Wiederholt hat Herr Dr. Bene¹ schon als Außenminister ausdrücklich betont, wieviel der Regierung am internationalen Prestige liege und wie sehr er deshalb selbst vom Standpunkte des Außenministers alle die Ruhe und innere Konsolidierung des Staates störenden Vorkommnisse bedauern müsse. Denn innere und äußere Entwicklung seien unlösbar miteinander verbunden.
So schätzenswert diese Ansicht des Herrn Außenministers auch ist, so wenig hat sie zu positiven Leistungen Veranlassung gegeben. Denn, wenn wir den Herrn Außenminister gefragt haben, was er denn selbst zu der von ihm schon im Interesse des internationalen Prestiges des Staates als notwendig erkannten inneren Konsolidierung und zu deren vornehmlichster Grundlage, der Bereinigung der diesen Staat am meisten beschwerenden nationalen Frage, beigetragen hat, so ist er uns die Antwort darauf schuldig geblieben, Und nun hat Herr Dr. Bene¹ zum Glanz des Außenministers noch den größeren des Ministerpräsidenten hinzugefügt, indem anstelle des Beamtenministeriums ein parlamentarisches Koalitionsministerium trat, und hat damit auch direkt die Pflicht übernommen, sich mit der Lösung der inneren Staatsprobleme zu beschäftigen. Das verflossene Beamtenministerium hat sich bei seiner ersten Regierungserklärupg vor dem Parlament den volltönenden und vielsagenden, aber schon bald unwillkürlich erheiternden Titel beigelegt: >Regierung des Gesetzes und der Rechtsordnung.< Aber wie sehr oder wie wenig sich die Regierung Èerný uns Deutschen gegenüber als eine Regierung des Gesetzes und der Rechtsordnung erwiesen hat, da brauche ich, um von vielen arideren zu schweigen, nur an die gewaltsame Entfernung zahlreicher Josefsdenkmäler in verschiedenen deutschen Städten, an die rohen Gewalttaten, Verwüstungen und Plünderungen im November 1920 in Eger, Asch, Budweis, Brünn und besonders in Prag zu erinnern, an die jedem Gesetz und jeder staatlichen Ordnung hohnsprechende, gewaltsame Beschlagnahme des deutschen Landestheaters, die ausdrücklich auch mir persönlich gegenüber vom Präsidenten der Republik als ungesetzlich und ungerecht bezeichnet wurde, an die für uns so schmerzliche und eines Kulturstaates unwürdige Aufhebung so vieler deutschen Volks-, Bürger- und Mittelschulen, an die schauerliche Deutschenverfolgungen und Bluttaten im August dieses Jahres in Aussig usw, Wahrhaftig, das deutsche Volk wird dem Ministerium Èerný keine Tränen nachweinen, es hat sich in den Herzen der Deutschen ein >monumesitum aere perennius< gesetzt, aber in ganz anderem Sinne, als Horaz dieses Wort zum erstenmal gebraucht hat. Und obwohl Ministerpräsident Èerný von der Tribüne des Parlamentes aus den bei dem Prager Novemberaufstand schwerbeschädigten Parteien, zu denen vor allem unsere armen, viel geprüften deutschen Studenten gehören, Wiedergutmäehung des erlittenen Schadens, durch den Staat feierlichst versprochen hat, ist bis zum heutigen Tage noch kein Heller Entschädigung ausbezahlt worden. Die Regierung hatte es seit der Einlösung dieses Ihres feindlichen Versprechens, mit der Erfüllung dieses Ihrer strikten Pflicht so ungemein eilig, daß wie ich bei zweimaliger persönlicher Vorsprache beim betreffenden Referenten im Ministerium des Innern feststellen.konnte, erst nach Jahresfrist, zu Beginn des November 1921, die Vorerhebungen über die Höhe der Beschädigungen beendet waren, Wenn die Behandlung dieser Angelegenheit in demselben Tempo weitergeht, werden, wenn überhaupt etwas geschieht, erst die Erben der betroffenen Parteien zu ihrem Gelde kommen, oder die Schuld wird als unwillkommenes Erbe noch vielleicht vom Nachfolgerstaat der èechoslovakischen Republik beglichen werden müssen.
