So kalkulierten die Führer der Auslandsrevolution; aber auch in der Politik kann man sagen, es kommt immer anders, als man denkt. Die rauhe Wirklichkeit vernichtete die Blütenträume des èechischen Volkes, die nur auf dem Boden der vollkommenen politischen Ohnmacht des Deutschen Reiches und im Sonnenscheine eines französischen Imperiums gedeihen konnten. Das Jahr 1933, in dem Frankreich mitten im Frieden gegen jedes Recht deutsches Gebiet besetzte, enthält nicht nur den Tiefpunkt deutscher Ohnmacht und Erniedrigung, sondern es bildet auch den Anfangspunkt einer Vorwärts- und Aufwärtsbewegung des Deutschen Reiches und die Geburtsstunde der Erkenntnis, daß ein starkes Europa ohne ein starkes Deutschland nicht denkbar ist, der Erkenntnis, daß die im deutschen Volke liegende. Kraft und in ihm wurzelnden Fähigkeiten zum Wiederaufbau der europäischen und der Weltwirtschaft unbedingt gebraucht werden, der Erkenntnis, daß in den Abgrund, der sich in Europa im Falle des vollkommenen Zusammenbruches des Deutschen Reiches und der deutschen Wirtschaft auftun müßte, alle anderen Staaten Europas mit hineingezogen würden. Wohl wehrte sich Frankreich gegen diese Erkenntnis und die daraus sich ergebenden Schlußfolgerungen, aber es stand bald mit seiner nur auf die nackte Gewalt aufgebauten Politik mit seinen Bundesgenossen allein. Die alliierten und assoziierten Staaten waren nicht mehr jene geschlossene Einheit, die durch ihre zwanzigfache Übermacht den heldenhaften Widerstand des deutschen Volkes zerbrochen und ihm dann einen sogenannten Friedensvertrag aufgezwungen hatte, der wohl seinesgleichen an sadistischer Grausamkeit und heuchlerischer Unaufrichtigkeit in der Weltgeschichte nicht findet; Europa zerfiel wieder in seine einzelnen Teile, jede Großmacht machte die Politik des sacro egoismo und ein Netz von Bündnissen, von offenen und geheimen Verträgen spinnt sich zwischen den einzelnen Staaten hin und her. 1924 schloß das Deutsche Reich den Londoner Vertrag, das sogenannte Dawes - Abkommen, 1925 den Vertrag von Locarno über die Sicherung der Westgrenze und 1926 trat es als vollwertiges Mitglied in den Völkerbund ein und wurde gleichzeitig zum ständigen Mitglied des Völkerbundrates gewählt. Mit dem Namen Thoiry verknüpft sich die neueste Phase der europäischen Politik, die sich die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich, den alten Erbfeinden, zum Ziele gesetzt hat. Frankreich, das aus den Erfahrungen insbesonders der letzten Jahre erkannt hat, daß er auf die Dauer die ungeheueren Lasten seiner Rüstung wirtschaftlich nicht ertragen kann, und das anfing, sich in der Weltpolitik stark vereinsamt zu fühlen, wurde für den Verständigungsgedanken reif gemacht, nicht nur durch wirtschaftliche Erwägungen, sondern auch durch die Erkenntnisse, daß sein zukünftiger Feind nicht so sehr am Rheine steht, sondern jenseits der Alpen und des Kanals. Wir können heute noch nicht beurteilen, ob und wann die Politik von Thoiry zu ihrem Ziele führen wird, jedenfalls aber ist die Möglichkeit der Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland nahe gerückt und muß bei allen politischen Erwägungen als Faktor künftiger Entwicklung in Rechnung gestellt werden. Diese Entwicklung aber steht im Gegensatz zu dem politischen Konzept, das der Gründung der Èechoslovakei zu Grunde gelegt worden war. Die Èechoslovakei hört in dem Momente, in dem Frankreich und Deutschland sich geeinigt haben, auf, eine politische Notwendigkeit für Frankreich zu sein. Das Deutsche Reich und Deutsch-Österreich, dessen Anschluß an Deutschland nur eine Frage der Zeit wird, drücken mit ihrem politischen und wirtschaftlichen Übergewicht um so stärker auf den Staat, den sie auf drei Seiten umklammern, je mehr Deutschland wieder zur politischen Weltgeltung und zur wirtschaftlichen Erstarkung kommt. Außenpolitisch haben damit die Gründer des èechoslovakischen Staates ihr Spiel verspielt.

