Meine Damen und Herren! Es gibt auch im Leben der Völker und Staaten ungeschriebene Naturgesetze, nach denen sich deren Entwicklung dauernd vollzieht. Die politischen, die sozialen und die wirtschaftlichen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts haben unter dem Zwange dieser Gesetze zur Katastrophe des Weltkrieges geführt. Es war ein furchtbares Gewitter, in dem sich die überhitzte Atmosphäre entspannte. Man hat mit Unrecht einzelnen Männern die Schuld an diesem Elementarereignisse zugeschrieben. Ich befinde mich hier im bewußten Gegensatz mit meinem Vorredner Herrn Senator Horáèek. Aber das, woran wir heute leiden, ist Menschenwerk. Was auf den Parisern Schlössern im Jahre 1919 aufgrund einer vollständigen Verleugnung aller demokratischen Ideale von Selbstbestimmung und Volksversöhnung, aber auch in vollkommener Verkennung der durch die tatsächlichen Verhältnisse gegebenen Grundlagen der europäischen Entwicklung zusammengebraut wurde, war eine himmelschreiende Sünde gegen die Natur. Diese Sünde beginnt sich heute zu rächen, und die Erscheinungen, welche auf der Konferenz von Genua zutage traten, sind die ersten Anzeichen, daß die Natur ihr Recht verlangt. Oder ist es etwa keine Sünde gegen die Natur, so jammervolle Wirtschaftsgebilde wie das heutige Österreich oder Ungarn zu schaffen? Wirtschaftsgebilde, deren Handelsbilanz zu einer Milliarden-Passivität verurteilt ist? Ist es nicht eine Sünde gegen die Natur, deutscher Arbeitskraft territoriale wirtschaftliche Fesseln anzulegen, die sie zum Verkümmern verurteilen? Das sind lauter Sünden, deren Wirkung auch unsere Wirtschaft und mit ihr unsere Arbeitslosen fühlen. Entspricht es etwa den Idealen der Demokratie, daß den Wünschen der Völker nach freier Selbstbestimmung und dem Streben der Staaten nach freier Entwicklung ihrer äußeren und inneren politischen Gestaltung gewaltsame Hindernisse in den Weg gelegt werden? Wie es in Ungarn, Österreich und schließlich auch in diesem Staate geschehen ist, entspricht es den Grundsätzen von politischem Fortschritt, wie ihn der Herr Ministerpräsident als die Richtlinie seiner Politik bezeichnet hat, wenn der Slovakei die ihr vor mehr als vier Jahren feierlichst versprochene Autonomie bis heute vorenthalten wird? Oder zeigt es etwa von politischem Fortschritt, daß in Karpathorußland trotz der auch dort in Aussicht gestellten vollen Selbstverwaltung bis heute keine Wahlen ausgeschrieben wurden? Oder haben schließlich die nationalen Minderheiten in der èechoslovakischen Republik etwa jenes Maß der Freiheit erreicht, das - wie sich der Herr Minister ausdrückt - mit den staatlichen Intteressen vereinbar ist? Ich glaube es nicht. Wenn aber der Herr Ministerpräsident dies behauptet und wenn die Interessen der èechoslovakischen Republik tatsächlich keine bessere Behandlung der nationalen Minderheiten gestatten, dann bedauern wir feststellen zu müssen, daß die Interessen des Staates den unseren entgegenstehen und daß man in diesem Falle auch von uns nicht verlangen kann, daß wir dem Staate ein besonderes Interesse entgegenbringen.
