2. Øeè. sen. dra Ledebura.

Hoher Senat! Der Herr Ministerpräsident hat in der vorletzten Sitzung dieses Hauses einen lehrreichen Vortrag über das A B C der äußeren Politik gehalten... (Nepokoj.)

Pøedseda (zvoní): Prosím o klid.

Sen. dr Ledebur (pokraèuje): und er hat, ich zitiere die Worte des Ministers, sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß bei uns noch so viele dieses A B C nicht recht begreifen wollen. Es ist aus den Worten des Herrn Ministers nicht zu entnehmen, ob er nur die Opposition oder das Parlament oder ob er die Gesamtheit der Staatsbürger gemeint hat. Meiner Ansicht nach ist dieser Vorwurf nichtberechtigt; denn erstens haben wir ja sehr selten Gelegenheit, einen Vortrag des Herrn Ministers zu hören, und wenn dies der Fall ist, so ist das A B C, das er uns begreiflich machen will, entweder unvollständig oder es ist doppelsinnig, und schließlich ist doch das politische A B C des Herrn Ministers in letzter Zeit einer gewissen Veränderung unterworfen gewesen. Dem Worthaut der Ausführungen des Herrn Ministers folgend, habe ich versecht, die Wahrheit auch dort, wo er sie uns verhüllt, zu erkennen. Diese Wahrheit, d. h. den tieferen Sinn der delphischen Äußerungen des Herrn Ministers, auf eine primitive Form zu bringen und in das Licht unseres oppositionellen Standpunktes zu stellen, ist die Aufgabe, die ich mir gestellt habe. Ich will mich bemühen, keine so temperamentvollen Äußerungen meiner Kollegen hervorzurufen, wie der Herr Vorredner. Es gereicht mir zur ganz besonderen Freude, diesmal, und es ist das erste Mal, den Ausführungen des Herrn Ministers wenigstens.teilweise zustimmen zu können, obwohl ich seine Politik im allgemeinen - von meinem grundsätzlich oppositionellen Standpunkte ganz abgesehen - aus innerer Überzeugung ablehne, Der Herr Minister hat sich zunächet eingehend mit der russischen Frage beschäftigt, er hat das heutige Rußland in treffender Ironie mit folgenden Worten gekennzeichnet. >Die Bolschewiken verurteilten Europa und den Kapitalismus zum politischen und sozialen Tod, sie erklärten dem Kapitalismus den Krieg, prophezeiten seinen baldigen Untergang und auf einmal bitten diese grundsätzlichen Gegner des Kapitalismus den Kapitalismus um Hilfe und um Geld, das isst um Kapital.< Dies waren die Worte des Herrn Ministers. Die von dem Herrn Minister angewandte Ironie erreicht aber ihren Höhepunkt, wenn man auf die seit Oktober 1918 in diesem Staate betriebene Wirtschaftspolitik zurückblickt. Auch hier wurde und wird gegen den Kapitalismus Krieg geführt, aber so mancher Führer in diesem Kampfe erfreut sich heute eines ganz ansehnlichen Bankkontos oder ruht auf den Polstern eines Verwaltungsratfauteuils von den Anstrengungen dieses Kampfes aus. (Sehr gut!) Auch hier wurde und wird solider Wohlstand und arbeitendes Kapital so sympathisch bekämpft, daß der Staat den Kredit, den er sieh im eigenen Staate untergraben hat, um teueres Geld im Auslande erkaufen muß. (So ist es!) Der Herr Minister hat erwähnt, daß für die kommende Konferenz im Haag >die Anerkennung der Vorkriegisschulden und der Kriegsschulden, sowie die Anerkennung des privaten Eigentums der Ausländer< von Rußland gefordert werden soll. Ich glaube aus den Worten des Herrn Ministers zu entnehmen, daß er diesen Forderungen zustimmt, und ich hoffe daher, daß er das, was ihm in Rußland >Recht< erscheint, auch zu Hause >billig< finden und daß er die von Rußland geforderten Grundsätze, was die Frage der Kriegsanleihen und der Bodenreform betrifft, auch in der eigenen Heimat zur Geltung bringen wird. (Ausgezeichnet!) Denn meiner Ansicht nach sollte sich auch die èeslovakische Republik dem sogenannten ungeschriebenen Gesetze der Ehre, das Lloyd George in der letzten Sitzung der Konferenz den Russen vorhielt, nicht verschließen.