Aber auch innerpolitisch hat die Wirklichkeit einen Strich durch die èechische Rechnung gemacht. Durch das Erstarken der kommunistischen Partei. die der allèechischen Koalition über 30 Mandate entzog und weiterhin entzieht, verfügen die Èechischen Parteien in ihrer Gesamtheit über eine so geringe Mehrheit in den gesetzgebenden Körperschaften, daß nur durch die Zusammenfassung aller èechischer Parteien diese Mehrheit zustande gebracht werden kann und schon durch das Ausspringen auch nur einer Partei zur Minderheit wird. Dadurch wurde in den Parteien der allèechischen Koalition das Gefühl ihrer absoluten Unentbehrlichkeit erzeugt, das in seiner weiteren Entwicklung zur Verantwortungslosigkeit und zur Korruption und zu einer Begehrlichkeit führte, welche die Staatsmaschine von Jahr zu Jahr immer öfter zum Stocken, bezw. zu einem unfruchtbaren Leerlaufen verurteilte und Glas Gefüge der alèechischen Koalition immer stärker erschütterte. Die Folge war bekanntlich der Zusammenbruch der allnationalen Koalitionsregierung und die Ernennung des Beamtenministeriums. Auch innenpolitisch reifte daher die Entwicklung zu einem vollständigen Versager aus.

Diese außen- und innenpolitische Entwicklung, die wenn sie in der alten Richtung weiterläuft, in der sie sich bisher bewegt hat, zu dem Schlusse führen muß, daß die Auslandsrevolution von falschen Voraussetzungen und trügerischen Hoffnungen ausgegangen ist, als sie den èechoslovakischen Staat in den Grenzen und in der Form geschaffen hat, wie wir ihn heute vor uns sehen, daß, wie man mit einem im Volksmunde gebräuchlichen Sprichworte sagen könnte, "die Augen dabei größer waren, als der Bauch", weil das èechische Volk all das, was es sich in seinem Staat hineingehamstert hat, nicht wird verdauen können, diese außen- und innenpolitische Entwicklung ist allerdings heute noch im Fluße und noch nicht soweit zum Abschluß gediehen, daß die Erkenntnis vom Fehlschlagen des èechischen Konzeptes zum Gemeingut der èechischen politischen, Erkenntnis geworden ist. Die Bildung der gemischtnationalen Rezierung an Stelle einer allnationalen Regierung ist daher, wie ich eingangs meiner Ausführungen sagte, nur ein Versuch zur Anpassung an diese Entwicklung, aber, da die Èechen noch nicht unter dem Drucke der bereits abgeschlossenen Entwicklung gestanden sind, keine tatsächliche Lösung dieser Frage. Es stellt diese Lösung ein Kompromiß dar, indem sie nach außen hin den Schein zu erwecken sucht, als ob man sich hier im Staate den geänderten Verhältnissen angepaßt hätte, dadurch, daß man die Deutschen zur Mitregierung herangezogen hat, während im Innern an den seit 1918 geübten System selbst keine Änderung eingetreten ist und auch in der Zukunft nach dem Willen der èechischen politischen Parteien nicht eintreten soll.