Der Herr Minister hat sein Exposé mit einer Kritik der Konferenz in Genua und deren Ergebnis abgeschlossen. Er hat, trotzdem er die Konferenz vor seiner Reise - wie man mir sagte - als einen Unsinn bezeichnete, nun doch deren Bedeutung in verschiedenen Punkten anerkannt, in denen wir ihm Recht geben. Aber er hat uns andere, für uns interessante Einzelheiten dieser Konferenz vorenthalten. Wir haben z. B. nie erfahren, was über die Durchführung der Beschlüsse von Portorose in der dortigen Wirtschaftskonferenz besprochen wurde. Diese Beschlüsse sind für alle Nachfolgestaaten ungemein wichtig. Wir wissen nicht, ob bei eventuellen neuen Sanktionen gegenüber Deutschland für die èechoslovakische Republik irgendwelche Verpflichtungen bestehen oder übernommen wurden. Er hat uns gesagt, mit wem er gesprochen hat, es waren etwa 20 Personen, was er aber gesprochen hat, haben wir nicht erfahren. Wir wissen nur, daß an dieser Konferenz außer dem Herrn Minister 19 Referenten und Sachverständige teilgenommen haben. Ich konstatiere aber, daß unter diesen Sachverständigen und Referenten kein einziger Deutscher war, obwohl es sich um eine wirtschaftliche Konferenz handelte und obzwar wir für uns in.Anspruch nehmen müssen, daß in unserem Wirtschaftsgebiete die besten Kräfte der Volkswirtschaft zu finden sind. Schließlich hat er einen, und wie mir scheint, den wichtigsten Punkt vergessen, indem er es unterließ, uns offen zu sagen, daß in Genua das erste Mal die Undurchführbarkeit der Friedensverträge offenbar wurde und daß Frankreich, bzw. die französische Politik, dort als der eigentliche Störenfried und als das vornehmste Hindernis einer friedlichen Verständigung der Völker bloßgestellt worden ist.
Wir wollen diese Verständigung, wir wollen den Wiederaufbau, wir wollen Gerechtigkeit. Aber Gerechtigkeit kann nurauf dem Boden der Wahrheit gedeihen, der Wahrheit, die wir in diesem, wie in den früheren Exposés des Herrn Ministers vermissen. Deshalb fordern wir eine offene und ehrliche Außenpolitik, eine Außenpolitik, welche, die realen Tatsachen, erkennend, die durch die Friedensverträge gemachten Fehler wieder gutzumachen bestrebt ist. Wir fordern eine Außenpolitik, die sich offen jener Gruppe anschließt, von der der Herr Minister sagt, daß sie >viel von Abrüstung spricht<, denn wir haben es als der am meisten militaristische Staat Mitteleuropas bitter notwendig, von Abrüstung zu sprechen. Diese Gruppe, von der ich spreche, umfaßt mit England die größte politische, mit Amerika die größte Finanzmacht der Welt. Nur, diese Mächte und nicht die französischen Kanonen können Europa retten. Wir fordern schließlich eine Außenpolitik, die durch die Stärkung der zahllosen wirtschaftlichen und kulturellen Fäden, die uns mit Österreich und Deutschland verbinden, den Wiederaufbau Europas tatsächlich fördert.
Die bisherigen Entwicklungen der Weltpolitik haben uns Recht gegeben. Wir wissen, daß die langsam; aber sicher arbeitende Zeit das ganze Gewebe von Falschheit und Ignoranz, das in Versailles, St. Germain und Trianon gesponnen wurde, zerreißen wird.
Wenn der Herr Minister sagt, daß seine Politik auch in Zukunft die gleiche bleiben wird, so können wir nur hoffen, daß es mit dieser Versicherung das gleiche Bewenden haben möge wie mit seinem früheren Versicherungen von der Unerschütterlichkeit des englischen und französischen Bündnisses. Denn wenn, dies nicht der Fall sein sollte, wenn er sich weiter in Frankreichs Gefolgschaft gegen das Deutschtum im allgemeinen wenden sollte, dann muß der Herr Minister auch weiterhin darauf verzichten, daß wir sein politisches ABC begreifen. (®ivý souhlas a potlesk na levici, øeèníku se blahopøeje.)
3. Øeè sen. Knesche.
