Pøíloha k tìsnopisecké zprávì

o 25. schùzi senátu Národního shromá¾dìní republiky Èeskoslovenské

v Praze ve ètvrtek dne 16. prosince 1920.

1. Øeè sen. Starka (viz str. 458 protokolu):

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich nehme hier zu einem Kapitel Stellung, das für uns, die Vertreter der Arbeiterschaft, besonders herausfordernd ist. Wir Sozialdemokraten sind, solange es solche gegeben hat und geben wird, die schärfsten Gegener eines jeden Militarismus. So wie wir den altösterreichischen Militarismus bekämpften, so bekämpfen wir auch den èechoslowakischen und jeden anderen. Wir unterscheiden uns auch in dieser Richtung von den bürgerlichen Parteien, die nur den andersnationalen, nicht aber den eigenen Militarismus bekämpfen.

Wenn man bedenkt, dass die èechische Nation, ohne Unterschied der Parteien, einstmals die grösste und schärfste Gegnerin des Militarismus war, heute aber ihren selbstgeschaffenen Militarismus geradezu verherrlicht, ihn wie eine heikle Pflanze züchtet, ohne zu ahnen, dass gerade dieser mit grosser Sorgfalt gezüchtete Militarismus es sein wird, der das Grab dieses aufgrund eines Gewaltfriedens geschaffenen Staates schaufeln wird, so muss man sich wohl die Frage stellen, warum die heute den Staat regierenden bürgerlichen Parteien einen so gewaltigen militärischen Apparat schaffen. Wir, die deutsche klassenbewusste Arbeiterschaft in diesem Staate, wissen sehr wohl, für welche Zwecke diese Riesenarmee dienen soll. Wir wollen nur wünschen und hoffen, dass das èechoslowakische klassenbewusste Proletariat die Gefährlichkeit dieses ruinösen Militarismus ebenso bald erkennt wie wir.

Nun erscheint unter den Kapiteln des Voranschlages auch das Kapitel >Nationale Verteidigung<. Dieses Kapitel bildet die Grundlage jenes schrecklichen Militarismus, dessen Auswuchse und Opfer wir heute und noch für lange Zeit stündlich und überall sehen und verspüren können. Es ist darum unsere Aufgabe, diesen Militarismus zu jeder Zeit, bei jeder Gelegenheit aufs schärfste zu bekämpfen. Nie ist es den Völkern klarer und deutlicher zu Bewusstsein bekommen als in den Jahren dieses schreckenvollen Krieges, dass sie alle Kampfeskraft zusammenraffen müssen um das Triumvirat: Kapitalismus, Imperialismus und Militarismus zu bekämpfen.

Was ist eigentlich dieser Militarismus und was will er? Der Militarismus schafft eine Kaste, die mit dem Volke nichts gemein haben will, die über ihm stehen will, ja die sogar über dem Staate stehen will, und sein einziger Zweck ist, dem Kriege zuzustreben. Darum ist eigentlich die sozialdemokratische Partei die einzige Partei, die in ernster Weise den Kampf gegen den Militarismus, seinen Geist, sein menschenunwürdiges Dasein, sein menschenmordendes Endziel zu führen imstande ist. Nie hat sich eine bürgerliche Partei gefunden, die den Militarismus aus Gründen der Menschlichkeit bekämpft hätte, wenn nicht gewisse Selbstzwecke hie und da einmal die Notwendigkeit der zeitwiesen Bekämpfung desselben gegeben hätten. Ich will auch hier in diesem Hause dasselbe Zitat anführen, das mein Parteifreund Abg. Jokl im Abgeordnetenhaus zitiert hat. Der liberale Kulturhistoriker Wilhelm Humboldt schrieb zur Zeit der französischen Revolution über den Krieg in seinem bekannten Werke >Ueber die Grenzen der Wirksamkeit der Staaten<: >Der Staat soll den Krieg auf keinerlei Weise fördern. Er muss sich vorzüglich aller positiven Einrichtungen enthalten, die Nation zum Kriege zu bilden, oder ihnen, wenn sie dann, wie z. B. die Waffenübungen der Bürger, schlechterdings notwendig sind, eine solche Richtung geben, dass sie der Nation nicht bloss die Tapferkeit, Fertigkeit und Subordination eines Soldaten beibringen, sondern den Geist echter Krieger oder vielmehr edler Bürger einhauchen, die für ihr Vaterland zu fechten immer bereit sind. Der Militarismus ist unvereinbar mit der Demokratie und bildet eine stetige Gefahr für die Freiheit und Weiterentwicklung der Völker zu einer höheren Kulturstufe.<