Auch im übrigen stimme ich finit dem, was der Herr Minister über Rußland gesagt hat, überein. Weder die grundsätzliche Ablehnung und Ignorierung der Sowjets, noch deren rückhaltlose Anerkennung und Aufnahme in die europäische Völkergemeinschat kann den moralischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau Rußlands, an dem ganz Europa interessiert ist, in dem Ausmaße fördern, wie eine allmähliche wirtschaftliche Annäherung und Durchdringung, jener Zustand, den die frühere Diplomatie mit >penetration pacifique< bezeichnet hat. Die wirtschaftliche Annäherung bedeutet unter den heutigen Verhältnissen zweifellos den gefahrlosesten Weg nach dem unbekannten und doch auch noch reichlich unsicheren Gebiet, das uns in Sowjetrußland erwartet. Wenn diese wirtschaftliche Durchdringung für einzelne Hauptbeteiligte auch größere Vorteile bringen sollte als für die anderen, so darf man, doch nicht etwa aus Geschäftsneid den ganzen Gedanken zum Scheitern bringen. Für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Rußlands wird sehr viel Kapital und, werden viele geschulte Kräfte nötig sein. Es werden daher diejenigen Staaten, die den größeren überschuß an Kapital und Menschenkraft besitzen, zunächst für diese Aufgabe in Betracht kommen. Dies sind in ersterer Beziehung Amerika und England, in letzterer Beziehung das übervölkerte Deutsche Reich, Wenn aber Deutschland dieser Aufgabe gerecht werden und wenn verhindert werden soll, daß die russische Krankheit neuerdings das trotz allen Stürmen und Entbehrungen im Kern gesund gebliebene deutsche Volk vergifte, wenn im Gegenteil der russische Verzweiflungswahnsinn an deutschem Arbeits- und Ordnungssinn allmählich genesen soll, dann muß man aber vorerst dem deutschen Volk selbst wieder Kraft und Licht geben, dann muß man einen dicken Strich durch die Versailler, Londoner und die Wiesbadener Rechnungen machen, dann muß man sich dessen klar werden, daß es nichts nützt, von, einem rekonstruierten und versöhnten Mitteleuropa zu faseln, und daß es keinen Frieden und keine Gerechtigkeit geben kann, wenn man nicht selbst gerecht und friedlich zu denken und zu urteilen vermag. Der in Genua geschlossene deutsch-russische Vertrag ist meiner Ansicht nach die ganz natürliche Folge der bisher Rußland gegenüber geführten verfehlten Politik, Hier haben sich die gesellschaftlich Ausgeschlossenen zu einer neuen Gesellschaft zusammengefunden, wie dies immer der Fall ist.

Was die Ausführungen betrifft, die der Herr Minister der russichen Frage widmet, so möchte ich mit einer gewissen Befriedigung feststellen, daß er sich bezüglich Rußlands auf einen von der französischen Richtung etwas abweichenden Standpunkt gestellt und somit einen Weg eingeschlagen hat, den wir Vertreter der deutschen Opposition bei verschiedenen Gelegenheiten immer wieder als den einzig richtigen bezeichnet, haben. Wir bedauern nur, daß es der Herr Minister unterlassen hat, uns über die Gründe dieser Abschwenkung zu unterrichten. Wir bedauern es, daß er über den von ihm anfangs als ungültig bekämpften deutschrussischen Vertrag auf der Genueser Konferenz nichts erwähnt und daß er uns über die Grundlagen, auf denen er schließlich selbst mit der Sowjetregierung verhandelte, sowie über die Stellung, welche die französischen Freunde des Herrn Ministers diesen Verhandlungen gegenüber einnehmen, keine Mitteilungen gemacht hat.