Wir haben den Schritt der deutschen Parteien, die in die Regierung eingetreten sind und Minister aus ihren Reihen in die Regierung gesandt haben, nicht billigen können. Wir können diesen Schritt auf Grund unserer grundsätzlichen Einstellung zum Staate nicht gut heißen, weil dadurch in der feierlichsten Form das Bekenntnis zu einem Staate abgelegt wird, der niemals unser Staat sein kann. Wir können diesen Schritt aber auch, abgesehen von dieser unserer grundsätzlichen Einstellung. deshalb nicht für richtig finden, weil er nach unserer Meinung auch vom Standpunkte des Aktivismus oder der aktivistischen Politik eich zur richtigen Zeit und nicht unter den richtigen Voraussetzungen erfolgt ist. Denn wenn sich schon eine deutsche aktivistische Richtung im Laufe der Jahre unter dem Drücke der Verhältnisse und aus der Meinung herausgebildet hat, daß wir unser Volkstum, unseren nationalen, kulturellen und wirtschaftlichen Besitz nur dann erhalten können, wenn wir zur sogenannten Teilnahme an der Macht gelangen - eine Meinung, welche wir nicht teilen können - wenn also, wie gesagt, durchaus aktivistische Politik betrieben werden muß, dann sollte sie doch wenigstens geeignet sein, das Ziel zu erreichen, das sie sich gesteckt hat. Dieses Ziel wurde vonseiten der aktivistischen Parteien wiederholt in wenigen Worten zusammengefaßt, "als Wiedergutmachung alles uns angetanen Unrechte und Verhinderung weiteren Unrechtes", wie Herr Sen. Hilgenreiner hier im Senat erklärte. Es ist nun selbstverständlich, daß das bisher herrschende Volk in diesem Staate, daß die Èechen nicht freiwillig und gutwillig das ungeheuere Unrecht, das sie dem Sudetendeutschtüm auf nationalem, kulturellem und wirtschaftlichem Gebiete angetan haben, wiedergutmachen werden, weil sie dadurch einerseits zugeben müßten, daß sie unrecht getan haben, und, andererseits das wieder herausgeben müßten was sie uns weggenommen haben, wenn ich nicht einen stärkeren Ausdruck gebrauchen soll; und wer gibt gerne etwas her, was er schon hat, ohne dazu gezwungen zu sein? Die außen- und innenpolitische Entwicklung ist aber noch nicht so weit gediehen, daß man von einem so starken Zwange reden könnte, als er vorhanden sein müßte, um eine vollständige Umkehr der èechischen Politik zu veranlassen. Von Wiedergutmachung könnte man doch nur dann mit Recht sprechen, wenn die hunderttausend Hektar deutschen Bodens, die man den Èechen übergeben hat, diesen wieder abgenommen und ihren früheren deutschen Besitzern oder anderen Deutschen gegeben würden, sie würde bedingen, daß tausende und abertausende èechische Beamte, die man an die Stelle der aufs Pflaster geworfenen abgebauten deutschen Beamten gesetzt hat, diese ihre Stellen verlieren, um für die Restitution der Deutschen Platz zu schaffen. Die Wiedergutmachung würde daher, an dem heutigen Zustand gemessen, einen sehr starken, wirtschaftlichen Nachteil für das èechische Volk bedeuten, und ich glaube daher, daß selbst diejenigen Politiker auf deutscher Seite, welche als Ziel ihrer Regierungspolitik die Wiedergutmachung des Unrechtes aufstellen, nicht im Ernste an die Möglichkeit einer solchen glauben. Nur unter einem Drucke und nur unter einem Zwange, der jeden Widerstand zu brechen geeignet ist, könnte die Forderung der Wiedergutmachung mit Erfolg aufgestellt werden. Soweit haben sich aber die Verhältnisse noch nicht entwickelt. Vielleicht hätten sie sich, wenn der Aktivismus die Kunst des Wartens gelernt hätte, in einem späteren Augenblicke bis zu jener Reife entwickelt, die der aktivistischen Politik tatsächliche Erfolge gesichert hätte. Aber auch inbezug auf die Verhinderung weiteren Unrechtes sind wir durch die Erfahrungen der letzten Monate sehr skeptisch geworden. Wir hören zwar die Behauptung, daß die Verhältnisse sich bereits gebessert haben, aber wir haben noch keine konkrete Tatsache, die diese Behauptung beweisen könnte, vernommen, wir haben dagegen feststellen müssen, daß auch noch unter der gemischtnationalen Regierung in Böhmen, Mähren und in Schlesien eine große Anzahl in Böhmen allein 138 deutsche Volksschulklassen neuerdings geschlossen worden sind, wir haben feststellen müssen, daß auch noch unter der jetzigen Regierung deutscher Boden in Nordböhmen und in Westböhmen an Èechen übergeben worden ist, und wir haben feststellen müssen, daß auch noch unter der jetzigen Regierung inbozug auf die Abbaupraxis und die Behandlung der so wichtigen Beamtenfrage keine Besserung eingetreten ist. Wir lesen es täglich in den verschiedenen èechischen Zeitungen, daß von einer Umwandlung des èechischen Nationalstaates in einen Nationalitätenstaat nicht die Rede sein kann und daß man auf èechischer Seite den Eintritt deutscher Parteien in die Regierung nur unter der Bedingung duldet, daß inbezug der auf die Linie der èechischen Politik alles beim Alten bleiben muß.

