5. Øeè sen. Knesche (viz str. 416 protokolu):

Hohes Haus! Indem ich meiner Ansicht und auch der Ansicht der Partei des Bundes des Landwirte, der ich die Ehre habe anzugehören, Ausdruck gebe, muß ich das hohe Haus aufmerksam machen, daß eile hochgradige Erregung in den Kreisen der deutschen Bevölkerung in Böhmen Platz gegriffen hat. Die Erregung unserer Wählerschaft ist ganz bedeutend und so tiefgehend, daß viele, meine Herren, besonders von dieser Seite jedenfalls nicht das richtige Verständnis dafür haben. Sie müssen begreifen, was an der Kriegsanleihe überhaupt hängt, Wissen Sie dies? Denken Sie nicht an den Kriegsverdienst! Nein, es sind Ersparnisse, nicht nur unsere Ersparnisse, sondern auch die Ersparnisse unserer Väter, denn gerade diese pekuniären Mittel sind zumeist in Kriegsanleihe niedergelegt worden, weil andere Papiere nicht da waren. Ja, wir haben sogar unsere ganzen Sparkasseguthaben dazu verwendet und nun ist alles, was unsere Väter erarbeitet haben, sind unsere Spargroschen in Gefahr, in Gefahr jetzt ganz annulliert zu werden, da sie in Kriegsanleihe angelegt sind und nun verloren sein werden. Die Erregung ist daher begreiflich, sie ist groß und bedeutend und Sie müssen ihr Rechnung tragen.

Meine Herren! Treiben Sie doch kein so frevelhaftes Spiel mit unserer Wählerschaft und dem deutschen Volke in Böhmen, Eben jetzt ist wieder eine Nachricht eingelangt, welche besagt, daß ein schauderhaftes Unrecht in Iglau verübt worden ist. Es wurde auf wehrlose Bürger geschossen, es gibt Tote. Und warum denn? Wegen eines Nichts, wegen einer nichtigen Sache. Es sind ein paar junge Leute von der Sonnwendfeier gekommen und haben ein Lied gesungen. Das hat natürlich wieder die Blut der Legionäre so aufgestachelt, daß sie hineingestochen und geschossen haben, daß Blut geflossen ist. Meine Herren! Die Ursache war ein Nichts, aber die Regierung hat die Legionäre nicht mehr in der Hand. Der Finanzminister zerbricht sich den Kopf, wie er Geld für diesen Staat beschaffen wird. Reduzieren Sie die Zahl der Legionäre! Wozu sind so viele Nichtstuer da, die nichts machen als unser Brot und Geld fressen? Wozu diese Leute? (Souhlas a potlesk na levici. - Rùzné nìmecké výkøiky.)

Hohes Haus! Sie müssen verstehen, wie eng unser Wohl und Wehe mit der Kriegsanleihe verbunden ist! Die Deutschen in Böhmen treiben Gewerbe, sie wohnen auf einem Boden, der wenig fruchtbar ist, sie sind angewiesen auf Gewerbe und Industrie. Infolgedessen besteht ihre einzige Kraft in dieser Finanzkraft. Der èechische Teil der Bevölkerung ist nicht so eng damit verbunden, Warum? Weil ihr Boden viel fruchtbarer ist, weil er Erträge hervorbringt, während die Randgebiete arm und auf das Gewerbe angewiesen sind. Und das Gewerbe hat gerade im Gelde und in der Finanzkraft den einzigen Rückhalt. Infolgedessen sind wir mit diesem Gelde, mit dieser Kriegsanleihe viel mehr und viel enger verbunden und es hängt wirklich unser Wohl und Wehe damit zusammen. Ich stehe nicht auf dem Standpunkte und wir alle stehen nicht auf dem Standpunkte, daß wir abseits stehen wollen von diesem Staate, daß wir von ihm nichts wissen wollen. (Souhlas na levici.) Der Herr Ministerpräsident hat die Gelegenheit wahrgenommen