Denn auch die Bemerkungen, die der Herr Minister gestern im Abgeordnetenbaus gemacht hat, haben nur einen allgemeinen Charakter und haben uns gar keine Einzelheiten über die tatsächlich gefaßten Beschlüsse gebracht. Ich bedauere es aber noch mehr, daß die in der russischen Frage offenbar erfolgte Emanzipation von der sogenannten französischen Richtung seitens des Herrn Ministers nicht auch auf anderen Gebieten und nicht zur Gänze vollzogen wurde.

Der Herr Minister hat sich im zweiten Teil seiner Rede mit dem Verhältnis Englands zu Frankreich befaßt und hat den Unterschied zwischen den beiden Richtungen der Außenpolitik, von denen er die erste als die französische und die zweite als die englische-italienische bezeichnet, hervorgehoben. So klar der Herr Minister auch über die drei Möglichkeiten des politischen Verhältnisses gegenüber Rußland gesprochen hat, so sehr hat er den Grundgedanken der beiden entgegengesetzten Richtungen der europäischen Politik, der fanzösischen und der englische-italienischen, verschleiert, um nicht zu sagen entstellt. Die erste, die sogenannte französische Richtung, hat der Herr Minister mit folgenden Worten gekennzeichnet: >Durch die sukzessive Geltendmachung der Friedensverträge wird man wieder wechselseitiges Vertrauen fassen und zu endgültiger Versöhnung, zur notwendigen Zusammenarbeit der Nationen gelangen, wie es in den Intentionen des Völkerbundes liegt. Es wäre verfehlt eine unvermittelte< - das heißt englisch-italienische Politik - >zu machen, denn man würde so allen jenen eine Waffe in die Hand geben, die nur eine Politik der Macht anerkennen, die nicht an die Notwendigkeit der Völkerverbrüderung glauben und deren Religion der Chauvinismus und der Militarismus sind.<

Und während die erste Richtung - wie der Herr Minister sagt - >die Evolutionstaktik vertritt, die Schritt für Schritt die einstigen Feinde zur Mitarbeit zu gewinnen trachtet, um so gegenseitig zur Ueberzeugung des guten Willens aller zu gelangen, will die zweite Richtung gewaltsam und rasch mit der Tradition des Krieges brechen, will augenblicklich alles vergessen und betont die Notwendigkeit sofortiger und unbedingter Zusammenarbeit mit allen anderen; sie ist hinsichtlich der Friedensverträge nicht unzugänlich, macht keinen Unterschied zwischen ehemaligen Verbündeten und ehemaligen Feinden und trägt auch gegenüber Sowjetrußland diese Tendenz zur Schau. Diese Richtung ist ausgesprochen pazifistisch, sie redet viel von der Abrüstung und ist auch in Angelegenheit der Reparationen gemäßigt.<

Ich habe es für notwendig gehalten, trotzdem der Herr Senator Niessner bereits einen Teil der gleichen Stelle zitiert hat, sie noch einmal wiederholen zu sollen. Der Herr Ministerpräsident wirft der zweiten der englischen Richtung somit >pazifistische Abrüstungstendenz< vor. Gleichzeitig fürchtet er aber, daß durch diese Tendenz die >Religion des Chauvinismus und Militarismus< gefördert wird. Nun, meine Herren, das ist ein Widersuruch, der ebenso unerklärlich ist wie die paradoxe Tatsache, daß der Herr Minister aus Furcht vor den Splittern des Militarismus und Chauvinismus die er bei anderen zu bemerken glaubt, die schweren Balken von Militarismus und Chauvinismus übersieht, mit denen die Èechoslovakei und ihre französischen Schutzherren belastet sind.

