach dem Bevölkerungsschlüssel vorgegangen wird, sondern nach dein einzig möglichen Schlüssel des tatsächlichen Bedürfnisses." Die Worte über den einzig möglichen Schlüssel und das tatsächliche Bedürfnis sind im "Sozialdemokrat" wie zum Hohn sogar gesperrt gedruckt.
In der Reihe der objektiven Berichterstatter können selbstverständlich die deutschen Christlichsozialen nicht fehlen. Die "Deutsche Presse" schreibt, daß der ganze Vorfall wieder einmal beweise, wie wenig die SdP ihre politischen Aktionen sachlich vorbereite und wieso es zu erklären ist, daß diese Partei, die über den größten Parteiapparat verfügt, keine politischen Erfolge erzielen kann. Ob nun alle die zitierten Zeitungen, die bei einigem guten Willen die Stichhaltigkeit unserer Argumente einsehen müßten, nun auch den Mut haben werden, ihren Lesern davon zu berichten, ist seine offene Frage.
Zum Abschluß möchte ich noch den Herrn Minister Neèas zitieren, der sagte: "Ich ersuche die Herren, welche die Interpellation wegen der angeblichen Bedrückung der deutschen Bevölkerung bei den verschiedenen Hilfsaktionen überreicht haben, ihre Ausführungen sowohl im Parlament als auch in der Presse zu berichtigen und ihren Lesern und Mitgliedern zu erklären, wie die wahre Sachlage beschaffen ist. Ich verlange das."
Ich möchte das gleiche Ersuchen, wortwörtlich auch als die Bitte unserer Partei hier zum Ausdruck bringen, denn wir haben den Wunsch, auf Grund von Tatsachen, welche jeder Kritik standhalten müssen, - das Zusammenleben der Völker im Staate auf der Grundlage des Rechtes und der Achtung zu regeln. Wie ungeheuer wichtig es ist, bei einem wirklichen Ausgleich von Volk zu Volk alle störenden Momente auszuschalten, ersehen wir eindeutig an den Folgen der von uns eingebrachten Interpellation, wo sich wieder einmal klar erkennbar die deutschen Regierungsparteien als der berufsmäßige Störenfried herausgestellt haben. Wir sind überzeugt davon, daß bei einer von uns angestrebten Lösung des Nationalitätenproblems ein so ehrlicher und von bestem Willen beseelter Mann wie Minister Neèas, nie in die böse Lage kommen kann, in welche ihn die deutschen Regierungsparteien als Drahtzieher gebracht haben. Dann wird auch das Wort wahr werden, welches wir gleichfalls wörtlich aus der Rede des Herrn Ministers Neèas zitieren: "Ich bitte zur Kenntnis zu nehmen, daß die Staatsadministrative gegenüber allen Bürgern der Republik ohne Unterschied der Nation absolut gewissenhaft, unparteiisch und menschlich vorgeht". (Potlesk senátorù sudetskonìmecké strany.)