in seiner Regierungserklärung zu sagen, daß wir eigentlich nicht so auf dem Boden dieser neuen Zeit stehen und der Herr Vizepräsident Klofáè hat diesem Gedanken noch viel deutlicher dahin Ausdruck gegeben, daß wir auf dem anderen Ufer, »na druhém bøehu« stehen. O nein! Wir stehen nicht »na druhém bøehu«, wir stehen mit beiden Füßen in dieser Zeit und verwenden nicht unsere ganze Aufmerksamkeit darauf, daß wir elegische Reminiszenzen nach dem alten Österreich empfinden. Das alte Österreich ist für uns verschwunden. Wir haben im alten Österreich nicht die besten Tage gehabt. Es war kein deutscher Staat, es waren im alten Österreich in erster Reihe die Slaven da, die slavische Majorität hat regiert und wir haben durchaus nicht in einem deutschen Staate gelebt, (Výkøiky.) Wir stehen mit beiden Füßen in dieser neuen Zeit und wir haben gar nicht die Absicht, nicht mit Ihnen zu gehen. Ja, ich muß Ihnen offen sagen, ich hätte erwartet, daß der Herr Ministerpräsident uns doch mit einigen Worten gewissermaßen die Hand gereicht hätte, da wir zusammenarbeiten sollen.

Sie werden doch, zugeben, daß uns tatsächlich Unrecht geschehen ist. Es wurden Gewalttätigkeiten verübt, Kaiser Josef Denkmäler wurden umgeworfen und in Mühlgräben geworfen, man hat unsere Schulen gedrosselt. Das Blut der Märzgefallenen ist unvergessen, erinnern wir uns nur an Kaaden und so weiter, und an andere Gewalttätigkeiten. Ich weiß, daß die Regierung und der Herr Ministerpräsident durchaus nicht der Ansicht sind, daß das recht war, nein, er ist ganz bestimmt der Ansicht, daß er nicht die Macht hatte, diese Gewalttätigkeiten zu verhindern. Aber sagen hätte er es doch können. Wenn diese Worte gesprochen worden wären, wenn uns gewissermaßen so die Hand gereicht, eine Brücke gebaut worden wäre, wir wären darauf freudig eingegangen. Wir stehen nicht abseits, wir stehen mit beiden Füßen in dieser Zeit, wir sind hiehergekommen, um zu arbeiten, um wirtschaftlich zu arbeiten. Aber, sehr geehrte Herren, wir stehen auf dem Boden des Rechtes und unser Recht lassen wir uns nicht rauben, es muß uns werden. Dann wollen wir gerne und jederzeit mitarbeiten. Sie verstehen uns nicht, Warum? Weil Sie es nicht verstehen können, daß unser Rechtsgefühl vielleicht viel stärker entwickelt ist als unser Nationalgefühl. Und warum ist unser Rechtsgefühl viel stärker entwickelt? Wir sind ein altes Kulturvolk, und bei jedem Kulturvolk ist das Rechtsgefühl viel stärker entwickelt. Damit Sie mich ganz verstehen, möchte ich darauf verweisen, was ein bedeutender Rechtslehrer in Wien in der 70er Jahren - es war Rudolf von Ihering - gelehrt hat. Er schrieb »Der Kampf ums Recht« und er war der Ansicht, daß die vorhergehende Rechtsanschauung Savignys ein überwundener Standpunkt ist, daß das Recht und der ganze Rechtsbegriff nicht etwas sei, was so von selbst gekommen wäre, sondern er war der Ansicht; daß jeder Rechtsbegriff und alles, was man Recht nennt, erkämpft werden müsse, daß das Recht jemandem nicht wie Hans dem Träumer zufällt, sondern daß es erkämpft werden müsse. Und wir wollen in diesem Staate unsere Gleicheberechtigung, unser Recht haben. Sie sagen: »Vy máte práva dost.«

(Pøedsednictví pøejímá místopøedseda Klofáè.)

