Dieser Grundsatz des Friedensvertrages von St. Germain und der Verfassung steht im Gegensatz zu einer Auffassung, die in diesem Staate einen rein èechischen Nationalstaat sehen will, in dem die mehr als 3 Millionen Deutschen die kümmerlichen Rechte einer gerade noch geduldeten Minderheit genießen, aber von der politischen Macht und Mitbestimmung ausgeschlossen bleiben sollten. Wir haben Schulter an Schulter mit allen deutschen Parteien diese den tatsächlichen Verhältnissen dieses Nationalitätenstaates widersprechende Auffassung stets bekämpft und werden sie auch weiterhin bekämpfen. (Oho-Rufe seitens der deutschen Sozialdemokraten.) Stärker als der Wunsch und Wille mancher Kreise, die noch in diesem fahre an ein Oktroi dachten, um die Deutschen in diesem Staate ganz mundtot zu machen, waren die außen und innerpolitischen Verhältnisse. Das außenpolitische Locarno drängte zu einem innerpolitischen, die wirtschaftliche Notlage zu einer Annäherung gleichgerichteter Parteien und zu denn ernsten Versuche, in ehrlicher Zusammenarbeit auch die nationalen Fragen in diesem jungen Staate zu lösen. So ist eine neue Regierung zustande gekommen, in der auch deutsche Minister an maßgebenden Stellen platzgenommen haben. Wir begrüßen diese Entwicklung von Herzen, wenn und soweit sie eine Gewähr dafür bietet, daß der Grundsatz, der in ihr zum Ausdruck kommt, sich in der ganzen Gesetzgebung und Verwaltung durchsetzt: Die volle politische Gleichberechtigung aller Völker in diesem Staate.

(Místopøedseda dr Brabec pøevzal pøedsednictví.)

Wir Deutschen haben das Recht und die Pflicht, an der Macht in diesem Staate teilzunehmen, wir haben uns dieser Pflicht nicht entzogen und im Gefühle unserer Verantwortlichkeit von unserem Rechte Gebrauch gemacht, wie wir hoffen, zum Wohle unseres deutschen Volkes.

Deutsche Minister in diesem Staate sind gegenwärtig, wie die Verhältnisse liegen, nur Versprechen, nicht Erfüllen unserer Forderungen. Es wäre falsch, wenn In- und Ausland annehmen wollte, die Rechnung zwischen Deutschen und Èechen sei damit beglichen. Es ist seit Bestand des Staates manches Unrecht (Sen. Hartl: Nur manches?) gegen uns geschehen. Wir verlangen keine Vorrechte, aber wir können auch kein Unrecht dulden, daher muß vergangenes Unrecht gutgemacht, künftiges vermieden werden. Bürgen dessen sollen uns unsere Vertreter in der Regierung sein. Wir begleiten ihre Tätigkeit mit Vertrauen und werden sie einmütig unterstützen, überzeugt, daß sie die Rechte unseres Volkes in diesem Staate voll und ganz wahren werden.

Was unsere Hoffnung auf einen nationalen Ausgleich bestärkt, ist der Ernst der wirtschaftlichen Lage, der von allen Völkern gleich empfunden wird und die Zusammenarbeit aller ohne Unterschied der Nation erheischt. Wir begrüßen die Erklärung der Regierung, daß sie die Erleichterung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise als ihre dringlichste Aufgabe ansieht. Wir werden gern alle ihre Bemühungen unterstützen, die heimische Produktion zu heben nd allen ehrlich Schaffenden die Früchte ihres Fleißes zu sichern. Sparsamkeit im Staatshaushalte, wirksame Förderung jeder nutzbringenden Arbeit, gerechte Steuerreform, weitschauende soziale Gesetzgebung (Sen. Beutel: Abbau der Sozialversicherung!) großzügige Pflege aller kulturellen Güter werden in uns stets bereitwillige Mithelfer finden im Interesse aller Stände und Berufe im Staate.