Hohes Haus! Wenn ich heute im Namen meiner Partei, des Bundes der Landwirte, zum Exposé des Herrn Ministerpräsidenten das Wort ergreife, muß ich betonen, daß die Ausführungen des Herrn Ministerpräsidenten uns nicht befriedigten. Wir sind schwer enttäuscht über die Konferenz in Genua, da die dringend notwendig zu behandelnde Frage der Minoritäten in der Èechoslovakei nicht nur nicht behandelt, sondern überhaupt gar nicht berührt wurde. Ja, es wurde sogar alles Erdenkliche unternommen, um diese für uns Deutsche so unendlich wichtige Frage nicht zur Diskussion zubringen. Es muß bei der immer kräftiger sich gestaltenden Opposition der Slovaken den Parteien der Mehrheit täglich deutlicher und klarer werden, daß dieser Staat kein Nationalstaat, sondern ein Nationalitätenstaat ist. Sie haben annähernd so viel Nationen, wie im alten Österreich. Wie dort, so kämpfen auch hier die Nationen um die Gleichberechtigung. Die Deutschen kämfen den Kamf um ihr Recht. Dadurch, daß die tatsächliche Gleichberechtigung des deutschen Volkes in der Èechoslovakei geleugnet und verweigert wird, wird die Sache nicht besser. Die Zeit wird kommen und sie ist vielleicht nicht mehr so ferne, da Sie uns unser Recht werden geben müssen, einerlei, ob Sie wollen oder nicht. Von dem Geiste der Versöhnung und Anerkennung der unterdrückten Deutschen wehte auf der Konferenz in Genua auch nicht ein Hauch. Da, fiel wie.ein Blitz aus heiterem Himmel die Nachricht von dem Abschluß des deutsch-russischen Vertrages in die Konferenz. Wie unangenehm sie den Vertretern der Siegerstaaten war, ist bekannt. Ich muß bemerken, daß der Herr Ministerpräsident offen zugegeben hat, daß die Russenfrage dominierte, daß durch den Vertrag Rußland für Europa eröffnet wurde. Wenn der Herr, Ministerpräsident zugab, daß durch die Konferenz Rußland wieder in die aktive Politik eingetreten ist, indem es de facto anerkannt worden ist, so hätte er auch die notwendige, Konsequenz aus dieser Tatsache ziehen sollen. Wenn Rußland wieder erwacht und im Laufe der Zeit wieder wirtschaftlich zu arbeiten beginnt, so entsteht ein bedeutender Machtfaktor. Und warum sollte das nicht werden? Mein Vorredner, der Herr Sen. Horáèek, hat das heutige Rußland als eine Sphinx bezeichnet, von der man nicht weiß, was sie ist und was aus ihr werden wird. Die Russen sind ein körperlích gesundes Volk, und wenn sie auch durch ein Meer von Blut und Elend gegangen sind und jetzt auch wirtschaftlich darniederliegen, die Zeit wird kommen, wo auch sie wieder emporkommen werden. Ein so großes Volk, ein so großer Machtfaktor wird wirtschaftlich wieder zu arbeiten beginnen, Und warum sollte Rußland nicht wieder zu gesundem wirtschaftlichen Leben erwachen? Die Russen sind ein körperlich gesundes und starkes Volk, kein entnervtes, degeneriertes wie das im Westen an der Seine und an der Loire. Man beginnt in Rußland zu arbeiten, denn die furchtbaren Mißerfolge der kommunistischen Wirtschaft haben auch die Sowjetgrößen eines Besseren belehrt Wenn aber Rußland wieder erwacht und, mit Deutschland vereinigt, eine geschlossene Macht bildet, was ist dann wohl die Kleine Entente?
Ich sagte, der Herr Ministerpräsident hätte aus diesen Tatsachen seine Konsequenzen ziehen sollen und sich entweder für England oder Frankreich entscheiden sollen. Er hat aber das in seinem Expose nicht getan, sondern er spricht von drei Richtungen, die nun gegeben wären: er verkündet triumphierend seine, die èechoslovakische Politik. Das sind Worte, Worte, die verschleiern und verhüllen sollen. Aber die ärmliche Blöße dieser Politik leuchtet durch die Hüllen hindurch. Nein, hier gibt es nicht drei Richtungen, hier gibt es keine èechoslovakische Sonderpolitik. Hier muß entschieden gewählt werden zwischen englischer und französischer Richtung. Ich glaube bestimmt, daß es der politischen Gewandtheit des Herrn Ministerpräsidenten gelungen wäre, sich enschiedener zur englischen Auffassung zu bekennen, wenn eine löbliche vìt¹ina ihm freie Hand gelassen hätte. Aber man schickte ihm ja die slavná pìtka nach Genua. Konnte nun, nachdem dem Herrn Ministerpräsidenten so die Hände gebunden wurden, von einer vernünftigen Politik die Rede sein? Das Resultat war eine leere Phrase, bei der sich jedermann denken kann, was er will, die Phrase von der èechoslovakischen Politik. Selbstverständlich fand sie den vollen Beifall der Pìtka. Unsinn, du siegst<, läßt Schiller Talbot in der Jungfrau von Orleans sagen. Vielleicht war der Herr Ministerpräsident von ähnlichen Gedanken beseelt, als ihm die Pìtka so stümperhaft ins Handwerk pfuschte.