Meine Damen und Herren! Soll dieser Staat, so wie wir ihn heute hier sehen, die höhere Schweiz sein? Statt der höheren Schweiz haben Sie ein höheres Preussen geschaffen, allerdings nur mit dem Unterschiede, dass Ihnen das Organisations- und Verwaltungstalent Preussens vollständig fehlt. Wüsste man nicht Zweck und Ziel ihrer Bestrebungen, so möchte man sagen, Sie haben schlecht kopiert. Vielleicht kommen Sie und sagen: Was wollen Sie, wir haben doch die Schaffung einer Miliz in unserer Verfassung. Ja, es mag sich in der Verfassung gut ausnehmen, wir aber wollen die Wirklichkeit sehen. Sehen wir uns einmal die Einrichtungen unserer gegenwärtigen Heeresorganisation an, so werden wir finden, dass die Bewilligung zur Aushebung die Rekruten durch fünf Jahre vom Abgeordnetenhaus gar nicht abhängig ist, das Abgeordnetenhaus als solches gar nicht erst gefragt wird. In allen Staaten muss die Regierung an das Parlament zur Bewilligung für die Aushebung der Rekruten herantreten, nur in diesem demokratischen Staate nicht.

Eine weitere schöne Einrichtung, die recht deutlich beweist, dass der Militarismus in diesem Staate eine Stütze des Kapitalismus ist und dass er nur geschaffen wurde, um mehr den inneren als den äussern Feind zu bekämpfen, ist jene, dass man aus der altösterreichischen Heeresverfassung den Paragraph 1 mit herübernahm, nach welchem das Militär zur Mitwirkung bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit im Innern des Staates berufen ist. Daraus geht also mit aller Deutlichkeit hervor, dass der Militarismus genau dieselbe Verwendung finden soll wie in den weiland monarchistischen Staaten. Meine Herren, hier gab es Denkmäler zu stürmen und zu sturzen. Alles Reaktionäre, alles, was das Wort Demokratie schändet, haben Sie, meine Herren, in dieser demokratisch sein wollenden Republik eingeführt. Bis heute hat sich der Militarismus gegen die Deutschen gerichtet, der sich aber morgen gegen alle Arbeiter dieses Staates richten kann, wie wir dies leider in den letzten Tagen sehen konnten. Als Beweis will ich nur den 4. März 1919 anführen. Bemerkenswert ist, dass man alle Uebergriffe des Militärs damitt zu entschuldigen sucht, indem man erklärt, das die Schuldingen im Volke zu suchen sind. Man sollte sich auch in diesem Staate endlich zu der Ansicht bequemen, dass ein Tropfen vergossenen Bürgerblutes doch etwas kostbarer ist als ein paar Fensterscheiben. Bislang hat man das Prestige des Staates höher gehalten. Nach alldem müssen wir energisch verlangen, dass das Militär weiterhin nicht mehr zur Aufrecherhaltung der - nach den bürgerlich-reaktionären Begriffen - inneren Ordnung, wie man so schön zu sagen pflegt, verwendet werden darf.