Aber auch die außenpolitische Linie der èechoslovakischen Politik hat sich trotz deutscher Minister nicht geändert. Erst vor wenigen Tagen erfuhren wir, daß zu der geschlossenen Phalanx, die sich den deutschen Forderungen in Genf gegenüberstellt, auch der Vertreter der Èechoslovakei gehört, und heute lesen wir die Nachricht, daß Dr. Bene¹ und Zaleski gestern mit dem englichen Außenminister Chamberlain verhandelt und ihm ihre Besorgnisse ausgesprochen haben. Wenn das richtig ist. wenn Dr. Bene¹ es gewagt hat, gegen Deutschlands berechtigte Forderungen zu intriguieren, dann ist damit der bündigste Beweis erbracht, daß auf èechischer Seite die beiden deutschen Minister und die drei deutschen Regierungsparteien nur als Staffage und als vorüberehendes Aushilfsmittel miß braucht werden, um die èechischen sozialistischen Parteien genügsam und bescheiden zu machen.

Ein kleines Beispiel aus der letzten Zeit zeigt übrigens, daß die Intriguen gegen Deutschland, die der Außenminister Dr. Bene¹ zu wiederholtenmalen gespielt hat, auch jetzt noch ihre Fortsetzung finden. Wenn die "Weltbühne" des Herrn Jacobson in Berlin ein zweifellos gefälschtes Formular veröffentlicht, das von den angeblichen Angehörigen einer sogenannten sudetendeutschen Legion unterfertigt werden soll, und wenn sofort nach dem Erscheinen der "Weltbühne" in Berlin in der dem Außenministerium nahestehenden "Prager Presse" dieses Formular vollinhaltlich auch mit dem von der "Weltbühne" gemachten Nachsatz veröffentlicht wird, so muß man auf die Vermutung kommen, daß die Veröffentlichung in der "Weltbühne" auf Kreise zurückzuführen ist, die dem Außenministerium nahestehen und daß diese Veröffentlichung gerade jetzt, wo man in Genf über die Abberufung der militärischen Kontrollkommission verhandelt, den Zweck verfolgt, um durch die Vortäuschung einer sudetendeutschen Geheimorganisation auf reichsdeutschem Boden den Vertretern des Deutschen Reiches bei der Durchsetzung ihrer berechtigten Forderungen Schwierigkeiten zu bereiten. Ich will mich nicht noch mehr in Einzelheiten verlieren und aus der Fülle des Materials noch weitere Beispiele anführen. Zum Beweise des Umstandes, daß sich trotz des Eintrittes deutscher Parteien in die Regierung innerhalb der mittlerweile vergangenen zwei Monate noch nichts an dem System des Staates geändert hat und noch kein auch nur erwähnenswerter Erfolg auf nationalpolitischem, wirtschaftlichen oder kulturellen Gebiete erreicht worden ist.