Auf das Ministerium Èerný folgte als eine langwierige Schwergeburt das Ministerium Bene¹. Ein altes Sprichwort sagt: Was lange währt, wird gut. Wahrhaftig, es hat zwar lange genug gedauert, bis endlich das neue Ministerium, mit Mühe und Not zusammengeleimt, das Licht der Welt erblickte. Aber trotzdem konnten wir Deutsche nach den schlimmen Erfahrungen, die wir mit sämtlichen bisherigen Ministerien dieses Staates gemacht haben, auch das neue Ministerium nur mit größtem Mißtrauen aufnehmen. Oder war vielleicht zwischen der Regierung Kramáø und der Regierung Tusar für uns Deutschen ein effektiver Unterschied? Der Unterschied bestand bloß darin, daß Herr Kramáø unsere Forderungen mit brutaler Gewalt, Herr Tusar mit glatter, liebenswürdiger Geste ablehnte, daß Herr Kramáø nur auf meine Beschwerden barsch erwiderte: >Sie vergessen, Herr Rektor, daß wir die Sieger sind,< und Herr Tusar mit holdem Lächeln die freundliche Antwort fand: >Aber Herr Rektor, wir werden in unserer demokratischen Republik doch keine Orientierungstafelpolitik treiben!< In der Tat jedoch hat Herr Tusar ganz genau dieselbe kleinliche und undemokratische, eines Kulturstaates unwürdige Orientierungstafelpolitik getrieben, wie Kramáø, Habrman, Èerný, ©usta und neuerdings Bene¹. Und heute läßt Herr Tusar als èechoslovakischer Gesandter der deutschen Republik draußen in den reichsdeutschen Blättern mit Hilfe der èechischen kostspieligen Außenpropaganda die unwahre Mähr verbreiten - und die deutschen Journalisten sind naiv genug, sie aufzunehmen - er, der Sozialdemokrat Tusar, habe es mit den Deutschen ja ganz gut gemeint, er sei zu nationalpolitischen Konzessionen an die Deutschen bereit gewesen, sei aber von den nationalistischen Parteien gestürzt worden. So habe ich selbst wörtlich gelesen im >Mannheimer Generalanzeiger< vom 7. September 1921, gemeldet aus Berlin.
Es gibt, wie draußen im Deutschen Reiche, so auch hier in der èechoslovakischen Republik unter unseren deutschen Wählern unpolitische und unkritische Naivlinge genug, die, wie sie vom Ministerium des Sozialdemokraten Tusar eine Aera der nationalen Mäßigung und Verständigung erwarteten, von demselben Tusar, unter dessen Regierung gerade die meisten, der uns Deutsche am schwersten bedrückenden. Gesetze fabriziert wurden, so nun wiederum die Phrasen der èechischen Beschwichtigungspresse und der lügnerischen Auslandspropaganda von einem neuen Ministerium der Mäßigung und des nationalen Ausgleiches für Ernst und bare Münze zu nehmen geneigt sind. Ich frage jedoch: Können wir Deutsche nach den bisherigen Erfahrungen einem èechischen Ministerpräsidenten Lorbeeren auf Vorschuß geben, können wir Vertrauen haben zu einem Manne, der dem berüchtigten >Memoire III< nicht ferne steht, das von Hunderten von Unwahrheiten formlich strotzt, das andererseits aber der Friedenskonferenz und dem Auslande so viele bestrickende Versprechungen vorgaukelt, daß man glauben sollte, deren restlose Nichterfüllung müßte den èechischen Machthabern die Schamröte ins Angesicht treiben. Oder klingt es heute nicht wie ein Fastnachtscherz, wenn. es im Memoire III wörtlich heißt: >Die Èechoslovakische Republik wird ein absolut demokratischer Staat sein; alle Ämter werden allen Staatsbürgern zugänglich sein; die Sprache der Minderheiten wird überall zugelassen sein; das Recht, ihre eigenen Schulen, ihre Richter und ihre Gerichtshöfen zu haben, wird niemals irgend einer Minorität bestritten werden. Die Èechen werden keineswegs daran denken, der deutschen Bevölkerung beispielsweise ihre Schulen, ihre Universitäten, ihre technischen Hochsehulen zu unterdrücken, Die Deutschen werden in Böhmen dieselben Rechte haben, wie die Èechoslovaken, die deutsche Sprache wird die zweite Landessprache werden und man wird sich, niemals irgend einer vexatori- sehen Maßnahme gegen den deutschen Bevölkerungsteil bedienen. Das Regime wird ähnlich sein wie in der Schweiz.< (Smích na levici, výkøiky.) So das >Memoire III<; und wenn Herr Dr. Bene¹ in seiner Antwort auf unsere Interpellation am 13. Mai 1921 den amtlichen Charakter dieses >Memoire III< ablehnt, so gesteht er doch zu, daß die èechoslovakische Regierung an den am 10. September 1919 in St. Germain gefertigten Minoritätenvertrag gebunden ist. Ja, er hat am 30. September 1919 in der alten Revolutionsversammlung ausdrücklich erklärt, >daß die Èechoslovakische Republik das in diesem Minoritätenvertrag gegebene Wort in vollem Maße einhalten wird.< Ich möchte das Augurenlächeln sehen, wenn die èechischen Staatsmänner und Politikgr unter sich sich die wahrhaft glänzende Einhaltung dieses gegebenen Wortes vor Augen führen. Denn, wie wenig der Minoritätenvertrag und das ge- gebene èechischeWort eingehalten wurden, das hat der Deutsche parlamentarische Verband in einer ausführlichen Denkschrift von 57 Druckseiten dargeleg.