Wie die Rekruteneinberufung und die Unterbringung derselben im heurigen Jahre auf das kläglichste versagt hat, zeigt uns, dass die junge Heeresorganisation ganz und gar nicht befähigt war, den ökonomischen und administrativen Dienst auch nur halbwegs klaglos durchzuführen. Hundertfünfzigtausend Rekruten wurden einberufen, für die man weder Transportmittel, noch Unterkunft, weder Bekleidung noch Verpflegung bereitgestellt hatte. Nach all dieser Kopflosigkeit war es kein Wunder, wenn es in den verschiedenen Garnisonen zu Ausschreitungen kam, die man natürlich mit aller Gewalt zu unterdrükken versuchen musste. Ich könnte Ihnen viele Schreiben von Eingerückten zur Kenntnis bringen, die alle auf den einen Ton gestimmt sind, dass es eine grenzenlosere Misswirtschaft, um nicht zu sagen Schweinerei, nicht geben kann. Am ärgsten sind natürlich diese skandalösen Zustände in der Slovakei. Von Eingerückten des 202. Artillerieregimentes in Slovakisch Bøe¾ov wird mitgeteilt (ète): >Trotzdem schon mehrere Wochen seit unserem Einrücken verflossen sind, haben die meisten noch dieselbe Wäsche am Körper mit der sie wegfuhren - die höhere Schweinerei - obwohl den meisten schon die Wäsche vom Leibe fällt. Die Menage ist nicht nur schlecht, sondern auch noch gering. Von der Richtigkeit dieser Angaben kann sich jeder überzeugen, denn man braucht nur auf die Postämter zu gehen, wo man Pakete finden wird, die an die Eingerückten gesendet werden, von Leuten, die es sich vom Munde absparen müssen, um den Eingerückten vor dem Verhungern zu behüten. <

Wäre da nicht die Frage an den Staat am Platze, warum er eigentlich Rekruten einberuft, wenn er sie weder bekleiden, noch ernähren kann? Wir meinen, dass der Staat, der dies nicht kann, schon gai kein Recht hat, ein Heer zu besitzen. Heute geht man aber schon daran, alle Unsitten des früheren Militarismus wieder einzuführen. Die Soldaten sollen kein Beschwerderecht haben, sollen wieder ein willenloses Werkzeug der übermütig werdenden Offizierskaste werden. Um allen diesen Uebergriffen der Offizierskaste rechtzeitig vorbeugen zu können, ist die rascheste Einführung der Soldatenräte eine nicht von der Hand zu weisende Notwendigkeit. Diese Einführung erweist sich schon deshalb als notwendig, zumal die Offiziere übermütiger zu werden beginnen als im alten Oesterreich. Wenn ein Hauptmann, der nach den Begriffen eines jeden anständigen Menschen ein Schurke genannt werden muss, sich erfrecht, die Koffer der ausgerückten Soldaten zu untersuchen, in diesen Briefe an einen Abgeordneten findet, die Besitzer dieser Briefe sodann in Einzelhaft bringen lässt, um sie nachher dem Divisionsgerichte einzuliefern, so muss man schon sagen, dass das alte Oesterreich nicht nur in erneuter, sondern auch in verschlimmerter Form in dieser demokratischen Republik wieder erstanden ist. Als eine recht republikanische Einrichtung muss die bezeichnet werden, dass man als Strafe die Entziehung der Löhnung eingeführt hat. Was die schwarz-gelben Offiziere zu tun nicht wagten, das bringen die Offiziere in der demokratischen èechoslowakischen Republik fertig. Vom Beschwerderecht der Soldaten in diesem Staate wollen wir gar nicht reden, da es ein solches nicht gibt.