Das deutsche Volk in diesem Staate in seiner Mehrheit hat bei den letzten Wahlen unser Bestreben gebilligt, ihm innerhalb dieses Staates den gebührenden Einfluß zu sichern; wir schreiten auf dem eingeschlagenen Wege weiter. Unser oberstes Gesetz wird sein und bleiben: Das Wohl unseres heißgeliebten deutschen Volkes in diesem Staate.

Wir ratifizieren die Unterschriften unserer Vertreter unter der Regierungserklärung, indem wir für die Regierungserklärung stimmen. (Potlesk.)

3. Øeè sen. Jokla:

Hohes Haus! Von den drei von unserem Klub eingebrachten dringlichen Anfragen sind zwei ausgesprochen militärischer Natur. Die eine dringliche Anfrage beschäftigt sich mit Unfällen bei und infolge militärischer Übungen, die zweite mit der sogenannten Gajdaaffaire, der Untersuchung und der Art, wie die Gajda-Affaire liquidiert worden ist. Nach § 68 unserer Geschäftsordnung hat der interpellierte Minister, während der Debatte auf die gestellten Anfragen Antwort zu geben. Das ist bis jetzt noch nicht geschehen, hoffentlich wird das nachgeholt, denn wir könnten gerade in zwei so wichtigen Angelegenheiten eine Bagatellisierung uns unter keinen Umständen gefallen lassen.

Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich zuerst die meiner Meinung nach wichtigste Frage erörtern, das ist die Angelegenheit der zahlreichen militärischen Unfälle im Laufe des letzten Halbjahres. Ich hatte schon einmal Gelegenheit, im Abgeordnetenhause ausführlich über die militärischem Unfälle und ihre Ursachen zu sprechen und Abhilfe zu verlangen, und zwar war dies im Jahre 1922, einem Jahre, in dem sich ebenfalls die Zahl der militärischen Unfälle ins ungemessene steigerte. Damals mußten wir auf 15 Unfälle, die sich im Laufe des Jahres 1922 ereigneten, hinweisen, und schon diese Zahl, rief einen Entsetzensschrei in der Öffentlichkeit hervor. Aber die Unfälle des letzten Halbjahres übertreffen die Zahl des Jahres 1922 ganz bedeutend und wir können ohne Übertreibung von einem schwarzen Jahre für die Militärverwaltung sprechen. Es ist nicht besser geworden, sondern schlechter, die Zahl der Unfälle hat sich im Laufe des letzten Halbjahres in erschreckender Weise vermehrt, und zwar ist sie auf 30 gestiegen mit 157 Opfern, wobei die Zahl ganz sicher nicht auf Vollständigkeit Anspruch erheben kann. Dazu kommen noch andere Schädigungen des Lebens und der Gesundheit der Soldaten, die auf Fahrlässigkeit und mangelhafte Fürsorge zurückzuführen sind. An der Spitze der militärischen Unglückfälle stehen die Fliegerkatastrophen. Im Jahre 1919 weist uns die offiziöse Statistik 5 tödliche Unfäle auf, welche auf den Flugverkehr zurückzuführen sind, das Jahr 1920 vier Unfälle, das Jahr 1921 6, das Jahr 1922 4, das Jahr 1923 5, das Jahr 1924 15, das Jahr 1925 14 und im letzten Halbjahre des Jahres 1926 haben wir 16 Unfälle mit 18 Toten und 23 zumeist Schwerverletzten, von denen sicherlich auch ein Teil gestorben ist, wodurch sich die Zahl der Toten bedeutend erhöht. Im Jahre 1926 wurde also der traurige Rekord der höchsten Unfallsziffer auf dem Gebiete des Flugverkehres geschlagen.