Und derselbe Dr. Bene¹, der am 30. September 1919 mit Emphase versichert hat, daß die Republik uns Deutschen alles im vollen Maße geben werden, was, wie er wörtlich sagte, >ein kulturell reifes Volk braucht<, hat bis heule auch nicht einen Finger gerührt, um diesen Ausspruch wahr zu machen und dadurch die innere Konsolidierung dieses Staates, die er wiederholt als notwendig für eine erfolgreiche äußere Politik bezeichnete, anzubahnen. Oder, um nur ein Beispiel anzuführen: Glaubt Herr Dr. Bene¹ vielleicht nicht, daß ein kulturell reifes Volk keine Handelshochschule, keine montanistische, keine Forsthochschule braucht?
Herr Dr. Bene¹ hat nach keiner Richtung hin in seiner bisherigen Eigenschaft als Minister des Äußeren, als der er gewissermassen den ruhenden Punkt im Wechsel der verschiedenen Regierungen bildete, zur. Befriedigung der Bedürfnisse >des kulturell reifen deutschen Volkes beigetragen<; er hat auch, nachdem ihm nunmehr als derzeitigen Vorsitzenden der Regierung die innere Konsolidierung als unmittelbare Aufgabe zufällt, als Ministerpräsident bis jetzt für uns vollständig versagt. Ja, seine bisherigen, im Namen der Regierung abgegebenen Erklärungen waren für uns Deutsche nichts anderes als ein kalter Wasserstrahl.
In seiner ersten im Parlamente abgeltebenen Erklärung am 18. Oktober, die nach dem Urteil des Deutschen parlamentarischen Verbandes nichts mehr war als >eine Arieinanderreihung belangloser. Sätze,< hat der Herr Ministerpräsident für die Deutschen kein einziges versöhnliches oder wenigstens entgegenkommendes Wort gefunden und hat das die Grundfrage des ganzen Staates bildende Problem, die nationale Frage kaum gestreift. Er sagte nur soviel, daß er sie auf der Grundlage der letzten Volkszählung lösen wolle, jener Volkszählung, deren Ergebnisse von uns Deutschen, wie vorhin betont, wegen der dabei vorgekommenen ungeheuerlichen Terrorakte und Fälschungen niemals anerkannt werden. Herr Dr. Bene¹ bildet sich dabei ein, die nationale Frage, wie er sagte, >vom Gesichtspunkt des europäischen Horizontes< zu betrachten, Nein, das ist nicht der Standpunkt eines großzügigen Staatsmannes, der auf europäisches Ansehen achtet, sondern der kleinliche Horizont eines Kleinkrämers, der nicht weiter sieht, als bis zu den paar Zahlen seines Kramladens. Nur das eine hat uns der Herr Ministerpräsident in Aussicht gestellt, daß seine Regierung gegen >jede Politik der kleinen Nadelstiche< sein werde, Das ist aber nichts anderes als eine nichtssagende Variierung der Worte, die ich, wie bereits erwähnt, aus dem Munde des Ministerpräsidenten. Tusar gehört habe: >Wir werden in diesem demokratischen Staat doch keine Orientierungstafelpolitik treiben!