Aus Virangeführtem entnehmen wir, dass die Einführung der Soldatenräte unerlässlich notwendig ist, wenn wir nicht wollen, dass der Offiziersübermut, der in diesem Staate so schöne Ansätze zeigt, zum Schaden und Nachteil unserer eingerückten Söhne gereichen soll. Um der Missachtung der einzelnen Nationen vorzubeugen, müssen wir das Verlangen stellen, dass Regimenter formiert werden, deren Soldaten einer einheitlichen Nation entnommen sind. Ein Unrecht sondersgleichen ist, dass man Tausende einberufen hat, ohne zu fragen, ob den Angehörigen der eingerückten Rekruten nicht die Brotschaffer genommen wurde, obwohl es im § 39 des Wehrgesetzes heisst: >Durch ein besonderes Gesetz wird bestimmt werden, inwiefern Familien, deren Unterhalt von einer in aktivem Dienst stehenden Person abhängig ist, ein Unterhaltsbeitrag zu gewähren ist.< Die Regierung hat somit den strikten Auftrag erhalten, die Frage der Unterstützung der Eingerückten zu lösen. Erst vorgestern hat man es für notwendig erachtet, ein solches Gesetz dem Hause zu unterbreiten. Man hat dem Volke wohl die Söhne, in vielen Fällen den Ernährer genommen, aber was schert dies die Regierung, was die Herren Minister, die ja wirklich andere Sorgen haben, als sich um die armen Teufel von Rekruten und deren Angehörigen zu kümmern! Feste müssen gefeiert, nationale Veranstaltungen müssen arrangiert werden, um das Volk einzulullen, dem Auslande potemkische Dörfer vorzutäuschen, kurz, ein Leben in der Èechoslovakei zu führen, als wäre es ein Schlaraffenland. Das scheint die wichtigste Aufgabe der Machthaber in diesem Staate zu sein. Gehen Sie aber, meine Herren, einmal hinaus unter das Volk, zu den Kriegsinvaliden, zu den Witwen und Waisen, denen Sie den Unterhaltsbeitrag entzogen und sie dadurch der bittersten Not preisgegeben haben, so werden sie wahrscheinlich keine Loblieder hören. Was durch diese Einstellungen der Unterhaltsbeiträge für bittere Not bei den betroffenen Familien entstanden ist, das, meine Herren, können Sie nicht verantworten.

Es ist, gelinde gesagt, eine beispiellose Gemütsroheit, wie man eine solche in keinem anderen Staate und bei keinem anderen Volke antreffen kann. Man muss sich nur wundern, dass das èechische Volk, welches ebenso darunter leidet, dies so ruhig hinnimmt. Die Regierung, die zu wichtigen Dingen kein Geld besitzt, wirft auf der anderen Seite das Geld mit vollen Händen weg, indem sie eine grosse Anzahl von Beamten provisorisch da oder dorthin versetzt, denen Sie dann ausser ihren normalen Dienstbezügen noch Diäten zahlen muss. Ich will ein Beispiel anführen: Bei uns in Mies wurde kurz nach dem Umsturze der dort amtierende Statthaltereirat Marschner, der sich während der Kriegszeit bei einem Teil der Bevölkerung unbeliebt machte, nach Reichenberg versetzt. Nun sind wir mit einem Herrn Statthaltereirat mit Nahmen Koslanský gesegnet, der, wie man sagte, sein früheres Tätigkeitsgebiet in Neupaka auch nicht freiwillig verlassen hat. Dieser Herr Koslanský, der ausser seiner Èechisierungsbestrebung sich unausgesetzt abmüht, die Stadt Mies und deren Bevölkerung bei allen Regierungsstellen als politisch verdächtig hinzustellen, um damit den Anschein zu erwecken, alsob von Mies aus der Sturz der èsl. Republik vorbereitet werden soll - ich wundere mich, dass der Herr Senator Klouda in seiner gestrigen Rede Mies nicht angeführt hat, wo Bestrebungen bestehen sollen, die èechoslowakische Regierung zu stürzen. Ich glaube, wenn ein so geheimnisvoller Plan vorbereitet werden würde, wäre es nicht am Platze und angebracht, dass ein Herr Senator dies von dieser Stelle aus kundgibt und die Vorbereiter dieses Putsches warnt. Also sehr ernst ist diese Sache nicht zu nehmen, sie dürfte nur darauf angelegt sein, die Bewilligung dieses Budgets zu erleichtern - dieser Mann, der bei jeder grösseren Versammlung die ganze, im politischen Bezirke befindliche Gendarmerie mobil machen und die Garnison Bereitschaft halten lässt, trägt wahrlich nicht dazu bei, Ruhe in die Bevölkerung zu bringen. Dabei ist dieser Herr so übertrieben ängstlich, dass er überall Spione und Attentäter gegen seine Person vermutet. Im Sommer vorigen Jahres liess er mehrere junge Burschen verhaften, weil diese, als er in einem Wagen von der Bahn kommend zur Stadt fuhr, vor seinem Gefährt die Strasse überkreuzten. Darin vermutete dieser Herr einen gegen seine Person gerichteten Anschlag. Aufs geradewohl liess er durch die Militärpolizei einige Burschen, die aber nicht mit den vorhin erwähnten identisch waren, verhaften. Diese Burschen wurden unschuldigerweise im Arrestlokal von der Militärpolizei blutiggeschlagen. Tags darauf wurden sie zum Kreisgericht nach Pilsen eingeliefert, mussten aber nach mehrtätiger Gefangenschaft mangels Beweisen freigelassen werden. Die Väter dieser Burschen brachten hierauf eine Klage ein, die bis heute nicht erledigt, vielmehr unterschlagen ist. Auf wessen Veranlassung die Klage niedergeschlagen wurde, ist leicht zu erraten. Ich möchte an dieser Stelle an den Herrn Justitzminister die Bitte richten, dem soeben Angeführten etwas Beachtung zu schenken und einmal beim Kreisgericht in Pilsen Nachschau zu halten, was aus dieser Klage eigentlich geworden ist. Man scheint die Person des Statthaltereirates etwas mehr als genügend schützen zu wollen, sie vielleicht für sakrosankt zu erklären. Bei der heurigen Musterung liess der Herr nicht nur die Gendarmerie, sondern auch die Mannschaft der hiesigen Garnison und dazu noch einen Zug von Artilleristen von Kladrau mit aufgepflanzten Bajonetten in Mies einmarschieren, als gelte es, die Stadt gegen einen angreifenden Feind zu verteidigen.