Wir oppositionellen Parteien erkennen aber, daß die Mehrheit, auf die sich die Regierung stützen soll, recht uneinig ist. Eine Einigkeit herrscht nur, wenn es gilt, gegen die Deutschen zu gehen. Sonst aber herrscht im Mehrheitslager Kampf und Zwist. Der Herr Ministerpräsident meinte, daß mit einer gründlichen Revision der bisherigen Bündnisse für den Augenblick nicht gerechnet werden könne. Mag sein, Ich rechne es ihn hoch an, daß er davon überhaupt spricht. Für den Augenblick vielleicht nicht, aber ein Augenblick kann alles umgestalten. Eine Revision der bisherigen Bündnisse, eine Revision der Friedensverträge von Versailles und St. Germain ist nur eine Frage der Zeit. Wie lange kann die Zeit noch dauern, in der sich die Mächte den französischen Rachegefühlen dienstbar zeigen? Wie lange kann denn der Bann noch dauern, den der Tiger Clémenceau in Blutgier und Rache auf Deutschland gelegt hat? Zerschellen und vergehen in Dunst muß dieser Bann, wenn Deutschlands hohe geistige Intelligenz und rührige Arbeitskraft mit Bußlands unverdorbener Gesundheit und Naturkraft sich vereinigt. Bietet dann die Kleine Entente der èechoslovakischen Republik Gewähr und Sicherheit? Die Kleine Entente ist kein konsolidierendes Element. Was können diese gar nicht zusammenhängenden Länder für eine Sicherheit bieten? Rumänien grenzt an das feindliche Ungarn, das nicht vergessen kann, daß ihm Siebenbürgen genommen wurde. Auch Bulgarien ist nicht gut auf Rumänin zu sprechen, da es die Dobrudscha verlor. Die Freundschaft des angrenzenden Bußland wird für Rumänien wertvoller sein, als die der Kleinen Entente. Auch die im Verhältnis zu Deutschland oder Rußland kleine èechoslovakische Republik wird mit der Freundschaft dieser beiden großen Staaten besser fahren als mit der sehr kostspieligen Liebe Frankreichs. Diese Liebe ist sehr egoistisch, sie kostet uns Millionen, aber wir haben nichts davon, als eben die hohe Ehre, von Frankreich gnädig beachtet zu werden.
Das Exposé des Herrn Ministerpräsidenten war ein Eiertanz, sehr geschickt ausgeführt zwischen drei Richtungen 1 beendet mit einem bengalischen Feuerwerk, genannt: Èechoslovakische Politik. Aber glauben Sie mir, meine Herren, es ist jetzt nicht Zeit zu tanzen, sondern Entscheidung fordert gebieterisch die Zeit. Rußland, erklärte Tschitscherin, ist nicht besiegt, der deutsch-russische Block. ist anerkannt. Andererseits nimmt die Arbeitslosigkeit in den Ländern der hohen Valuta erschreckend zu. Blicken Sie auf die geknechtete Landwirschaft, die, jedes Zollschutzes beraubt, unter einer drückenden Steuerlast zugrunde geht. Nun gibt es nur eine Richtung vernünftigerweise für die èechoslovakische Politik, nicht aber drei. Möge die Politik in dieseln Staate sich so weise wenden.
Wir Deutschen wissen, daß auch uns die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen wird, früher oder später, und daß uns unser Recht werden wird und werden muß. (Potlesk na levici.)
4. Øeè sen. dra Naegleho.
Hoher Senat! Der Herr Ministerpräsident hat gegen Schluß seines Berichtes, den er am 23. Mai in diesem hohen Hause über die Konferenz von Genua erstattet hat, von einer Opposition gesprochen, die Opposition um jeden Preis, das heißt um der Opposition selbst willen, treibt. Es ist dies eine Voraussetzung, die wohl jeder reife Mann, der ernst genommen werden will, weit von sich weisen wird. Aber selbst auf die Gefahr hin, daß man mich oder meine Partei oder gar sämtliche deutschen Parteien in diesen Topf nicht grundsätzlicher, sondern vielmehr grundloser Opposition wirft, muß ich mit einer Anklage, bezw. einer Beschwerde beginnen, indem ich es als eine neue Rücksichtslosigkeit gegen unsere deutschen Mitglieder dieses hohen Hauses bezeichne, daß man uns auffordert, heute über die Stellungnahme der èechischen Delegation in Genua unser Urteil abzugeben, ohne uns die Möglichkeit zu bieten, den Bericht des Herrn Ministerpräsidenten vom 23. Mai richtig zu studieren. Denn in den deutschen Blättern sind nur Auszüge dieses Exposés erschienen. Herr Dr Bene¹ hat wohl seine Ausführungen geschlossen mit der Aufforderung: An den Volksvertretern ist es, unsere Tätigkeit auf der Konferenz von Genua zu prüfen und zu beurteilen. Dazu hätte er aber auch, wie es sich bei folgerichtigem Denken von selbst ergibt, unter Zuziehung des Präsidiums dieses hohen Hauses uns die volle Möglichkeit verschaffen müssen durch Vorlage des vollständigen Textes seines Berichtes in der uns verständlichen Sprache.