Ich erlaube mir, meine Zweifel daran auszusprechen, daß solche Erfolge auch in absehbarer Zeit aus dieser Mitregierung der Deutschen für das Sudetendeutschtum erwachsen werden, und ich begründe diesen Zweifel damit, daß die deutschen Parteien gerade durch ihren Eintritt in die Regierung eine Entwicklung aufgehalten haben, welche, wenn man sie hätte auslaufen lassen, einen für die Erreichung von Erfolgen günstigeren Boden geschaffen hätte. Außenpolitisch wurde durch den Eintritt deutscher Parteien in die Regierung erreicht, daß es den Anschein hat, als ob das Sudetendeutschtum mit seiner Lage vollkommen zufrieden sei, da doch sonst kein vernünftiger Mensch annehmen könnte, daß es sich an der Regierungsbildung beteiligt. Die unangenehme außenpolitische Situation, die sich für die Èechoslovakei aus ihrer deutschfeindlichen Innenpolitik ergeben kann und die umso haltloser wird, je stärker das Deutsche Reich wieder in der großen Politik zur Geltung kommt, diese unangenehme außenpolitische Lage wird durch den Eintritt deutscher Parteien in die Regierung sicherlich bedeutend verbessert. Innenpolitisch aber würde durch diesen Eintritt die Staatsmaschine wieder zum Arbeiten gebracht und wurden jene Übelstände beseitigt, die sich dadurch gebildet haben, daß ein Auswechseln von Parteien in der Regierung unmöglich erschien. Ich sehe daher in dem Eintritt deutscher Parteien nur Vorteile für die èechische Außen- und Innenpolitik und keinerlei Vorteile für die deutsche Politik, wenn ich annehme, daß das Ziel der Politik aller deutschen Parteien, demnach auch der deutschen Regierungsparteien, darauf gerichtet sein muß, nicht vielleicht für die eigene Partei, sondern für das gesamte Deutschtum in diesem Staate grundsätzliche nationale Erfolge zu erringen. Ich glaube aber andererseits nicht, daß durch diesen Eintritt deutscher Parteien in die Regierung die Entwicklung, die ich am Beginn meiner Ausführungen gekennzeichnet habe, vollständig aufgehalten werden kann, da ich annehmen muß, dag wenn die deutschen Regierungsparteien von der Erfolglosigkeit ihrer sicherlich gutgemeinten Bestrebungen überzeugt sein werden, sie doch den Mut finden werden, unter diese Versuche einen dicken Strich, zu machen und die Folgerungen aus dem Mißlingen zu ziehen. Ich kann mir nicht denken, daß das Experiment einer deutschen Mitregierung oder einer deutschen Teilnahme an der Regierung ohne irgendwelche nennenswerte nationalpolitische Errungenschaften, ohne irgendwelche größere Erfolge auf lange Zeit durchgehalten werden kann, wie dies scheinbar von dem Einen oder Anderen vorausgesagt wird. Es geht doch nicht an, daß die deutschen Regierungsparteien auf die Dauer immer wieder an der Orakelblume der èechischen. Mentalität zupfen und wie eine verschämte Jungfrau dieses Orakel befragen: "Er liebt mich, von Herzen, mit Schmerzen, insgeheim, nur zum Schein, ein wenig oder gar nicht?" Derzeit kommen sie bei diesem Blumenorakel immer auf das "gar nicht." Es ist möglich, daß sie, wenn die Èechen es brauchen, auch einmal die Antwort "nur zum Schein" bekommen. Aber für ausgeschlossen halte ich es, daß dieser Scheinliebe eine, wenn auch nur "insgeheinie" oder auch nur eine "kleinwenig"-Liebe wird.