Obwohl Herr Koslanský wissen musste, dass wir beschlossen hatten, dass sich die Rekruten in aller Ruhe zur Musterung begeben sollten, wofür wir die Verantwortung übernommen haben, hat er in seiner übertriebenen Ängstlichkeit solche Massnahmen getroffen, die nicht nur die zur Musterung erschienenen Rekruten, sondern auch die übrige Bevölkerung auf das äusserste erbitterten. Ob dieses Vorgehens musste sich der Herr damals von mir in Gegenwart der Offiziere und Unteroffiziere der Musterungskommission die bittersten Wahrheiten sagen lassen. Wir haben aus all' diesen und anderen Anlässen eine Beschwerde an das Ministerium des Innern gerichtet, die natürlich bis heute nicht erledigt wurde, da Herr Koslanský ein Schützling des Abgeordneten Lukavský ist. Mir sagte ein Herr, der ein politischer Beamte ist, dass der Herr Koslanský in einer èechischen Stadt nicht länger als vier Wochen Amtsleiter sein könnte. Und die Bevölkerung von Mies und Umgebung muss sich diesen Menschen, der mit fast niemand in der Bevölkerung Verkehr sucht, der von Hunderten von Personen nicht einmal als der leitende Beamte der politischen Bezirksbehörde gekannt wird, gefallen lassen. Berater hat der Herr um sich, von denen ich nur einen erwähnen will, u. zw. einen Herrn Altner aus Tuschkau, der im alten Oesterreich ein enragierter Deutschnationaler, heute ein ebenso enragierter Èeche ist, und morgen, falls die Èechoslowakei unter chinesische Oberhoheit käme, ein ebenso enragierten Chinese wäre. Ich habe seinerzeit aufgrund unserer Beschwerde beim Referenten des Ministerium des Innern vorgesprochen und nach längerer Auseinandersetzung dem Referenten den Vorschlag unterbreitet, Herrn Koslanský zum Ministerialrat zu befördern und ihn sodann nach Prag zu nehmen, da man ihn immerhin hier vielleicht besser verwenden könnte. Man scheint aber auch in Prag vom Herrn Koslanský nichts wissen zu wollen. So kommt es also, dass nicht nur der Statthaltereirat Marschner in Reichenberg neben seinem Gehalt hübsche Diäten einstreicht, sondern auch der Herr Koslanský in Mies. Hier und in vielen anderen Fällen könnte der Herr Finanzminister Gelder ersparen, um sie für soziale Zwecke zu verwenden. An den Herrn Minister des Innern richte ich die Bitte, die gegen die Paschawirtschaft des Herrn Koslanský gelichtete Beschwerde endlich einer Erledigung zuzuführen.