Ich glaube, daß der Unterschied der Leiden Richtungen der europäischen Politik, die ich mir schon des öfteren zu charakterisiren gestattete und von denen ich die eine als die Richtung des Hasses und der Angst, die andere dagegen als die Richtung berechnender Vernunft, aber auch ehrlichen Willens bezeichnen möchte, nirgends so klar zum Ausdruck kommt, als in den kürzlich veröffentlichten Briefen, die Lloyd George und Clemenceau anläßlich der Versailler Friedensverhandlungen gewechselt haben. Loyd George sagt unter anderem; >Aus diesen Erwägungen heraus bin ich entschiedener Gegner des Planes, vom Deutschen Reiche mehr Deutsche loszureißen, als unbedingt eforderlich ist. Ich kann mir keinen sichereren Weg zu neuen Kämpfen denken, als den, das deutsche Volk, welches sich als eine der lebensfähigsten, mächtigsten Rassen der Welt erwiesen hat, mit einer Unzahl kleiner Staaten zu umzüngeln, deren Bevölkerung in der Vergangenheit niemals einer sicheren Regierungsgewalt unterstanden hat. Was ich hier über die Deutschen sagte, gilt ebenso für die Ungarn. Ich stelle mich also auf den prinzipiellen Standpunkt, daß man, so weit es menschenmöglich ist, zu verhindern trachten muß, die verschiedenen Völker von ihrem Mutterlande zu trennen, und ich glaube, daß dieses Kriterium den Vorzug vor strategischen, wirtschaftlichen und technischen Forderungen verdient, die ja auf anderer Weise befriedigt werden können. Wenn wir klug wären, böten wir Deutschland einen Frieden an, der seiner Gerechtigkeit wegen von allen vernünftigen Menschen dem Bolschewismus vorgezogen würde. Wir müssen unser möglichstes tun, um Deutschland zum Wiederaufbau zu verhelfen. Wir können es nicht verstümmeln. und gleichzeitig verlangen, daß es zahlt.<

Das ist Wort für Wort dasselbe, was wir hier ohne diesen Brief zu kennen, wiederholt vertreten haben.

Darauf antwortet Clemenceau, wie folgt: >Wenn man aus Gründen allgemeiner Natur Mittel finden will, um Deutschland Genugtuung zu geben, so braucht man sie nicht gerade in Europa zu suchen.< Das ist eine ziemlich scharfe Spitze gegen den englischen Verbündeten. Loyd George spricht die Befürchtung aus, daß wir mit der Verhängung zu harter territorialer. Bedingungen Deutschland dem Bolschewismus in die Hände treiben. Muß man nicht viel eher befürchten; daß gerade die von ihm empfohlene Methode der Stärkung Deutschlands dieses Resultat erzielen würde? Das Ergebnis wird entweder ein Bund von Ost- und Mitteleuropa unter Führung des bolschewistischen Deutschlands oder Deutschland fällt wieder der Reaktion anheim und reißt die Macht über alle jene Staaten an sich, die sich dann bei der allgemeinen Anarchie in seine Arme flüchten.

Nun aber, meine Herren, kommt das Beste: >Wenn man Deutschland alle seine Kolonien restlos und ein für allemal abnimmt, weil es die Eingeborenen mißhandelt, ist dies gerechtfertigt, aber dies gibt noch kein Recht, Polen oder Böhmen die Zuteilung vernünftiger Grenzen zu verweigern, weil die Deutschen als Vorläufer pangermanistischer Unterdrückung sich in deren Lande angesiedelt haben?<

Aus den Äußerungen der beiden Staatsmänner spricht derselbe Geist, der heute noch die französische und die englische Politik im wesentlichen beherrscht. Die wenigen, aber bezeichnenden Worte Clemenceaus lassen klar erkennen, warum wir, Deutsche die heutige französische Politik und die sogenannte französische Richtung grundsätzlich verwerfen müssen.