Gestatten Sie mir nun, daß ich ganz kurz chronologisch die einzelnen Unfälle zur Kenntnis bringe. Am 19. Juli in Lieskovic bei Alt-Sohl stürzte ein Beobachtungsflugzeug ab und geriet dabei in Brand. Fliegerkorporal Jaroslav Kocourek war auf der Stelle tot, Kapitän Vladimir Tomes vom 23. Infanterieregiment erlitt so schwere Brand wunden, daB er daran starb. Am 23. Juli Absturz des Schulflugzeuges S 18 am Prossnitzer Flugfelde. Der Gefreite Wenzel Mikula wurde getötet. Am 24. Juli wird aus Arnau gemeldet: Absturz eines Militärflugzeuges. Begleitoffizier schwer verletzt. Am selben Tage Vostraèín bei Bischofteinitz Absturz des Militärflugzeuges A 12/28, Zlugzeug zertrümmert. Insassen Leutnant Tesor, Gefreiter Kubík leicht verletzt. Am selben Tage gleich noch ein dritter Absturz in Neubenátek, Notlandung eines Flugzeuges, wobei der Äroplan in Trümmer ging, Pilot Zugsführer ©»astný schwer, der Beobachter leicht verletzt.

Im Monat August wird aus MährischWeißkirchen der Absturz eines Flugzeuges der 33. Eskadrille des 2. Fliegerregiments gemeldet, welches vom Olmützer Flugplatz aufgestiegen war. Der Pilot Wachtmeister W. Siegel schwer verletzt, der Apparat vollständig zertrümmert. Am 24. August stürzte bei der Übung der 10. Infanteriedivision bei Veselý das Flugzeug 12/32 des ersten Fliegerregimentes ab und fing Feuer. Zugsführer Kojatschik verbrannt, Leutnant Holoubek schwer verletzt und an den Verletzungen gestorben.

Ein furchtbares Unglück ereignete sich am 28. August auf dem Flugplatz in Gbell. Eine Gruppe von 5 Flugzeugen stieg auf, um das sogenannte Renversementmanöver zu üben. Dabei haben die Flugzeuge in großer Höhe umzudrehen und mit festgelegtem Steuer und ohne die Motoren abzustellen zu landen. Bei diesem Manöver stießen zwei Flugzeuge in der Luft zusammen und stürzten zu Boden. Die Führer beider Flugzeuge wurden getötet, die Flugzeuge zertrümmert.

Am 2. September ereignete sich in Bennisch bei der Übung der 8. Infanteriedivision der Absturz des Flugzeuges A 12/16 vom 2. Fliegerregiment. Gefreiter Koudela, Unteroffizier Minaøik kamen ums Leben. Am selben Tage ein zweites großes Unglück in Chropin: Absturz des Flugzeuges A 12/64, wobei der Benzinbehälter explodierte und das Flugzeug in Brand geriet. Flugpilot Mikschik und Unteroffizier Zdenek Fleißig verbrannten. Charakteristisch ist der offiziöse Bericht, der über dieses Unglück verbreitet worden ist. Es heißt dort: "Die Nachricht von dem Unglück rief weit und breit eine ungeheuere Erregung hervor. Trotzdem wurden die Übungen fortgesetzt und um 9 Uhr war ein herrlicher Fliegerangriff auf Kremsier, zu beobachten." Also selbst diese furchtbare Katastrophe, selbst diese erschütternde Tatsache, daß zwei Menschen in schrecklicher Weise ums Leben gekommen sind, selbst das kann dem militärischen Spiele keine Unterbrechung bereiten. Anfangs September stürzte am Proßnitzer Flugfeld ein Flieger ab und erlitt schwere Verletzungen am Fuß. Das Flugzeug wurde beschädigt. In derselben Zeit verirrte sich ein Militärflugzeug nach Deutschland und mußte infolge eines Motordefektes in Oberfranken notlanden. Am 10. September stürzte am Flugplatz in Gbell das Flugzeug W. H. VII ab. Flugpilot Seidel schwer verletzt. Am 24. September ereignete sich der bekannte Zusammenstoß des èechoslovakischen Flugzeuges A B 11/12 mit einem jugoslavischen Flugzeug. Von den èechischen Fliegern blieb Stabskapitän Kostrba tot, Mechaniker Rù¾ièka wurde leicht verletzt. Die drei Insassen des jugoslavischen Flugzeuges wurden getötet. Im Monat Oktober erfolgte am 3. d. M. der Absturz eines militärischen Doppeldeckers in der Nähe von Bösing. Zugsführer Skorader schwer verletzt, das Flugzeug zertrümmert.