Sie haben das schon oft genug gesagt. Wenn es uns nicht paßt, sollen wir nach Preußen gehen, daß ich es schon auswendig weiß. Das ist doch keine Erklärung! Ja noch mehr! Ein Kollege hat vor einigen Tagen gesagt, wir Deutschen hätten genug Rechte, was wollen wir denn noch mehr? »Mein Liebchen, was willst Du noch mehr?« Ich hätte gerne gesehen, daß dieses Zitat vollständig gewesen wäre. Es lautet nämlich: »Und hast uns zugrunde gerichtet, mein Liebchen, was willst Du noch mehr?« Unser Recht muß uns werden und in diesem Kampfe um unser Recht werden wir erstarken. Wir werden und müssen siegen, und wenn wir in diesem Kampfe um unser Recht auch zugrunde gehen, so ist dies noch immer ehrenvoller, weil man von uns sagen kann: »Wir sind für unser Recht und im Kampfe für unser Recht gefallen.« (Souhlas na levici.) Es nützt Sie ja gar nichts, wenn Sie dem Auslande gegenüber auch noch sehr Ihren Gerechtigkeitsstandpunkt betonen, wenn Sie eine »Gazette de Prague« erscheinen lassen, worin zu lesen steht, daß Sie allen das Recht zu teil werden lassen, daß es hier so sei, wie in der Schweiz, ja noch schöner. Dies ist ja doch nicht wahr. Sie müssen der Wahrheit die Ehre geben und sagen, daß bei Ihnen das Nationalgefühl über dem. Rechtsgefühl triumphiert und daß in erster Reihe Ihr Nationalgefühl. Ihre Faust ist, welche sagt; Herr bin ich und ihr seid eben nicht die Herren. Das ist nicht sozial, nicht Gleichberechtigung, und infolgedessen müssen wir in diesem modernen Staate als Grundlage die volle Gleichberechtigung verlangen, wir müssen verlangen, daß uns unser Recht werde.

Ich komme auf die Kriegsanleihe zu sprechen, die so eng verschwistert ist mit unseren Interessen, so eng verbunden mit unserem Gefühl, daß ich meinem großen Bedauern Ausdruck geben muß, daß diese wichtige Frage heute in ein paar Stunden durchgepeitscht wird, als wenn es eine Lappalie wäre. Drei Wochen sind wir gesessen und haben debattiert über die Regierungserklärung des Ministerpräsidenten. Aber die Frage der Kriegsanleihe soll in drei Stunden erledigt werden, so wie zwischen Suppe und Braten werden die Dinge hinausgehaut, als ob es ein Pappenstiel wäre. Unsere Wählerschaft wird so unzufrieden und bitter enttäuscht sein, daß es nicht einmal gelungen ist, in dieser so wichtigen Frage eine Spezialdebatte einzuleiten. Nur eine Generaldebatte ist zuläßig, weil unbedingt um 7 Uhr Schluß sein muß. Die Wichtigkeit der Sache wird infolge dessen nicht eingesehen. Und diese Frage und die Erkenntnis dieser Frage ist so wichtig, daß es auf einen Tag nicht ankommt, um nämlich bei Ihnen, meine sehr verehrten Herren, die Überzeugung zu wecken, ob Sie wirklich Ihre Ansicht durchgeistigt haben, damit Sie doch endlich einmal wissen, was wir eigentlich wollen. Es ist bedauerlich, daß diese Gesetzvorlage heute so durchgepeitscht wird, sehr bedauerlich, und ich fürchte, daß, wenn die Sache so von Stufe zu Stufe weiter geht, dieses hohe Haus auf ein Niveau herabsinken wird, daß ein Theater daraus wird. Man kann die Minorität ganz ignorieren, aber einigermaßen müssen Sie doch Recht und Gerechtigkeit walten lassen. Denn sonst kommen wir auf ein Niveau, über das noch die ganze Welt lachen wird. Warum erkennen Sie nicht auch die Minorität an? Es war ja beschlossene Sache, daß heute die Spezialdebatte stattfinden wird. Und nun auf einmal ist das alles nicht wahr, oder als ob es überhaupt nicht gewesen wäre. Die Generaldebatte muß vollständig genügen, und damit ist die Sache erledigt. (Souhlas na levici.)