Der Herr Minister hat uns in seinem Expose verschwiegen, welcher Richtung er, bzw. seine Politik zuneigt, da er aber der zweiten englischen Richtung ein gewisses Mißtrauen gegen die kleinen Staaten und eine gewisse, dem Herrn Minister offenbar überflüssig erscheinende Sorge für die nationalen Minderheiten vorwirft; da er ferner im späteren Verlauf seiner Rede die Forderung nach einer >unbedingten Einhaltung der Friedensverträge< zum Ausdruck bringt, muß man annehmen, daß er sich nach wie vor, wenn auch vielleicht nicht mehr mit so viel Wohlgefallen im französischen Fahrwasser bewegt, während er in der einen russischen Frage mehr der englischen Auffassung zuneigt.

Der Herr Abg. Kafka hat in seiner letzten ausgezeichneten Rede im Abgeordnetenhaus, die sich mit den Ansichten welche ich zum Ausdruck bringe, vollkommen deckt, mit Recht darauf hingewiesen, daß der Herr Minister in seinen früheren Äußerungen wiederholt das englischfranzösische Bündnis als dauernd und für lange Jahre gesichert bezeichnet hat. Als ich mir an dieser Stelle und im Auschusse für Äußeres diese vom Herrn Minister des Äußern aufgestellte These zu bezweifeln gestattete, stieß ich nicht nur auf den heftigsten Widerspruch der èechischen Herrn Kollegen, sondern mußte auch das höhnische Bedauern der Regierungspresse über mich ergehen lassen, die jede Nachricht über englisch-französische Mißstimmungen als eine böse Erfindung bezeichnete. Und siehe da, heute spricht der Herr Minister selbst von >Differenzen zwischen England und Frankreich<, die sich auf der Konferenz in >verschiedenen Formen< kundgäben.

Wie ungewöhnlich diese Formen gewesen sein müssen, geht aus einem Berichte der >Morningpost< hervor, demzufolge Lloyd Georges Salonwagen, um peinliche Szenen zu verhüten, mit herabgelassenen Fensterladen durch Paris geleitet werden mußte. Die englisch-französische Spaltung ist heute ein nicht mehr wegzuleugnendes Faktum. (Sen. Hrubý: Podle mínìní pana Ledebura, ten by si to pøál!) Lassen Sie mich nur weiterreden, Sie werden erstaunt sein, was ich sage. Ich konstatiere also: Die englisch-französische Spaltung ist heute ein nicht mehr wegzuleugnendes Faktum, denn sie besteht nicht mehr allein in der Verschiedenheit der Anschauungen der Staatsmänner, sondern sie ist schon so tief in die Seele der beiden Nationen eingedrungen, daß jede folgende Regierung in England und Frankreich mit dieser Stimmung rechnen müssen wird. Wir Deutsche sehen in der englisch-französischen Spaltung mit Befriedigung den Eintritt eines von uns erwarteten Ereignisses, wir sehen in der Befreiung des uns näher stehenden englischen Geistes von dem französischen Einfluß den ersten Hoffnungsschimmer für einen vernünftigen Wiederaufbau des durch die Friedensschlüsse vernichteten Europas, wir hoffen, daß die auf gerechter und realerer Grundlage stehende englische Politik ebensowie in Italien auch in den anderen

Ländern an Boden gewinne, um schließlich auch das in der Hyperthrophie seiner Ansprüche allmählich immer mehr vereinsamende Frankreich mit allen seinen Trabanten - gewiß nur zu deren Vorteil - an sich zu fesseln. Wir wissen, daß Frankreich schwer und vielleicht am schwersten durch den Krieg gelitten hat. Wir wünschen keinen gewaltsamen Bruch zwischen England und Frankreich, aus dem einfachen Grunde, weil wir keinen neuerlichen Krieg wollen, sondern eine Wiederherstellung der alten kulturellen und wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den Völkern und Staaten Europas aufgrund offener und wohlwollender Ehrlichkeit und aufgrund der Vernunft des kaufmännischen. Rechenstiftes.