Um zu beurteilen, wie groß die Liebe der Èechen zu den Deutschen schon ist, dazu braucht man nicht erst die "Národní Listy" oder die "Národní Demokracie" zu lesen, es genügt, z. B. die Forderungen der national angeblich so gemäßigten katholischen Volkspartei des Herrn ©rámek zu hören, die dieser am vergangenen Sonntag auf dem Olmützer Parteitag aufgestellt hat. An die Spitze der Entschließung wird bezeichnenderweise die Erkenntnis gestellt, daß das System der allnationalen Mehrheit in der èechoslovakischen Regierung das geeignetste System für den èechoslovakischen Nationalstaat ist, eine Erkenntnis, die völlkomen richtig ist. Denn entweder èechischer Nationalstaat, und dann eine rein èechische Regierung, oder Nationalitätenstaat mit gemischtnationaler Regierung. Der italienische Salat eines èechischen Nationalstaates mit gemischtnationaler Regierung ist auf die Dauer politisch unverdaulich. Dr. Bene¹ hat in der letzten Zeit in einem Aufsatze der Meinung Ausdruck gegeben, daß Politik nicht mit Gefühlen gemacht werden kann, sondern daß man in der Politik nur den eigenen Vorteil und den Vorteil des andern in Rechnung stellen muß. So ist es in der Außenpolitik und so ist es natürlich auch in der Innenpolitik. Die Èechen werden die Mitregierung der Deutschen solange ertragen, als sie daraus einen Vorteil beziehen. In dem Momente aber, als diese Vorteile bereits hereingebracht worden sind, oder als die Deutschen für ihre Mitarbeit nun selbst Vorteile verlangen werden, die von den Èechen als Nachteile für sich selbst empfunden werden, wird diese unnatürliche Venunftehe zwischen den deutschen und èechischen Regierungsparteien in Brüche gehen und die Scheidung von Tisch und Bett erfolgen.

Infolgedessen ist es berechtigt zu sagen, daß die Lösung der èechischen Frage, die wir hier vor Augen haben, nur eine Scheinlösung bedeutet, weil sie nur nach außen hin gewissermaßen die Fassade des Gebäudes den geänderten Verhältnissen anpaßt, im Innern aber die falsche Konstruktion erhalten bleibt. Es ist ja richtig, daß für das èechische Volk die klare und, folgerichtige Lösung der èechischen Frage einen Sturz aus dem siebenten Himmel des èechischen Nationalstaates bedeutet, aber immerhin noch nicht einen Sturz in das Nichts, sondern eine Veränderung, die gerade für das èechische Volk in die Zukunft nur von segensreichen Folgen begleitet sein kann. Es ist richtig daß bei dem Ausbau des Staates zu einem Nationalitätenstaat unter Gewährung der vollkommenen Selbstverwaltung an die einzelnen Nationen, wie dies die aktivistischen Parteien als Ziel verlangen, mit dem Zerfall des Staatengebildes in einer nahen oder ferneren Zukunft gerechnet werden muß, Denn es ist bei einem Volke, das national denkt und fühlt, nicht anzunehmen, daß es in der Stunde der Möglichkeit lieber mit einem fremden Volke in einem kleinen Staate beisammen bleiben will, als daß es sich mit seinem eigenen Volke zu einem großen geschlossenen Volksstaate, einem Nationalstaate zusammenschließt. Daß diese Entwicklung in der Zukunft liegt und daß diese Entwicklung kommen muß, lehrt ein Blick auf die Karte von Europa. Wir Deutsche in diesem Staate glauben daran, daß das Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht auf die Dauer vor dein deutschen Volke wird Halt machen können. Wir sind überzeugt davon, daß mit dem Jänner 1918 die staatsbildenden Kräfte der Nationen zu ihrem Rechte gekommen sind und daß die Zukunft Europas nur durch nationale Staaten bestimmt werden wird. Der èechische Nationalrat faßte in Kiew 1917 nachstehende Resolution: "Daß ÖsterreichUngarn, dieser Kerker der Nationen, aufgeteilt werden muß in seine nationalen