Meine sehr geehrten Herren Vorredner haben über das Wesen dieser Kriegsanleihe schon so viel gesagt, daß es mir nur noch erübrigt, einiges nachzutragen. Der Zweck soll ja sein, den Staat finanziell besser zu stellen. Es wird Geld gebraucht, der Staat braucht Geld. Es muß natürlich beschafft werden. Aber dieser Weg, in dieser Art und Weise, indem die Kriegsanleihen eigentlich nicht anerkannt werden, unter dem Deckmantel, daß sie doch anerkannt werden, ist ein sehr gefährlicher Weg, weil er namentlich den Kredit des Staates vernichtet. Wer soll zu diesem Staate Zutrauen haben und neuerdings Ihre neue Anleihe zeichnen, wenn er eben sieht, daß Sie die Kriegsanleihe so unredlich und unrecht, angeblich mit 7510, in Wirklichkeit aber nur mit 15-20% einlösen? Die Grundlage eines jeden Geschäftes, die Grundlage eines jeden Staates ist das Vertrauen, ist der Kredit. Dieses Vertrauen aber wird durch diese Art der Gesetzvorlage gründlich getäuscht und Sie werden sehen, daß Sie zwar uns dabei sehr schädigen, wenn diese Gesetzvortage über die Kriegsanleihe durchgeht, so werden Sie das ist wahr - unseren Lebensnerv durchschneiden. Wir werden zu Boden geworfen, weil unsere beste finanzielle Kraft dadurch gelähmt ist. Aber täuschen Sie sich nicht, meine Herren. Sie schneiden sich ins eigene Fleisch und ruinieren den Kredit Ihres Staates. Und wissen Sie, wohin Sie kommen? Wie lange wird es dauern wenn die Gesetzvortage durchgeht, so werden Sie auf zwei bis drei Jahre Geld haben - und es dauert nicht so lange, so stehen Sie wieder dem Nichts vis-á-vis und müssen dann wieder den zweiten Griff nach unseren alten österreichischen Staatschulden, nach unseren Renten, machen, um die ähnlich, ähnlich anzuerkennen. (Souhlas na levici.) Und das wird auch nicht Lange dauern! Warum? Weil eben die Quelle der übergroßen Ausgaben immerwährend fortfließt. Es wäre doch viel besser die Kriegsanleihe anzuerkennen in dem Sinne, wie wir es gefordert haben. Und es wäre besser, dann ein System eintreten zu lassen, das mehr auf Sparsamkeit und auf Ordnung gerichtet wäre. Aber jetzt werfen Sie die Millionen zum Fenster hinaus. Die Sparsamkeit ist hier nicht mehr modern. Und was mag da noch daneben gehen? Einen Jirák haben Sie erwischt, und wieviele Jiráks mögen noch unerwischt herumlaufen? Diese finazielle Wirtschaft kann also in dieser Weise, wenn sie immer mehr und mehr verschlingt, nur zum Untergang führen. Wir sind ernstlich bestrebt in diesem Staate mitzuarbeiten, wir wollen ehrlich mitarbeiten, und gerade weil wir von dieser ehrlichen Überzeugung durchdrungen sind, daß wir mitarbeiten, deshalb wollen wir die Kriegsanleihe, wie es in unserem und auch im Interesse des Staates ist, eingelöst haben. Wir gehören doch zusammen, Schauen Sie sich doch einmal dieses Land Böhmen an. Es sind se gewissermaßen zwei Hälften, die ein Ganzes geben. Das innere Böhmen, die agrarische Macht, den fruchtbaren Boden, und die Grenzen, das Randgebirge. Ein Gebiet, das nur dem Gewerbe gewidmet ist. So können eben diese zwei Hälften ein gedeihliches wirtschaftliches Ganzes bilden. Und nur Eines fehlt ihm; daß der Staat seine Minoritäten, daß Sie uns, daß Sie dem deutschen Volke das Recht geben, das wir verlangen. Wir wollen nur unser Recht und auf dieser gerechten Grundlage weiterarbeiten.