< Wir haben bis jetzt nicht gehört, daß in irgend welcher Beziehung der bisherigen Orientierungstafelpolitik Einhalt gegeben wäre; wir haben nicht gehört oder gesehen, daß an den Zugängen zu den deutschen Instituten und zu den medizinischen Kliniken unserer deutschen Universität, wie wir es seit dem 28. Oktober 1918 ununterbrochen verlangten, wieder deutsche Aufschriften und Orientierungstafeln angebracht worden wären; wir haben nicht gehört, daß die neue Regierung den hyperchauvinistischen Bürgermeister der Stadt Präg, Dr. Baxa, der in der Hauptstadt eines Reiches mit fast 4 Millionen deutscher Einwohner kein deutsches Wort dulden will, einen großen oder auch nur kleinen Dämpfer aufgesetzt hätte, vielmehr hat die Regierung, die ja keine kleinen Nadelstiche austeilen will, jedenfalls um uns Deutschen eine besondere Freude zu machen, diesen größten Deutschenhasser zum Präsidenten des Verfassungsgerichtshofes erwählt, eine Institution, die auch für uns Deutsche von der größten Bedeutung ist. Dazu kommt, daß man nicht einmal einen einzigen Deutschen in die Zahl der ordentlichen Mitglieder dieses Gerichtshofes berufen hat. Wir haben auch nicht bemerkt, daß die tausendfältigen chauvinistischen Nadelstiche, denen wir Deutsche wegen des Gebrauches unserer Muttersprache tagtäglich bei der Post, bei der Eisenbahnverwaltung, bei den Steuerund Zollämtern usw, ausgesetzt sind, unter dem neuen Regime aufgehört hatten, Und wir deutsche Senatoren und Abgeordnete fühlen uns nach wie vor im Parlamente zu der Rolle bloßer Statisten verurteilt. (Souhlas.) Wir haben bisher effektiv nicht bemerkt, daß die Regierung Bene¹'s auf die Präsidien beider Häuser und auf die èechischen Majoritätsparteien einen greifbaren Einfluß genommen hätte, um durch eine Änderung der uns aufoktroiierten Geschäftsordnung uns deutschen Volksvertretern die Aktive parlamentarische Mitarbeit zu ermöglichen. Auffallen mußte es auch, ja direkt befremden, daß der Herr Ministerpräsident bisher sich vollständig über die Novellierung des Kriegsanleihegesetzes ausgeschwiegen hat. Und doch ist gerade diese Frage eine der brennendsten Wunden im Volkswirtschaftskörper dieses Staates. Das hat nunmehr auch der Präsident der Republik eingesehen und am 20. September dieses Jahres in Preßburg erklärt, er sei zur Überzeugung gekommen, >daß ein Einlösen der Kriegsanleihe im Interesse unserer eigenen Bürger sei,< Seither rate er jedem Finanzminister, den Bedürfnissen der Kriegsanleihezeichner auf das weiteste entgegenzukommen. Der neue Herr Finanzminister hat zwar auf die wiederholten Anfragen im Budgetausschuß die Erklärung abgegeben, daß zu einer Neuregelung der Frage sofort nach Erledigung der wichtigsten parlamentarischen Arbeiten geschritten werden solle. Wollen wir hoffen, daß die Regierung nun endlich begriffen hat, daß das ganze Problem keine politische, sondern eine wirtschaftliche Frage ist, indem Hunderttausende von Existenzen von der gerechten Einlösung der Kriegsanleihe abhängen, ja die eigene Staatswirtschaft davon betroffen ist, da die bisherige Haltung der Regierung und der Majorität der Nationalversammlung die Kreditfähigkeit des Staates nach Außen und den Glauben der Staatsbürger an die Sicherheit jeglicher Staatspapiere untergraben hat, wie die Mißerfolge der verschiedenen Staatsanleihen offensichtlich beweisen. Übrigens fordern wir deutsche Parlamentarier insgesamt nach wie vor die volle, ungekürzte Anerkennung der Kriegsanleihe. (Souhlas.)