Teile, aus denen es zusammengesetzt ist. Nur dann wird den Nationen Mitteleuropas die Möglichkeit einer freien Entwicklung im Sine der Selbstbestimmung gegeben sein, nur dann weiden die Grundlagen für einen festen organisierten Frieden und eine wirkliche Demokratie gebildet sein. Die èechoslovakische Nation wird niemals eine nationale Autonomie im Rahmen Österreich - Ungarns annehmen, welch ihr das Recht auf ein eigenes politisches Leben verweigert, was eine Verleugnung der Grundsätze der Selbstbestimmung ist." Der èechische sozialdemokratische Abgeordnete Tusar verlas am 6. Jänner 1918 die sogenannte Dreikönigsdeklaration, die einstimmig zur Annahme gelangte, in der es u. a. heißt: "Als die èechischen Abgeordneten unserer wiedererstandenen Nation während des französisch - deutschen Krieges über die internationalen europäischen Fragen sprachen, erklärten sie in ihrem Memorandum vom 8. Dezember 1870: "Alle Nationen, ob groß oder klein, haben ein gleiches Recht auf Selbstbestimmung und ihre Gleichheit soll in gleichem Maße beachtet werden. Nur aus Anerkennung der Gleichberechtigung und der wechselseitigen Würdigung der freien Selbstbestimmung aller Nationen kann deren Freiheit und Brüderlichkeit, der allgemeine Frieden und die wirkliche Menschlichkeit emporblühen." Der èechische Nationalrat faßte am 29. September 1918 eine Entschließung, in der es heißt: "Was wir verlangen, das werden uns die Wiener Regierungen niemals geben und sie können es uns nicht geben. Unsere Nation kann niemals darauf vertrauen, daß sie ihre Freiheit von Kreisen erhält, welche während der ganzen Dauer des Krieges in unserem Volke nichts anderes gesehen haben, als einen Gegenstand rücksichtsloser Ausbeutung und welche zum letzten Augenblicke vor keinen Mitteln zurückgeschreckt sind, um unsere Nation zu erniedrigen, auszuhungern und durch selbstherrliche Akte gröbster Unterdrückung in ihren heiligsten Gefühlen zu verletzen." Wir können in allen diesen Resolutionen anstelle der Èechen die Deutschen setzen und kommen zu demselben Resultat.

Glauben Sie wirklich, meine Herren von der èechischen Seite, daß diese Ihre stolzen und kühnen und dabei in ihren Schlußfolgerungen so richtigen Worte und Forderungen nur für das èechishe Volk Geltung haben sollen und nicht auch für das deutsche Volk? Glauben Sie wiklich, daß das 61/2 Milionen Volk der Èechen es hindern können wird, daß die 80 Millionen Deutscher in Mitteleuropa sich einmal auf Grund desselben Rechtes, dem Sie ihre staatliche Selbständigkeit verdanken, zu einem eigenen großen deutschen Volksstaate zusammenschließen? Es ist verständlich und begreiflich, daß Sie damals im Jahre 1918 unter der Psychose des Zusammenbruches der Mittelmächte und der dadurch geschaffenen Lage aus diesem Zusammenbruch für sich und Ihren Staat zusammengerafft haben, was überhaupt möglich war. Es wäre aber von Ihrem Standpunkt aus nicht begreiflich und auf die Dauer auch vielleicht nicht klug und nationalpolitisch nicht richtig, wenn Sie trotz der mittlerweile eingetretenen Änderung und trotz der sich noch weiter vollziehenden Entwicklung auf der damals aufgebauten Idee des èechischen Nationalstaates in den Grenzen dieser Republik von 1919 auch weiterhin starrsinnig beharren würden. Wenn Herr Dr. Karl Kramáø, ein Mann, dessen a glühendes Nationalgefühl wohl über jeden Zweifel erhaben ist, in einem neuen Buche "Na obranu slovanské politiky" die Frage aufwirft, ob die kompromißlose Logik des Dr. Bene¹, die ihn bei seiner Auslandsrevolution geleitet hat, richtig war, ob durchaus eine gutslavische Politik ein katastrophales Ende Österreichs und als Ergebnis eine Änderung der