Ein furchtbares Fliegerunglück ereignete sich am 10. Oktober in Pardubitz gelegentlich einer Propagandaflugfeier, die von der Masaryk-Liga veranstaltet wurde. Das Militärflugzeug A 15 geriet in die Zuschauermenge. Die Folge davon waren 2 Tote, 12 Verletzte, davon 7 schwer, und diese 12 waren Zivilpersonen. Ein weiteres Todesopfer war der Feldpilot Kapitän Johann Ochrana vom Fliegerregiment Nr. 2, der auf einem Überlandflug nach Frankreich abstürzte, schwer verletzt wurde und dann seinen Verletzungen erlag.

Das ist die traurige Bilanz einer dreimonatigen Tätigkeit unseres Flugzeuggeschwaders. Bei jedem einzelnen Fallwurde gemeldet, daß er amtlich untersucht werden wird, um die Ursachen. des Unfalles festzustellen. Meine Damen und Herren! Wir kennen das Resultat dieser Untersuchung nicht. Ich gestehe Ihnen ganz offen, daß ich persönlich auch sehr wenig von dieser Untersuchung halte. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß die Untersuchungen nur dazu da sind, um festzustellen, daß niemand an dem Unglück Schuld trägt. (Sen. dr Heller: Vis major!) Ja, der Major Vis! (Veselost.) Eine ordentliche wirkliche Untersuchung müßte sich in einer ganz anderen Richtung bewegen, u. zw. müßte vor allem die Provenienz der Flugzeuge untersucht werden. Ich greife zurück und bringe Ihnen folgende drei Unfälle noch einmal in Erinnerung. Der Unfall in Benisch bei der 8. Infanteriedivision wurde herbeigeführt infolge Aussetzens des Motors. Infolge des Aussetzens des Motors bei diesem Flugzeuge kamen zwei Menschen ums Leben. Die Notlandung des Militärflugzeuges in Oberfranken ist auf einen Motorschaden zurückzuführen. Der Sturz des Kapitäns Ochrana ist auf einen Motorschaden zurückzuführen. Bezeichnend ist die Ursache des Absturzes des Flugpiloten, der das Flugzeug B H 7 lenkte, des Flugpiloten Seidl. Es wird da zugegeben, daß dieses Flugzeug ein alter Typ war. Dieses Flugzeug hat bereits einmal einen Unfall erlitten und war lange Zeit nicht gebrauchsfähig. Dann wurde es auf seinen jetzigen Zustand umgebaut. Die Menschen werden also in Flugzeuge gesetzt, von denen man im Vorhinein mit 50% Gewißheit annehmen kann, daß sie nicht mehr gebrauchsfähig sind, daß ein Unglück zu erwarten ist, und da glaube ich, ist die Bezeichnung, daß hier ein offenkundiges Spiel mit Menschenleben getrieben wird, keine Übertreibung. Tatsächlich Werden alte, längst ausrangierte lebensgefährliche Flugzeuge als Schulflugzeuge von unserer Heeresverwaltung verwendet. Besonders gefährlich ist der Typ Anatra. Ich möchte da auf folgende Tatsachen hinweisen. Aus Frankreich wurden für riesige Summen zahlreiche Flugzeuge und Motoren gekauft, die vollständig unbrauchbar sind und einigen Piloten bereits das Leben gekostet haben. Von der Firma Aero wurden 25 Motoren von der Heeresverwaltung gekauft und um ihretwillen wurden weitere Flugzeuge alter Konstruktion aus dem Jahre 1916 angeschafft.