Ja, das Ministerium Bene¹ hat trotz der Kürze seines Bestandes bereits eine positive blutige Belastung. Wie dem Ministerium Èerný auf ewige Zeiten die blutigen Vorgänge, die Toten und Verwundeten von Aussig vorn August dieses Jahres anhängen, so hat das jetzige Ministerium bis heute noch nicht die Schuld an dem grauslichen Vorgehen des Militärs in Graslitz, an den dortigen noch zahlreichen Leichen von sich abzuwälzen vermocht. Denn die Stadtverwaltung von Graslitz hat erst in den letzten Tagen wieder nach einer genau vorgenommenen Untersuchung öffentlich erklärt, es sei absolut unwahr, daß zuerst von der Zivilbevölkerung geschossen worden wäre, wie von Seiten des Ministeriums behauptet wurde, Wir haben am 10. und 17. November 1920 den Aufruhr der èechischen Gasse in Prag erlebt, anfangs August 1921 schossen in Aussig èechische Legionäre auf ruhige deutsche Bürger, als ob sie sich auf der offenen Jagd nach Freiwild befunden hätten. Von anderen Schand- und Bluttaten gegen Deutsche in der Republik will ich gar nicht reden. Waren das in Prag und Aussig und anderswo keine gesetzwidrigen Taten von èechischer Seite gegen deutsche Bürger, gegen deutsches Eigentum? (Výkøiky, souhlas.) Um den gesetzwidrigen Taten in Aussig zu begegnen, hatten die dortigen Gendarmen, die den Mordtaten der demobilisierten Legionäre ruhig zusahen, wie sie auf Befragen selbst erklärten, >keine Direktiver.< Und doch hat sich der Herr Minister des Innern Èerný neulich am 7. Dezember im Budgetausschuß zu der Behauptung verstiegen, er müsse mit allem Nachdruck betonen, daß die Gendarmerie niemals zu etwas anderem verwendet wurde als zur.Aufrechterhaltung der Ordnung und Ruhe. Wir wissen wohl, was der Herr Minister des Innern unter Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung versteht.
Wenn einige deutsche Studenten z. B. in Trautenau oder Mies mit ihren farbigen Mützen ruhig auf der Straße gehen und dann die dortigen randalierenden èechischen Mitbürger mit und ohne Lackstiefel daran Anstoß nehmen, halten Gendarmen die Ruhe und Ordnung dadurch aufrecht, daß sie die ruhigen deutschen Studenten arretieren. (Sehr gut!) Wenn aber in Prag das deutsche Landestheater gestürmt, wenn in Aussig demobilisierte Legionäre ruhig deutsche Bürger wie Hasen über den Haufen schießen, da schaut die Polizei und Gendarinerie ruhig zu und hatte. >keine Direktiven<. (Sehr gut! Ausgezeicknet!) Mit Recht haben die Herren von der deutschen sozialdemokratischen Partei in ihrer dringenden Interpellation vom 9.. August 1921 an das Ministerium die Frage gerichtet: Seit wann braucht denn ein Gendarm Direktiven, wenn er sieht, daß bewaffnete Menschen ruhige Passanten am Leben bedrohen, sie mißhandeln, ihnen Stichwunden versetzen und nach ihnen schießen? Es hat den Anschein, daß die Gendarmerie damals den Auftrag hatte, diese stechenden und schießenden Legionäre ruhig gewähren zu lassen. Das ist die vom Herrn Minister Èerný gepriesene Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung! (Sehr gut!) In Graslitz jedoch, wo die vom Ministerpräsidenten als gesetzwidrige Tat bezeichneten Vorkommnisse von den Deutschen ausgingen, hält es der Ministerpräsident für selbstverständlich, daß so etwas von keinem Staate zugelassen werden könne, sondern sofort durch das Niederknallen der betreffenden Übeltäter geahndet werden mußte. Und da behaupte noch jemand, in diesem Staate werde selbst in den ernstesten Angelegenheiten, wo es um Leben und Tod geht, mit gleichem, Maße gemessen!