Diese Gesetzvortage der Kriegsanleihe ist geradezu ein Unglück und es wird eine Katastrophe werden, wenn diese Vorlage in diesem hohen Haus angenommen wird. Es ist doch eine reine Augenauswischerei, wenn gesagt wird, daß sie mit 75% eingelöst wird. Das ist doch gar nicht wahr. In Wirklichkeit wird sie doch nur mit 15 oder höchstens 20% eingelöst. Ja warum geht man da nicht ehrlich vor und stellt das Ganze auf eine viel solidere und ehrlichere Grundlage. Es muß vielmehr deshalb der Bevölkerung ein für allemal eingeprägt werden, daß diese sogenante 75% Einlösung ein reines Scheinmanöver ist. In Wahrheit sind es, wie ich schon sagte 15, für die Sparkassen 20%. Und wenn man schon die denkbar günstigste Kursentwicklung der neuen Anleihe ins Auge faßt, so werden es 20, höchstens 22% sein.

Nun spreche ich von den Ärmsten der Armen, von denjenigen, die die Kriegsanleihe lombardiert haben. Für diese Leute ist die Zeichnung der Staatsanleihe ganz unmöglich. Sie haben in der Regel nicht einmal das Geld, um ihre alte Lombardschuld zu bezahlen, umso weniger können sie die Aufzahlung für die neue Staatsanleihe leisten oder eine neue Schuld auf sich nehmen. Es handelt sich da nicht um vereinzelte Fälle, sondern vielmehr um mehrere Hunderttausende Personen. Diese Personen werden teils von der Kriegsanleihe betroffen, und ihre Kriegsanleihe verfällt zu Gunsten des Staates, teils bleibt ihr Schicksal weiter ganz ungewiß. Den Reichen wenig, den Armen gar nichts, das ist das soziale Motiv des Gesetzes, welches der Herr Finanzminister Engliš eingebracht hat. Sollte das Unglück eintreten, daß diese Gesetzvortage durchkommt, und daß sie wirklich angenommen wird, so ist das ein Sieg für den Herrn Minister. Aber ich muß ihm sagen: »Das war kein Heldenstück, Oktavio!« Den eben dadurch daß diese Gesetzvortage in diesem hohen Hause vorgelegt und durchgepeitscht wurde, damit wurde auch der Staat in seinem Lebensnerv getroffen, indem der Kredit bis auf alle ferneren Zeiten total untergraben worden ist.