Interessant ist, daß selbst ein französisches Blatt, die Halbmohatsschrift "L'Imparcial Francais", in einem Artikel über Fliegerunfälle die Fehler der französischen Flugzeugapparate kritisiert und vor der Verwendung dieser Maschinen gewarnt hat. Aber unsere Heeresverwaltung hat dieselben Flugzeuge und Motore, vor denen in Frankreich gewarnt worden ist, gekauft. Ich will Ihnen diese Warnung zur Kenntnis bringen. Es hieß da: "Kurz nach der Lieferung hat das französische Kriegsministerium festgestellt, daß die gelieferten 120 Flugzeuge defekt waren, so daß ihr Gebrauch nach Verlauf einiger Stunden geradezu gefährlich zwar. Im Dezember 1922 verweigerte daher der Kriegsminister die Annahme der noch nicht gelieferten Apparate - es waren insgesamt 175 zum Preis von 9 Millionen Franken bestellt worden - mit der Begründung, es handle sich um Apparate, die mit der Probeserie nicht identisch seien. Die Tragflächen der Flugzeuge seien nicht aus Hartaluminium, sondern aus gewöhnlichem Aluminium hergestellt, das Gerippe der Trugflächen sei nicht handgearbeitet, sondern maschinell hergestellt, so daß schon hei kurzer Flugdauer Tragflächendeformation eintreten muß, was selbstverständlich das Leben der Piloten bedroht." Inländische Fachleute haben bekanntlich auf dieselben Fehler hingewiesen und auch die französischen Motore, die teilweise schon sehr alt sind und deren Lebensdauer man durch fortwährende Gene

ralreparaturen zu verlängern versucht, als schlecht bezeichnet. Wir wünschen folgende Aufklärung vom Minister für nationale Verteidigung: Welches waren die Typen der abgestürzten Flugzeuge? Wieviel Flugzeuge der Type Anatra sind bei uns noch in Verwendung? Wieviel französische Motore sind noch in Verwendung? Wir fordern mit allem. Nachdruck die Ausrangierung dieser gefährlichen Flugzeuge.

Neben der sachlichen Seite hat die ganze Angelegenheit auch noch eine persönliche Note. Der Zugsführer Pollak und der Gefreite Tons wurden die Opfer der Übung des Revensements. Dieses Revensement ist, wie ich Ihnen vorhin geschildert habe, ein ausgesprochenes Akrobatenkunststück, das in der Luft ausgeführt wird. Der Propagandaflug der Masaryk-Liga in Pardubitz war mangelhaft organisiert. Es war kein Fachmann anwesend, der die Flugvorführungen geleitet hätte. Daß er mangelhaft organisiert war, beweist schon, daß beim Abwerfen der Fallschirmes, an dem ein Sandsack befestigt war, der Fallschirm sich nicht geöffnet hat und in die angesammelte Zuschauermenge stürzte. Es ist zu verwundern, daß nicht schon dadurch eine Panik unter den Zuschauern hervorgerufen worden ist. Die Landung wurde entgegen dem Erfordernisse "in freier Richtung" so vorgenommen, daß sie gegen die Sonne und über den Köpfen der Zuschauermenge erfolgte, so daß es nicht zu verwundern ist, daß das Flugzeug in die Menge hineinfuhr. Das Unglück ereignete sich bekanntlich dadurch, daß die Flügel eine Telegraphenstange erfaßten und sie in die Menge schleuderten. Mangelnde Organisation und Spiel mit Menschenleben sind die entscheidenden Ursachen, die bei den Flugzeugkatastrophen zu verzeichnen sind. Das Entscheidende ist für unsere Militärverwaltung die Betreibung des Kriegsspieles im Frieden so, daß es sich durch nichts von der Wirklichkeit unterscheidet. Diese Methoden sind die Ursache der vielen Opfer, die unser Militarismus auf allen Gebieten erfordert. Das kann nicht abgeleugnet werden. Denn die Presseabteilung des Ministeriums für nationale Verteidigung hat anläßlich der Unfälle in Benisch und Chropin eine Verlautbarung herausgegeben, in welcher das Ministerium entschuldigend anführt: "Es ist notwendig, daß unsere Öffentlichkeit über die Sache sich ein richtiges Urteil bilde und sich bewußt werde, daß in der Zeit der feldmäßigen Divisionsübungen unser Militärflugwesen in breitem Maßstabe und mit Anspannung aller Kräfte unter Verhältnissen arbeitet, die den Verhältnissen im Kriege nicht nachstehen."