Am Schluß seiner letzten Rede gab der Herr Ministerpräsident der Hoffnung Ausdruck, daß alle sozialen, wirtschaftlichen und nationalen Aufgaben zu erledigen im Sinne einer gemeinsamen Arbeit und im Sinne der sozialen und nationalen Gerechtigkeit, Ich habe vorhin schon darauf hingewiesen, daß der Deutsche parlamentarische Verband vom neuen Ministerium Taten will, keine schönen Worte. Daß das jetzige Ministerium aber schon irgend etwas getan hätte, wie der Herr Ministerpräsident sich weiter so beredt ausdrückte, >zu einem friedlichen Zusammenleben aller Volksschichten und Nationen dieses Staates<, das wird außer dem Herrn Dr. Bene¹ der größte Optimist nicht zu behaupten wagen. Der Deutsche parlamentarische Verband hat in seiner Sitzung vom 8. Oktober 1. J. wieder, wie shon früher, als >eine bekannte Tatsache festgestellt, daß es keine einzige deutsche Partei gibt, welche grundsätzlich allfällige Verhandlungen verwirft und daß es bisher die Èechen nicht für richtig oder nötig gehalten haben, in solche Verhandlungen mit uns ernstlich einzutreten. (Souhlas.) Der Verhandlungswille fehlt also nicht und hat niemals auf deutscher Seite gefehlt, welche ihre Vorschläge zur Anbahnung geregelter Verhältnisse wiederholt erstattet hat, ohne daß sie überhaupt von èechischer Seite einer Würdigung unterzogen wären.< Diese Verhandlungen könnten allerdings nicht von der lügnerischen Grundidee ausgehen, auf welcher dieser Staat fußt, von der Idee eines Nationalstaates (souhlas), in welchem die fast 4 Millionen Deutschen Luft sind und welche Idee bei der Verfassung des Staates, bei der Geschäftsordnung des Parlamentes, beim Sprachengesetz und so weiter Pate gestanden ist Zeitungsnachrichten zufolge hat der derzeitige Herr Eisenbahnminister Dr. ©rámek erst vor wenigen Tagen wieder auf dem Parteitag der èechisehen Volkspartei in Olmütz den Staat als einen Nationalstaat erklärt, den die Èechen zum Ausleben ihres nationalen Geistes benötigen Drängt sich da bei dieser Phrase, die ich auch schön wiederholt aus anderem Munde hören durfte, nicht die Frage auf: Wozu haben denn die Èechen zum Ausleben ihres nationalen Geistes die vielen Millionen Deutsche nötig? (Sehr gut!) Ist es demokratisch, ist es christlich, ja ist es überhaupt menschlich gedacht, zum Ausleben des eigenen nationalen Geistes fast 4 Millionen Andersnationaler zu Staatsbürgern zweiter Klasse zu Sklaven zu machen? Das hat nicht einmal das alte Rom getan. (Sehr richtig! Výkøiky. - Souhlas na levici.)
Wenn der Deutsche parlamentarische Verband an seiner, am 9. Juli 1920 in diesem hohen Hause abgegebenen staatsrechtlichen programmatischen Erklärung, daß er niemals aufhören werde, die Selbstbestimmung des deutschen Volkes zu fordern, nach wie vor festhält, so bedeutet der Begriff Selbstbestimmung die Möglichkeit für unsere deutschen Siedlungsgebiete, sich nach freier Wahl diesem oder jenem Staate, also eventuell auch der Èechoslovakischen Republik, anzuschliessen (Souhlas.), beinhaltet also keineswegs an sich eine Kampfansage oder gar Hochverrat gegen diesen Staat. An dieser Grundforderung der deutschen Politik halten nach wie vor sämtliche Parteien des Deutschen parlamentarischen Verbandes unbedingt und unentwegt fest. Und wenn auch nicht jeder unserer deutschen Redner hier im Senate oder drüben im Abgeordnetenhause diese Grundforderung ausdrücklich betont, so ist damit keineswegs gesagt, daß er oder seine Partei auf diesen grundlegenden Programmpunkt verzichtet hätte. Durch die sogenannten Friedensschlüsse von Versailles und Saint Germain wurde einzig und allein dem deutschen Volke das Selbstbestimmungsrecht vorenthalten, während es allen anderen Völkern, auch den kleinsten, im überreichen Maße zugesprochen wurde. Mehr als durch alle anderen unter dem gleißnerischen Namen: >gerechter Vergeltung< über uns Deutsche verhängten Gewaltmaßnahmen sind wir durch den Entzug des Selbstbestimmungsrechtes zu einem Sklavenvolk, zu einem Volke zweiter Klasse degradiert worden. (Souhlas.) Und wenn man uns Deutschen in der Èechoslovakei in unserer berechtigten Forderung nach Selbstbestimmung vorläufig nicht entgegenkommt, so wissen wir ganz gut, daß die Durchsetzung dieses. Zieles eine Frage der Machtentfaltung ist, aber sicherlich nicht bloß der Machtentfaltung seitens der Majorität dieses Staates, geradeso wie die Gründung der Èechoslovakischen Republik nicht allein, ja, nicht, einmal vornehmlich auf das Konto der Èechen zu buchen ist. Es ist keineswegs ein Dogma, daß bis zu einer neuen grundlegenden Änderung der allgemeinen politischen Konstellation Europas mit wesentlichen Nachwirkungen für den hiesigen, national erhitzten Boden wieder drei Jahrhunderte vergehen müssen, wie von 1620 bis 1918.