Und noch auf einen Übelstand möchte ich hinweisen. Die Banken werden sich wie Hyänen auf diese Kriegsanleihe stürzen, weil ja eben der einzelne Eigner, erschreckt von diesen Bestimmungen übel die Kriegsanleihe um jeden Preis verkaufen wird und sie werden mit 20 Prozent und darunter diese Kriegsanleihe aufkaufen. Das wird auch eine grosse Gefahr für den Staat selbst werden, deshalb selten die Banken im Verordnungswege verpflichtet werden, dem Belehnungsschuldner eine möglichst lange Frist, mindestens sechs Monate bis zu einem Jahr zu fassen, damit sich die armen Leute das notwendige Geld zusammensparen und von der Zeichnung der Anleihe. Gebrauch machen können. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß diese Vorlage, an der wir nicht schuld sind, abgelehnt werde. Sie sagen uns immer wieder, wir sind schuld an dem Kriege, wir sind auch schuld, daß soviel Kriegsanleihe gezeichnet worden wäre, wären wir nicht Gewesen, wäre der Krieg schon eher aus gewesen, weil wir soviel Kriegsanleihe gezeichnet haben, hat der Krieg solange gedauert. Wer hat nicht alles agitiert, nur wir allein? Es wurde allgemein Propaganda gemacht für die Kriegsanleihe, nicht nur im deutschen, auch im èechischen Volke war es z. B. Herr Anton Švehla, Vorsitzender des Vollzugsausschusses der èechischen Agrarpartei, Herr Minister Švehla, welcher im »Venkov« am 9. Mai 1916 einen Artikel schreibt, der schließt; So wenden wir uns noch im letzten Augenblick an alle, welche bisher Kriegsanleihe nicht gezeichnet haben, daß sie dies sofort tun, daß sie zu dem Enderfolg beitragen, der mindestens ebenso glänzend sein muß, wie er bei den vorhergegangenen Kriegsanleihen war. Dadurch arbeiten auch wir für den Frieden und für die Nachkriegszeit, denn durch die finanzielle Sicherung verhelfen wir zu einer gesunden Gestaltung unserer Verhältnisse, Zeichnen wir und tun wir unsere Pflicht. Dieser Artikel ist auszugsweise in der »Národni Politika« vom 11. Mai 1916 wieder erschienen und abgedruckt worden. Auch Herr Minister Sonntag hat im April 1916 von der Kriegsgetreideverkehrsanstalt Zweige stelle Brünn eine Aufforderung gerichtet, worin es heißt: »Wir sind überzeugt, daß die Organe der Kriegsgetreideverkehrsanstalt, Mühlenbesitzer, Subkommissionäre, Approvisionierungsfunktionäre u. s. w. sich mit der größten Bereitwilligkeit an die Spitze der Zeichnungstätigkeit stellen und nicht nur durch eigene Zeichnungen, sondern auch durch gelegentliche Belehrungen und Anspornungen der Bevölkerung zur Zeichnung an dieser Aktion teilnehmen werden, damit in dieser grossen Zeit, wo es sich um die heiligsten Interessen unseres Vaterlandes handelt, unsere gesamte Bevölkerung mit dem größtmöglichen Kapital beisteuert. Wir legen besonderen Wert auf diese Agitationstätigkeit und ersuchen um gefällige Nachricht und so weiter.« Zuletzt heißt es: »Die Zeichnungsfrist ist kurz bemessen und es muß daher sofort ans Werk geschritten werden, damit sobald als möglich ein erfolgreiches Resultat der 4. Kriegsanleihe gesichert werde. Es ergeht daher an alle die Aufforderung, jeder organisiere, belehre seine Umgebung über die Vorteile der Kriegsanleihe und trachte unter allen Umständen, daß die Teilnahme sämtlicher Schichten, namentlich unserer Landbevölkerung, an der. Kriegsanleihe imposant ausfällt, als Beweis für die vaterländische. Betätigung überzeugend wirkt. Kriegsgetreideverkehrsanstalt Zweigstelle Brünn, Direktor Sonntág.« Und weiter, Herr Jan Novotný, Oberdirektor der Böhm, Industrialbank, welcher in den »Národní Listy« am 7. Mai 1916 schreibt: »Aus all dem hier gedrängt Angeführten ist ersichtlich, das die Zeichnung, von Kriegsanleihe nicht nur Pflicht ist und zwar zu Gunsten hoher Interessen, sondern auch im eigensten Interesse eines jeden einzelnen liegt.