Mit dem Zugeständnis der englisch-französischen Differenzen hat der Herr Minister das Axiom - seiner bisherigen Politik aufgegeben. Er ging aber noch weiter, in dem er die Möglichkeiten, die sich aus diesen englisch-französischen Differenzen ergaben, in erschöpfender Weise schilderte ' und sogar von der >Eventualität neuer diplomatischer Gruppierungen< sprach. Meine Damen und Herren, wer aber erwartete, daß der Herr Minister nun auch den logischen Schluß aus diesen von ihm aufgrund der in Genua gemachten Erfahrungen festgestellten Tatsache ziehen würde, ist durch den letzten Teil seiner Rede bitter enttäuscht worden. Der Herr Minister will nach wie vor, daß >die Friedensverträge unbedingt eingehalten< und zur Geltung gebracht werden, er steht nach wie vor unerschütterlich auf dem Boden der Kleinen Entente, deren Auftreten in Genua er als Aktivpost der Genueser Konferenz bezeichnet, und er will nur >èechoslovakische Politik< treiben. Er fesselt seine Politik und mit ihr das weitere Schicksal dieses Staates somit an jenes unglückselige Produkt der Nachkriegspsychose, von dem Francesco Nitti treffend sagt, >daß kein gerecht denkender Mensch mehr Zweifel an der unerhörten. Ungerechtigkeit der Versailler Verträge hegt<. Er beharrt auf einem Bündnis, das jeder geographischen und wirtschaftlichen Grundlage entbehrt und das trotz aller Rückversicherun- gen schließlich nichts anderes als die Förderung der französischen Interesse, sowie die Verewigung der in Paris begangenen Fehler bezweckt. (Sehr richtig!) Und er bezeichnet seine Politik endlich mit dem Wort >èechoslovakisch<, einem Begriff, der weder ethnographisch, noch sprachlich und nach den Szenen, die wir erst gestern wieder im Abgeordnetenhause erlebt haben, auch politisch nicht feststeht. (Výkøiky.) Ich berufe mich auf meinen Vorredner den Herrn Senator Dr. Horáèek, der selbst gesagt hat, er verstehe den Ausdruck >èechoslovakisch< bei der Politik des Herrn Ministers nicht. (Sehr gut!) Der Herr Minister sagt, daß seine Politik von den historischen, geographischen und ökonomischen Voraussetzungen des Staates ausgeht, aber das gerade Gegenteil ist der Fall. Denn wo sind die historischen, die geographischen und ökonomischen Voraussetzungen, die diesen Staat mit Jugoslavien und Rumänien verbinden? Meiner Ansicht nach können Sie höchstens auf die Arche Noahs zurückgreifen. (Veselost.)

Ich bin der Ansicht, daß, man die Geschichte als außenpolitischen Faktor überhaupt stark überschätzt, denn die Gesichtspunkte, nach denen in früheren Jahrhunderten die Länder und Völker sich verbündeten und entzweiten, waren von den heutigen grundverschieden. Wenn man aber schon die geschichtliche Entwicklung der vergangenen tausend Jahre zur Voraussetzung der heutigen Politik machen will, dann muß man sich dessen klar sein, daß im Laufe der Zeiten auf dem europäischen Festlande vier verschiedene Kultur- und Wirtschaftsgebiete entstanden sind. Ich möchte sie nennen; das westliche romanische, das mittlere germanische, dem sich die Westslaven angeschlossen haben, das östliche russische und das südöstliche Gebiet der unteren Donauländer, das bis zur Leitha und den Karpathenkämmen reicht. Und wenn wir uns diese Entwicklung vor Augen halten, wird es klar, daß der Kern dieses Staates, die sogenannten Länder der böhmischen Krone vom Beginne ihres politischen Daseins.angefangen, geographisch, kulturell und wirtschaftlich zum mitteleuropäischen Block gehört haben. Geographisch infolge der Richtung ihrer Flußläufe, wirtschaftlich infolge der Zugänge zu den nördlichen Meeren, wo ihre natürlichen Häfen liegen, und kulturell durch die innige Verschmelzung von Religion, Wissenschaft und Kunst. Diese Verbindung Böhmens, Mährens und Schlesiens mit dem deutschen Mitteleuropa ist das Ergebnis einer historischen Entwicklung, deren heute noch lebndige Wahrzeichen uns überall umgeben. Ja, meine Herren, sogar der mit der Königskrone geschmückte weiße Löwe im roten Feld, der heute noch den Mittelpunkt des Wappens der Republik bildet, wurde dem böhmischen Herzog Wladislav II. im Jahre 1158 von Friedrich Barbarossa vor Mailand als Wappen verliehen.