Denn das durfte auch den fanatischsten Verteidigern der sogenannten Friedensverträge von Versailles und St. Germain, zu denen in erster Linie die Franzosen und ihre Vasallen und Nachbeter, die Polen und Èechen gehören, allmählich aufdämmern, daß diese Friedensdiktate einiger ungeschickter Dilettanten, wenn nicht ganz Europa in ein Chaos anfgehen soll nicht endgültig und unabänderlich sein können. In Italien, England, Amerika und so, weiter haben bereits weitere einsichtige arid maßgebende Kreise sich zu dieser Erkenntnis durchgerungen. Sogar die >Times< hat vor kurzem zum Rückzuge geblasen. Und um nur ein krasses. Beispiel anzuführen, stammt von dem früheren italienischen Minister Nitti das harte Wort: >Kein gerechter Mensch hegt Zweifel über die große Ungerechtigkeit des Versailler Vertrages sowie aller von, diesem hergeleiteten Verträge.< Und der Franzose Anatole France sägte dieser Tage in Stockholm bei Entgegennahme des Nebelpreises: >Dem schrecklichsten aller Kriege ist ein Friedensvertrag gefolgt, der keinen Frieden, sondern die Verlängerung des Krieges bedeutet. Der Verfall Europas wird fortschreiten, solange nicht der gesüride Verstand im Rate der Völker Sitz erhalten wird.< Wie sehr die Regierung durch ihr undemokratisches. Eingreifen in die inneren Verhältnisse Europas sich selbst und diesen ganzen demokratisch sein wollenden Staat vor ganz Europa kompromittiert, ist erst kürzlich von dem Redner des Deutschen parlamentarischen Verbandes in diesem hohen. Hause zur Genüge gekennzeichnet worden, Durch die Entwicklung der Ereignisse erscheint auch noch nachträfkeh unser Standpunkt, daß die kostspielige Mobilisierung unnötig war, vollauf gerechtfertigt. Es ist unerhört, daß derselbe Dr. Bene¹, der wiederholt hier das Loblied des Völkerbundes in den höchsten Trinen sang, nunmehr, als es galt, beim Völkerbund als offiziellem Kriegsverhinderer und Friedensvermittler die erste Probe auf das Exempel zu machen, sich gar nicht der Existenz des Völkerbundes zu erinnern schien. (Sehr gut!) Und dabei ist Herr Dr. Bene¹ noch dessen sechster Vizepräsident!
Was schließlich noch ständigen Anlaß bietet zu dauernder Beunruhigung der deutschen Bevölkerung dieses Staates, ja was uns mit dem allergrößten Mißtrauen gegenüber der Regierung erfüllen muß, das ist ihr. Verhältnis, ihre Stellung zu Deutschland. Der Ministerpräsident, der in seiner ersten Programmrede am 18. Oktober über das Verhältnis zu Deutschland so gut wie gar nichts gesagt hatte, erklärte am 16. November: >So wie mit anderen Nachbarn, wollten und wollen wir auch finit Deutschland ein anständiges vernünftiges - und - freundschaftliches Verhältnis. Wirtschaftlich sind wir, auf eine Mitarbeit direkt angewiesen.< Aber was können diese schönen Worte, die in direktem Widerspruche stehen mit anderen Erklärungen, die Herr Dr. Bene¹ den Abgesandten des französischen Blattes >Eclair< erst kurzlich gab und die Sie in der >Bohemia