Grenzen und das Ende von Staaten haben mußte, wenn Dr. Kramáø auch heute noch diese Frage aufwirft, so klingt aus dieser Frage meinem Gefühle nach vollkommen der berechtigte banne Zweifel darüber heraus, ob der Erfolg der Auslandsrevolution auch tatsächlich der große Erfolg war, ob es nicht vielleicht doch für das èechische Volk als Nation besser gewesen wäre, in irgendeiner Form in dem früheren Staatswesen des alten Österreichs wohl geborgen und verhätschelt, mit der Aussicht auf ungeahnte Ausdehnungsmöglichkeiten zu verbleiben, als sich, beschwert mit seinen Minderheiten, als ganz kleiner Staat mitten im deutschen Siedlungsgebiet mit den Deutschem im Innern und infolgedessen vielleicht auch einmal mit den Deutschen, außerhalb der Grenzen um seine Existenz streiten zu müssen. Nun aber ist durch die Auslandsrevolution die einstweilige Lösung in diesem Sinne gekommen, und das èechische Volk steht heute vor einer vollendeten Tatsache. Es steht aber auch meiner Ansicht nach vor der Tatsache, daß sich sowohl die außenpolitischen als auch die innenpolitischen Voranssetzungen, auf die es die Eistenz und die Zukunft des Staates in seiner heutigen Form aufgebaut hat, als falsch erwiesen haben. Dieser Tatsache maß es, ob es will oder nicht, einmal Rechnung tragen. Je eher es sich mit dieser Tatsache abfindet, desto besser für das èechische Volk als solches, je eher es aufhört, seine Nation mit dem Staate, in dem diese Nation heute lebt, zu identifizieren, desto besser sorgt die èechische Politik für die Zukunft der Nation. Wir als Nationale treten nicht nur für unsere Freiheit ein, wir wollen auch keinem anderen Volke und deshalb auch nicht dem èechischen Volke seine Freiheit jemals rauben. Je reinlicher Sie die Scheidung zwischen sich und uns vollziehen, desto schmerzloser für das èechische Volk wird einmal die Trennung sein. Durch derartige Kompromisse und Versuche aber, wie es die derzeitige gemischtnationale Regierung ist, welche die Verantwortung für ein èechisch-nationales System übernommen hat, sind nach unserer Ansicht nicht geeignet, die für uns und das èechische Volk einzig richtige Zukunftsentwicklung vorzubereiten. Daher lehnen wir diese Regierung und werden gegen den Staatsvoranschlag stimmen. (Souhlas.)

3. Øeè sen. Niessnera:

Meine Damen und Herren! Es ist das erstemal, daß dein Hause das Budget einer deutsch - èechischen Regierung vorliegt. Es wird noch zu untersuchen sein, inwieweit sich dieses Budget von den früheren unterscheidet. Wenn man dazu spricht, wenn man die Rednertribüne besteigt, geschieht dies mit sehr gemischten Gefühlen. Man fragt sich: Lohnt es sich überhaupt, zum Voranschlag zu sprechen, haben die Verhandlungen hier über das Budget überhaupt einen Sinn? Dem schleichenden Absolutismus, der hier im Staate seit Jahren an der Arbeit ist, ist es gelungen, das Parlament zu einem verkümmerten, verkrüppelten Gebilde zu machen. Man muß sich fragen: Für wen sprechen wir hier? Was hat unser Sprechen hier für einen Zweck? Wir sehen auf der Ministerbank nicht einen einzigen Vertreter des Ministeriums, nicht einmal einen Vertreter der Ministerien oder des Ministerrates, der den Ministern berichten könnte, was hier gesprochen wird. Wir erinnern uns alle sehr gut, daß seinerzeit von deutschbürgerlicher Seite über die Art und Form, über die unwürdige Art der Beratung, eines so wichtigen Werkes, wie es der Staatsvoranschlag ist, Bedenken und Einwände erhoben wurden. Aber wir sehen, daß auch die deutschbürgerlichen Minister bei den Verhandlungen fehlen, daß auch sie sich diese Untugend zu Nutze machen und es nicht für notwendig halten, das anzuhören, was hier gesagt wird.