Es ist wohl ein recht schwacher Trost für uns und die Angehörigen der gefallenen Opfer, daß sie nachgerade so gefallen sind, als wenn es der Wirklichkeit entsprochen hätte.

Also mangelhafte Organisation. Man läßt den Fliegern während der Manöver nicht Zeit, um ihre Maschine genau zu untersuchen. Startbefehle werden ohne Rücksicht auf Wind und Wetter gegeben. Es werden Befehle zur. Ausführung von Akrobatenkunststücken in der Luft gegeben. Das alles sind die Ursachen, die bei der ungeheuer großen Zahl von Unfällen mitspielen. Vergleichen wir nun einmal den Zivilflugverkehr. Wir haben einen ungeheueren Zivilflugverkehr, der sich über ganz Mitteleuropa erstreckt, und in demselben Zeitabschnitte, in dem wir von so vielen Katastrophen von militärischen Flugzeugen hörten, ist ein einziges größeres Unglück im Zivilflugverkehr erfolgt. Es müßte hier das System geändert werden. Achtung vor dem Menschenleben müßte der Grundsatz sein, der unsere Militärverwaltung bei allen ihren Einrichtungen leiten müßte. Ein Menschenleben ist mehr wert als die schönste militärische Übung.

Außer Flugzeugkatastrophen ereigneten sich noch andere schwere Unfälle. Unter diesen sind die furchtbarsten die Granatexplosionen, deren Opfer zumeist Zivilpersonen geworden sind. Es ist ein trauriger Ruhm unserer Heeresorganisation, unseres Militarismus, daß er der gefährlichste Feind der Zivilbevölkerung des eigenen Staates ist. 15 Unfälle mit mindestens 15 Toten und 103 zumeist Schwerverletzten ist die traurige Bilanz der zweiten Gruppe der militärischen Unfälle, Am 5. März 1926 war die bekannte Explosion in der Tischlergasse. Es wurde eine angeblich genaue und gründliche Untersuchung durchgeführt und das Resultat der Untersuchung ist gleich Null. Es hat sich in der letzten Zeit etwas zugetragen, was vielleicht für die Militärverwaltung ein Fingerzeig sein könnte, die Untersuchung über die Ursachen der Katastrophe in der Tischlergasse noch einmal aufzunehmen und zu verfolgen. Es war ein Ehrenbeleidigungsprozeß, der hier in Prag vor einem Bezirksgericht durchgeführt wurde, und zwar war der Kläger der Herr Jaroslav Velinský, der Direktor der Janeèek-Munitionsfabrik, beklagt war der Privatbeamte J. Dole¾al. Was da an die Öffentlichkeit gelangt ist, ist ein Gegenstück dazu, was gestern mein Parteigenosse Dr. Heller über das Avancement eines Herrn Sektionschef zum Abgeordneten und dann zum Direktor der ®ivnostenská banka erzählt hat. In diesem Prozesse hat der Verteidiger des Angeklagten Dole¾al den Wahrheitsbeweis angeboten, daß Velinský als Stabskapitän im Ministerium für nationale Verteidigung ein Monatsgehalt von 1500 Kronen bezogen, den Dienst quitiert hat und jetzt als Direktor bei Janeèek 10.000 Kronen erhält. Velinský sei nur deshalb aufgenommen worden, weil er mit Rottmeister Koukol für das Ärar die Granaten der Firma Janeèek übernommen hat, obwohl er weder technische noch kommerzielle Kenntnisse hatte, Velinský habe auch die Granaten übernommen, die die Katastrophe in der Tischlergasse herbeiführten. (Hört! Hört!)