Nun gestatten Sie mir, nur Einiges über jene deutschen Städte vorzutragen, welche Garnisonen besitzen und darunter ungemein zu leiden haben. Wenn ich Sie ein bischen länger aufhalte, so bitte ich zu entschuldigen, aber ich halte es für eine unbedingte Notwendigkeit, Ihnen dies vor Augen zu führen, damit Sie sehen, wie draussen die militärischen Kommanden mit dem Eigentum der einzelnen Städte umgehen.

Am 2. Juli 1919 wurde die Lehrerbildungsanstalt in Mies beschlagnahmt. Dies erfolgte in derart schneller Art und Weise, dass an eine geordnete Räumung gar nicht gedacht werden konnte. Um 2 Uhr nachmittags erschien die Kommission und um 4 Uhr nachm. waren bereits die beschlagnahmten Teile des Gebäudes geräumt. Laut Schreibens vom 17./IX. 1919, Zl. 1824/8-3 des Ministeriums für nationale Verteidigung an das Bürgermeisteramt in Mies, sollte die Beschlagnahme nur eine vorübergehende sein und die betreffenden Objekte sobald als möglich geräumt werden. Das Gebäude, das zu einer der modernsten und besteingerichteten Anstalten Böhmens gehörte, ist jetzt in einem gesind vielfach zerschlagen, die elektrischen radezu trostlosen Zustande. Das Mauerwerk und die Fassaden sind vielfach beschädigt und voll Schmutz. Die Fenster Leitungen, insofern sie nicht vom Militär gebraucht werden, sind anscheindend mutwillig vernichtet. Viele der Schalter, die bisweilen in der Höhe von drei Metern angebracht waren, sind direkt aus der Wand gerissen, die Drähte zerschnitten und ganze Stücke fehlen. Zwei mächtige Stuckvasen im Treppenhause wurden niedergeworfen. Der gesamte Eindruck des Gebäudes, dessen sämtliche Beschädigungen einzeln anzuführen zu weit führen würde, ist ein unsagbar trauriger. Im Erdgeschosse befanden sich die vier Klassenzimmer der Übungsschule, das Konferenzzimmer, der vierte Jahrgang und ein Klavierzimmer. Die Übungsschule, die Versuchs- und Lehranstalt für die heranzubildenden Lehrer wurde ausgewiesen und in zwei ihrer Schulzimmer wurde eine neue èechische Volksschule untergebracht, die eben mit 21 Schülern sofort zweiklassig errichtet worden war. In das Konferenzzimmer, in dem die Lehrer- und die methodische- und die Schülerbibliothek untergebracht waren, wurde entgegen den bestehenden Schulgesetzen der èechische Lehrer der Schule einquartiert. Mangels an Räumen musste die Bibliothek in der Privatwohnung des Lehrers verbleiben und war damit ihrer zweckmässigen Bestimmung und jeglicher Verwendung entzogen. Bis jetzt konnte noch keine Räumlichkeit gefunden werden, wo diese für die Schulführung so überaus wichtigen Bücher untergebracht und zur Benützung hätten zugänglich gemacht werden können. Die anderen Zimmer wurden zuerst von der Militärpolizei ohne jegliches Recht einfach requiriert und sind hierauf vom Militär übernommen worden. Wo nun die Übungsschule untergebracht wird, kümmert sich niemand an den Stellen, die die Requirierung verfügt haben, und es blieb Sache des Opfersinnes anderer deutscher Schulbehörden. Im ersten Stockwerke war der erste und zweite Jahrgang, der Versuchsaal, zwei Handfertigkeitszimmer (für Papp- und Holzarbeiten), das physikalische Kabinet, das Kabinet für Erdkunde, das gleichzeitig Amtsraum der Bezirkskommission für Kinderschutz- und Jugendfürsorge ist, und schliesslich die Kanzlei und Wohnung des Direktors untergebracht. Auch hier wurde einfach requiriert, ohne auf die Unterrichtsmöglichkeiten der Anstalt und die verschiedenen Vorstellungen und Bitten sowohl der Stadtgemeinde als auch der Anstaltsleitung Rücksicht zu nehmen. In die zwei Handfertigkeitszimmer wurden die zwei Lesezimmer für das Militär untergebracht, obzwar die Soldaten zwei Lesezimmer in der Stadt (Hotel >Alte Post<, Ymka) besitzen. Welch' ein Luxus bei dieser Wohnungsnot, und das auf Kosten