Und die heutigen Verhältnisse, meine Damen und Herren, geben immer noch ein deutliches Bild dieser historischen Entwicklung. Die Ziffern der Handelspolitik zeigen, daß mehr als drei Viertel des gesamten Außenverkehrs der Republik allein auf Deutschland und Deutschösterreich entfallen. Wie innig die kulturelle und wissenschaftliche Verbindung der Länder der böhmischen Krone mit dem deutschen Mitteleuropa seit jeher gewesen ist, beweisen die Universitäten, die Kirchen und die Paläste dieser Stadt.

Die Pariser Friedensschlüsse haben in Mitteleuropa verschiedene neue Kleinstaaten geschaffen. Diese staatsrechtliche Zersplitterung hat aber auch eine wirtschaftliche Atomisierung zur Folge gehabt, und diese wirtschaftliche Atomisierung ist das Hauptübel, an dem wir kranken. Verwaltung und Wirtschaft haben grundverschiedene Voraussetzungen. Es war ein grober Fehler, die wirtschaftliche Organisation der politischen sklavisch anzupassen. Die Länge der mitteleuropäischen Zollinien hat sich durch die Versadler. Verträge mehr als verdoppelt, und mit ihr sind die Schwierigkeiten des Außenhandels ins Uferlose gewachsen. Die Kurse der verschiedenen mitteleuropäischen Währungen sind unaufhörlichen Schwankungen unterworfen, die den unreellen Gewinn fördern, aber jede reelle kaufmännische Kalkulation unmöglich machen, die wirtschaftliche Kleinstaaterei, das Bestreben der kleinen und kleinsten Staaten, sich vom Auslande unabhängig zu machen, führt zu ungesunden Neugründungen, die mit ihrer teueren Produktion den Inlandskonsum ungebührlich belasten, ständig nach Zollschutz schreien und die frische Brise der Weltkonkurrenz fürchten, welche sie nicht aushalten können und der sie nicht gewachsen sind. Die Teilung und die Dezentralisation der politischen Verwaltung bedeutet vielfach einen Vorteil und zumeist auch eine Verbilligung. Darum streben auch wir die nationale Autonomie an. Für das Wirtschaftsleben aber bedeuten Dezentralisation und Zersplitterung unter allen Umständen eine Hemmung und Verteuerung. (Sehr richtig!)

So bin ich auch der Ansicht, daß eine wirkliche wirtschaftliche Gesundung Europas nicht früher eintreten kann, als bis die großen unter einheitlichen Bedingungen arbeitenden Wirtschaftsgebiete, deren ich früher Erwähnung getan, über die heutigen politischen. Grenzen hinaus zu großen zolltechnisch und valutarisch geeinten Gruppen zusammengefaßt sein werden.

Ich weiß nicht, ob der Herr Minister diese Tatsache wirklich verkennt oder ob er lediglich unter der Suggestion der französischen Nachkriegspsychose steht, wenn er Rumänien zu Zentraleuropa rechnet und immer noch von dem starren Festhalten an den Friedensverträgen eine dauernde Rekonstruktion oder Konsolidierung Europas erwartet. Wie hinfällig diese Erwartung ist, haben wir Deutsche an dieser Stelle unzähligemale hervorgehoben. Wir sind heute dessen enthoben, die Richtung unserer Ansichten zu beweisen, da diese ihren Weg durch die ganze Welt genommen und in allen Ländern, besonders aber in England und Italien, Anhänger gefunden haben, die weltpolitisch einen größeren Einfluß haben als wir.