Ohne die Bedeutung der Rede des Herrn.Ministerpräsidenten übermäßig aufbauschen zu wollen, liegt hier wieder. ein Musteribeispiel vor, wie uns Deutschen die parlamentarische Mitarbeit selbst in den wichtigsten und hochpolitischesten Angelegenheiten erschwert und zum Teil unmöglich gemacht wird.
Um nun zu dem mir bloß in einem Auszug vorliegenden Genueser Bericht selbst überzugehen, so erscheint mir viel interessanter und der Besprechung wert, was Herr Dr Bene¹ nicht gesagt, worin er nicht Farbe bekannt hat. Denn, wenn es in dem Exposé heißt, die Kleine Entente habe regelmäßig einen gemäßigten und vermittelnden Standpunkt eingenommen und habe insbesondere im englischfranzösischen Konflikt die Gegensätze zu mildern gesucht,. so sind diese vielen Worte nichts anderes als ein eupherhistischer Ausdruck für die Tatsache, daß die Kleine Entente und mit ihr Dr Bene¹ in Genua nach außenhin nicht Farbe bekannt, oder wie man im gewöhnlichen Leben zu sagen pflegt, auf 'beiden Schultern Wasser zu tragen suchte oder wenigstens den Anschein hievon erwecken wollte. In Wahrheit aber hat Herr Dr Bene¹ in Genua französische Politik gemacht, so sehr er sich auch gegen einen solchen Vorwurf wehrt. Ja, er hat selber die Berechtigung dieses Vorwurfes in manchen seinen Ausführungen indirekt bestätigt.
Worum handelte es sich in Genua? Dr Bene¹ hat in seiner am 4. April im Außenausschuß des Abgeordnetenhauses gehaltenen Rede als Zweck der Genueser Konferenz ausdrücklich bezeichnet, es sei dort der richtige Weg zu finden zur Rekonstruktion Europas. War es Herrn Dr Bene¹ mit dieser Meinung wirklich ernst? Jedenfalls mußte es ein bedenkliches Kopfschütteln eines jeden wirklich logisch Denkenden erregen, wenn Herr Dr Bene¹ in der nämlichen Rede in gleichem Atem es für ganz natürlich und logisch, ja für a priori offenkundig findet, daß die Genueser Konferenz sich nicht mit den Friedensverträgen oder gar mit der Reparationsfrage befassen könne, Und dennoch sucht er oder läßt er andere suchen nach dem richtigen Weg zur Rekonstruktion Europas.