von 160 angehenden deutschen Lehrern! Die kleinen Kabinette und die Direktions-Kanzleien wurden je einem Unteroffizier als Privatwohnung zugewiesen, welchen nebenbei zumeist noch ein grösseres Zimmer als sogenannte Kanzlei angeschlossen wurde. Die Direktorialkanzlei dagegen musste in der Privatwohnung des Direktors untergebracht werden. Der II. Jahrgang wurde als Arbeitsraum den Schneidern und Schustern zugewiesen. Wo der dadurch delogierte zweite Jahrgang seinen Unterricht abhielt, ist gegenüber der eminent wichtigen Frage der bequemen Unterbringung von Schneidern und Schustern Nebensache. Der I. Jahrgang wurde Mannschaftsubikation. Im zweiten Stocke waren das das naturhistorische Kabinet der III. Jahrgang, der Zeichensaal, die Anstaltskapelle, der Musiksaal, das Musikkabinet, ferner das landwirtschaftliche- und kulturhistorische Kabinet, in denen überall die entsprechenden Sammlungen und Lehrbücher aufgestellt waren. Unterschiedslos wurden diese im Laufe der Zeit beschlagnahmt. Die betreffenden Lehrmittel mussten überall, wo sich eben ein Winkel fand, untergebracht werden, und zwar auf den engsten Raum derart zusammengeschlichtet werden, dass eine Benützung für den Unterricht vollständig unmöglich wurde. Als zweckentsprechender Aufbewahrungsort verblieben da in erster Linie die Aborte, deren Sperrung durch eine Kommission verfügt wurde. Infolge der grenzlosen Unsauberkeit des Militärs waren nämlich diese ganz modernen Aborte in kurzer Zeit verstopft, sodass der Unrat bereits in den Vorraum drang. Eine herbeigerufene Militärkommission konnte dem Übelstande nur durch behördliche Sperrung steuern. In diesen Räumen musste nun die Lehrmittel eingeschlichtet werden. Bei der Beschlagnahme der ersten Räumlichkeiten wurden die ausgeräumten Gegenstände in der ebenfalls im II. Stock befindlichen Kapelle untergebracht. Diese hatte an ihren beiden Türen ein Doppelschloss und wurde obendrein noch versiegelt. Professor Grimm bemerkte gelegentlich, dass die Siegel verletzt seien. Mit dem sofort verständigten Direktor konnte festgestellt werden, dass in der Kapelle eingebrochen worden war, dass die Kasten geöffnet waren und dass die Vorhänge und Schnüre an den Fenstern fehlten. Die Anzeige wurde sofort erstattet, der Täter aber konnte nicht ermittelt werden. Einige Zeit darauf bemerkte Professor Gruss, dass die zweite Tür, in der von innen der Schlüssel stecken gelassen worden war, vollständig erbrochen war. In der Kapelle selbst bot sich das schrecklichste Bild der Zerstörung. Die Paramente und Messgewänder waren herausgerissen, die Leinwand herausgetrennt, eine silberne Dose für die Hostien gestohlen. In der Lavaboschale (Waschschale) war menschlicher Kot! Die sofort herbeigerufene Gendarmerie nahm ein Protokoll auf, das beim Bezirksgerichte Mies und beim Landesschulrate erliegt. Auch dieser zweite Einbruch war Gegenstand einer Gerichtsverhandlung, der oder die Täter konnten jedoch nicht ermittelt werden. Aufgrund dieses zweiten Einbruches wurden sämtliche Wertgegenstände, die noch in der Kapelle vorhanden waren, in die Kanzlei des Direktors geschafft. Nach kurzer Zeit konnte man aber einen neuerlichen Einbruch konstatieren. Aber es war in der Kapelle durch die verschiedenen Schicksale, die dieser Raum schon mitgemacht, eine derartige Unordnung, dass sich nicht mehr feststellen liess, ob und welche Gegenstände bei diesem neuerlichen Einbruche abhanden gekommen sind. Deshalb wurde von einer Anzeige abgesehen. Bei der Beschlagnahme der letzten Räume am 1. Oktober 1920 wurde nun noch alles das, was in den Aborten nicht mehr untergebracht werden konnte, teils in den Keller, teils auf den Boden geschafft. Dies geschah besonders bei der Räumung des naturhistorischen Kabinettes und des Musiksaales.