Meine Herren, ich habe schon seinerzeit hier in der Debatte über diese Angelegenheit auf die Gefährlichkeit der Janeèek-Granate hingewiesen und es wurde damals erklärt, daß das, was von diesbezüglich vorgebracht worden ist, den Tatsachen nicht entspricht.

Am 8. März: Explosion einer Granate in der Munitionsfabrik Polièka. Oberleutnant Dobrý tot, zwei Personen verletzt.

29. März: Unfall der Scheinwerferabteilung des 151. Artillerieregiments, der Koch tot.

Im Juni: Am 23. Übung im Handgranatenwerfen bei Poprad, zwei Tote, acht Verletzte.

Im Juli: Am 1. Juli bei Zawig in Karpathorußland Explosion einer weggeworfenen Handgranate, drei Hirten waren sofort tot, einer schwer verletzt.

Am 1. Juli in Schloßberg, Gau Neutra: Unfall bei der Übung der 9. Infanteriedivision durch vorzeitiges Abfeuern eines Geschützes. Ein Soldat wollte einen Fehler nachsehen, einem Bedienungmann wurden beide Arme weggerissen.

Am 23. Juli ereignete sich das furchtbare Unglück in Hora¾dovic an der Bahnstrecke Klattau-Strakonic. Die offiziöse Meldung lautet: "Die Militärfliegerabteilung in Hora¾dovic veranstaltete seit einiger Zeit Übungsflüge mit Bombenabwürfen, und zwar innerhalb eines dazu reservierten Gebietes, dessen Betroten während der Übungen verboten ist. Gestern vormittags verlor nun einer der Flieger die Orientierung und kam über das reservierte Gebiet hinaus. Durch einen weitern unglücklichen Zufall soll nun der Mechanismus, durch den die Bomben an dem Apparate befestigt sind, die durch eine einfache Hebelbewegung zum Loslösen und Fallen gebracht werden, versagt haben. Die Bombe löste sich los und stürzte über dem Dorfe Hlupin, das außerhalb des reservierten Gebietes liegt, herab. Der am Felde arbeitende Bauer Sejpka und dessen Tochter Marie wurden getroffen. Das Mädchen war sofort tot, der Bauer schwer verletzt." Es ist wohl das unerhörteste und findet kein ähnliches Beispiel in der ganzen Geschichte des Militarismus, daß sich so etwas ereignet. Wie muß die Mannschaft ausgebildet sein, wie müssen die Vorsichtsmaßregeln beschaffen sein, wenn die Möglichkeit vorhanden ist, daß sich irgend jemand aus dem reservierten Raum verirren kann. Dazu kommt noch eine Frage: Wie ist es denn möglich, daß durch das Versagen eines Hebels eine Bombe abfallen kann? Logischerweise kann doch nur das Gegenteil eintretten, daß durch das Versagen des Hebels der Absturz nicht erfolgen, konnte. Schließlich und endlich der Abwurf; - bereiten wir denn mit Übungsflügen mit Bombenabwerfen uns für einen Krieg im Innern vor? Es scheint, als ob unsere Militärverwaltung keinen Unterschied mehr kennt zwischen feindlichem und eigenem Lande. Das Gebiet von Hora¾dovic scheint überhaupt gründlich mit Bomben belegt zu sein, denn zwei Wochen später ereignete sich ebenfalls in dieser Gegend ein neues, ebenso furchtbares Unglück. Der 42jährige Häusler Ignaz Zach und der 18jährige Johann ©ilhan waren mit dem Mähen von Getreide beschäftigt. Das Feld, auf dem sie arbeiteten, liegt in der Nähe des militärischen Schießplatzes. Beim Mähen stieß Zach mit der Sense gegen eine verirrte Granate. Es erfolgte eine furchtbare Explosion. Die Leute, die nach der Detonation herbeieilten, fanden die beiden Männer schwer verletzt auf dem Felde liegen. Beide erlitten tödliche Verletzungen.