Zur Illustrierung, um diese Logik oder vielmehr widersinnige Unlogik recht anschaulich zu machen, ließ ein Witzblatt neulich einen schwer Typhuskranken bei einem Arzt Heilung suchen. Und dieser geistreiche Arzt wußte für seinen sterbenskranken Patienten kein anderes Mittel zur Anwendung zu bringen, als daß er ihn niedersetzen ließ; um ihm die Hühneraugen zu schneiden. So trivial dieser Witz auch klingt, haben die allgewaltigen Gebieter der Genueser Konferenz unter eifriger Assistenz des èechoslovakischen Ministerpräsidenten in der Tat dort eine andere Rolle gespielt, als die des scharlatanhaften Hühneraugenoperateurs und gewöhnlichen Kurpfuschers? Denn eine Rekonstruktion Europas herbeiführen zu wollen, ohne an die eigentlichen Ursachen rütteln zu lassen, welche den jetzigen chaotischen Zustand, unter dem die wirtschaftlichen Verhältnisse Europas, Amerikas, ja der ganzen Weltwirtschaft seufzen, verschuldet haben, das heißt nichts anderes, als einer Quadratur des Kreises das Wort reden. Unmöglich konnte die Konferenz das Ziel, das sie sich gestellt hat, die Rekonstruktion Europas, erreichen, wenn sie die sogenannten Pariser Friedensverträge, die Abrüstung zu Lande und den Deutschland und mit ihm die gesamte Weltwirtschaft zugrunderichtenden Reparationswahnsinn im voraus als ein >Noli me tangere< erklärte. Oder hält jemand es im Ernste für glaubhaft oder nur für wahrscheinlich, daß die hervorragenden Staatsmänner von mehr als 30 Staaten, die in Genua versammelt waren, sich von vornherein über diese Binsenwahrheit nicht klar waren? Frankreich denkt in seiner ebenso kindischen, wie hochmütigen Verbblendung und in seinem diabolischen Haß gegen Deutschland nicht im geringsten an eine Rekonstruktion Europas. Es hat trotz allen schönen Friedensworten, deren es hie und da, um der Welt Sand in die Augen zu streuen, nicht entbehren kann, die aber nichts anderes als Lüge und Heuchelei sind, nichts anderes im Auge als seinen eigenen Vorteil und die dauernde Knechtung Deutschlands. Aber, daß auch ein Mann wie Lloyd George sich in Genua zu einem solchen Gaukelspiel hergegeben hat, könnte im ersten Augenblicke verblüffen, kann uns aber weiter nicht Wunder nehmen in Erinnerung der zwedeutigen, widerspruchsvollen Rolle, die der englische Ministerpräsident in der oberschlesischen Frage gespielt hat, bei der er sich zuerst so scharf und dezidiert wie möglich gegen die Zerreißung des Industriegebietes aussprach, später aber, ohne mit den Wimpern zu zucken, der gegen den Wortlaut des Versailler Vertrages von Frankreich und Belgien betriebenen, von der èechischen Politik unterstützten, deutschfeindlichen Teilung des Abstimmungsgebietes zu Gunsten Polens glatt zustimmte. Denn auch einem Lloyd George steht die unnatürliche Entente mit Frankreich höher als das Wohl, die Gesundung Europas, wenigstens vorläufig noch.
Und wie sehr Dr Bene¹ seine ganze Politik bisher auf der engen Verbindung zwischen den beiden großen Weltmächten aufgebaut hat, das in aller Schärfe auszusprechen, hat er keine Gelegenheit versäumt; so in seinem Exposé vom Jänner 1921, in dem er erklärte, daß die Allianz zwischen England und Frankreich für Jahrzehnte das europäische Geschehen und damit auch die Politik der Èechoslovakei entscheidend beeinflussen wird. Heute aber, im Frühjahr 1922, also nach etwas mehr als einem Jahre, ist Herr Dr Bene¹ genötigt, ausdrücklich von einer >Krise der Allianzen< zu sprechen, von einem drohenden Auseinanderfall jener Allianz, der er bisher auf Jahrzehnte hinaus den entscheidenden Einfluß auf dass politische Geschehen Europas und damit auch die Politik der Èechoslovakei zuerkannt hat. Mit scheinbarer Offenheit ist er auf die zwischen der französischen Politik einerseits, der englisch-italienischen andererseits bestehenden Differenzen eingegangen. Ich sage absichtlich: mit scheinbarer Offenheit. Denn er hat die zugestandenen Gegensätze sofort wieder abzuschwächen gesucht durch die Bemerkung, >Auf solche Differenzen, wie sie auf der Konferenz von Genua aufgetaucht sind, müssen wir ständig vorbereitet sein. Aber es ist nicht notwendig, große Spaltungen und Veränderungen der Front zu befürchten.