Eine derartige Verwendung fanden aber auch die Musikinstrumente, die als Eigentum der Anstalt für die musikalische Ausbildung der Schüler bestimmt sind. Ein Klavier kam in das Lesezimmer des Militärs, eines kam in das Lesezimmer im Hotel >Post< und eines erhielt der èechische Lehrer. Sie mussten genau so hergeborgt werden wie die Tische und Stühle, die ohne Rücksicht darauf, ob die Schule diese Gegenstände benötige oder nicht, ganz einfach gegen Quittung abgeholt wurden. Letztere z. B. seinerzeit zur Errichtung der Offiziersmesse im Gasthause zur sog. >Schillereiche< und der Kanzleien im erzbischöflichen Konvikte. Sogar vom Keller wurden zwei Lokale, davon eines für die Mannschaftsküche, beschlagnahmt. Der Turnsaal der Anstalt wurde am 26. März beschlagnahmt. Als er im Herbste 1919 den Schulen wieder zugänglich gemacht wurde, wurden eine Menge von Beschädigungen festgestellt, die von Militär verursacht wurden. Boden und Wände waren vom Schwamm zerfressen. Die Seile von den Leitern, ein langes Schwungseil, Vorhang und Zugschnüre, die elektrische Glocke fehlten. Die Turngeräte waren vielfach beschädigt, oft aus reinem Mutwillen. Die Auskleidebänke, Kleiderhaken waren zerbrochen, die Schaltung für Licht, elektrische Lampen und viele Fensterscheiben zerschlagen. Weder die Militär-, noch die Schulverwaltung haben trotz wiederholter Eingaben sich bemüssigt gefühlt, die angerichteten Schäden wieder gutzumachen.

Da die Redezeit kurz ist, will ich mich kurz fassen. Die Stadtgemeinde hat zur Erbauung der Lehrerbildungsanstalt in Mies im ganzen 137.000 K gegeben. Der Stadtgemeinde Mies wurde schon im Jahre 1899 vertraglich durch den Landesschulrat zugesichert, dass, wenn die Gemeinde die vorbezeichneten und auch geleisteten Verbindlichkeiten durchführt, für den Fall der Auflassung der deutschen Lehrerbildungsanstalt mit deutscher Unterrichtssprache oder falls sie einmal nicht mehr den Zwecken dieser Anstalt oder einer anderen Lehreranstalt mit deutscher Unterrichtssprache dienen sollte, sich das Ärar verpflichtet, dieses Gebäude der Stadtgemeinde Mies um jenen Betrag käuflich zu überlassen, welcher durch die in diesem Zeitpunkt vorzunehmende freiwillige gerichtliche Abschätzung ermittelt werden wird, wobei jedoch von diesem Schätzwerte die für die Erbauung von der Gemeinde geleisteten Zahlungen eingerechnet werden. Ja, der Vertrag lautet sogar auf sofortige Rückgabe des ganzen Versuchsgartens im Falle der Nichtbenützung als deutsche Anstalt. Ich richte von dieser Stelle aus an die in Betracht kommenden Minister, insbesondere au den Herrn Minister für nationale Verteidigung die Bitte, die in dieser Richtung eingebrachten Eingaben einer sofortigen Erledigung zu unterziehen, damit diesem Skandal - um einen solchen handelt es sich hier - ein Ende gesetzt werde.