< Durch die so scheinbare Selbstberuhigung suchte Herr Dr Bene¹ den Boden zu gewinnen zur Verteidigung seiner eigenen, nach außen hin vorsichtig zwischen den beiden Richtungen lavierenden Politik. Er hat dabei, so schlau und anscheinend diplomatisch er auch vorzugehen meint, nicht beachtet, wie sehr er sich zwischen zwei Stühle gesetzt und sich in die Gefahr begeben hat, zwischen beiden hindurchzufallen. Es ist mindestens sehr gewagt, behaupten zu wollen, es sei nicht notwendig, große Spaltungen und Veränderungen der Front zu befürchten. Woher will denn Herr Dr Bene¹ wissen, daß Lloyd George nicht endlich doch einmal aus seiner innersten wahren Überzeugung - rund ich bin fest überzeugt, daß es seine feste Überzeugung ist, daß das französische chauvinistisch - imperialistische Haß- und Rachesystem, das man heuchlerisch Reparation nennt, zum Untergaiäge Europas führen muß - die letzten vollen Konsequenzen ziehen wird? Und wenn Lloyd George sich nicht selbst endlich zu einem solchen Entschlusse aufrafft dann wird er heute oder morgen, vom Vokswillen genötigt, sein hoffentlich baldiger Nachfolger tun müssen. Denn während der Genueser Konferenz war in vielen rührenden englischen Blättern der beständige Refrain zu lesen, den ich wörtlich zitiere: >Alle britischen wirtschaftlichen Kreise und die meisten britischen Staatsmänner bereuen den Versailler Vertrag und sehen ein, daß er den vom Kriege geschaffenen Ruin nur vergrößert hat und verhängnisvoll war und ist für alle europäischen Interessen.< Allbekannt ist das Wort des früheren italienischen Ministerpräsidenten Nitti, der in seinem Buche >Das friedlose Europa< schreibt: Kein gerechter Mensch hegt Zweifel über die große Ungerechtigkeit des Versailler Vertrages sowie aller von diesem hergeleiteten Verträge. Und ein anderer Italiener in führender Stellung, der Abgeordnete Crispi, der Neffe des bekannten italienischen Staatsmannes gleichen Namens, hat ein Buch geschrieben über die Schuld am Weltkriege, in dem er bekannte: Der Vertrag von Versailles, der nach Lloyd George feierlicher Erklärung moralisch allein auf der deutschen Kriegsschuld beruhe, sei ein Justizmord an Deutschland, das den Krieg nicht gewollt und nicht verlangt hat. Ich empfehle dem Herrn Kollegen Horáèek, daß er dieses Buch von Crispi einmal fleißig studiere, vielleicht kommt er dann zu einer anderen Meinung, als er sie vorhin geäußert hat. Ja eselbst in der französischen Kammer haben am 23. Mai der Deputierte Tardieu, am 26. Mai der Deputierte Favre nicht umhin gekonnt festzustellen, daß die angelsächsische These, die Welt müßte ausschließlich nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten regiert werden, von der gesamten Finanzwelt Europas und Amerikas angenommen sei. (Sen. dr. Spiegel: Dabei war Tardieu ein Mitarbeiter Clémenceaus beim Vertrag von Versailles!) Jawohl; er erklärt weiter, er müsse umsomehr sein Bedauern.darüber aussprechen, als diese These logischerweise zu der Forderung nach Revision der Friedensverträge führe. Favre war dagegen der Meinung, es sei einfacher, gleich die notwendigen Opfer zu bringen, als Frankreich der nicht ausbleibenden Isolierung auszusetzen. Während es also sogar schon in Frankreich in manchen helleren Köpfen zu dämmern und der gesunde Menschenverstand sich durchzuringen beginnt, während also auch bereits manche Franzosen realpolitischen Erwägungen Raum zu geben geneigt sind; wie denkt man dagegen über diese Schicksalsfrage der ganzen Welt hier in der Èechoslovakei? Am selben Tage, da im amerikanischen Senat von einem der dortigen führenden Politiker der Versailler Vertrag die >Krankheit Europas< genannt wurde, am 15. Mai hat sich der Primator von Groß-Prag, Dr Baxa, die lebendige Personifikation der èechischen Volksseele von der Gasse, beim feierlichen Empfang einer französischen Abordnung unter deren offenem Beifall im Prager Rathaus zu dem Satze verstiegen, die beste Sicherung des Friedens in Europa sei die energische Durchführung des Friedens von Versailles. Mit diesen Worten hat der Prager Primator, um wieder einmal die eechische Verbrüderung mit den Franzosen nach außen zu manifestieren, sich völlig mit dem französischen Reparationswahnsinn identifiziert und damit nichts anderes ausgesprochen als Dr. Bene¹, der vor seiner Reise nach Genua am 4. April sich dagegen verwahrte, daß dort über die Friedensverträge und die Reparationsfrage verhandelt werden sollte, und der nach seiner Rückkehr am 23. Mai erklärte: >Unser Interesse ist, daß die Friedensverträge eingehalten und zur Geltung gebracht werden,< Was heißt >unserInteresse Unser Interesse kann in diesem Falle nichts anderes besagen, als das politische Interesse Frankreichs und seiner getreuen Vasallen, das ist der Kleinen Entente einschließlich Polens.