« Ich könnte diese Vorlesungen noch fortsetzen, aber ich fürchte Ihre Geduld zu ermüden und will daher zu dem bereits Vorgelesenen nicht noch Neues hinzufügen. Diese drei Fälle, die ich herausgreife wie aus einem Sack Erbsen, mögen ja genügen. Wir könnten ebensogut auch noch Hunderte von anderen Fällen anführen. Aber auch vom Rechtsstandpunkt selbst maß entschieden Stellung genommen werden gegen diese Art der Einlösung der Kriegsanleihe. Sie müssen bedenken, daß die Kriegsanleihe ein pupillarsicheres Papier war, das wird nun nicht anerkannt. Der Staat hat doch nicht nur die Aktiven, er hat auch die Passiven Österreichs übernommen. Und die Billigkeit erfordert es doch, weil nämlich so viele arme Leute und so viel Mittelstand daran interessiert ist, daß gerade diesen armen Leuten nicht die letzten Ersparnisse, dieser Sparpfennig durch diese sogenannte Kriegsanleiheanerkennung genommen wird. Es ist ganz unsozial und es ist gar nicht gentlemanlike überhaupt alte Schulden nicht zu bezahlen. Wenn man ein Erbe übernimmt, so maß man Aktiva und Passiva übernehmen, aber nicht die Aktiva nehmen und die Passiva unter den Tisch fallen lassen wollen. Ich glaube, daß der Sinn für Gerechtigkeit getrübt ist, und daß Sie gerade diese Kriegsanleihefrage durch eine Brille anschauen, die keineswegs eine Brille der Gerechtigkeit ist. Sie sind auf einmal zu grosser Macht gelangt, der Friede von St. Germain, den ich keinen Schandfrieden nennen darf, weit ich den Ordnungsruf bekäme, den ich aber schon dankend quittiere (Veselost a souhlas na levici.), dieser Friede hat eben zusammengeschustert und zusammengeschneidert, wie es jetzt aussieht. Sie haben sich bemüht um die Gunst der Franzosen. Ich weiß nicht, wie lange der Minister des Äusseren sich mit gefühlvollen Redensarten über Wasser halten wird. An höflichen Redensarten ist die französische Sprache sehr mich und die Franzosen zahlen mit ihnen. Die zahlen mit ihnen, weil sie wissen, daß Sie damit zufrieden sind. Sie sind selig, wenn ein Franzose einige höfliche. Redensarten spricht, aber es wäre wohl besser, sich auf die eigene Kraft zu verlassen und besonders auf die eigene wirtschaftliche Kraft, die dann zu gang besonderer Blüte und Entfaltung gelangen wird, wenn eben die Deutschen und die èechischen Elemente, das Gewerbe und die Industrie und auch die grosse ertragsreiche Landwirtschaft zusammenarbeiten zu einem neuen Ziel. Sie haben einen bedeutenden. Dichter, es ist Hálek, der hat einen Ganz anderen und schöneren Standpunkt eingenommen. Er hat in einem Gedichte den Wunsch ausgesprochen: »Möge die Zeit kommen, daß die Eiche und die Linde sich vereinigen mögen zu einer freundlichen Laube.« Ich bin durchaus nicht Chauvinist und kann auch gar nicht chauvinististisch sein, das ist in meiner Natur nicht gelegen, ich maß jedem sein Recht zugestehen, aber eben deshalb maß es mich empören, wenn man sieht, daß uns das Recht nicht gegeben wird, daß wir vergewaltigt werden in so und so vieler Hinsichten. Sie drosseln unsere Schulen, indem Sie nämlich jetzt eine grosse Anzahl von Schulklassen in Wegfall bringen. Sie sagen. Sie täten mit den èechischen Schulen dasselbe. Auch da werden die Schulen reduziert um eine Klasse, aber Sie messen mit anderem Masstabe. Bei uns dividieren Sie durch 80, bei Ihnen durch 30, und das ist jetzt nämlich sehr leicht möglich, weil wir eben gerade durch den Krieg einige Klassen sehr schwach haben. Es ist ein Kulturraub, wenn dem Volke die Schulen geraubt werden. Gerade nach diesem Krieg, wo unsere Volksschulen so sehr leiden maßten, viele Lehrer eingerückt waren, jahrelang auf dem Dorfe nicht anderes als Halbtagsunterricht war, diejenigen Kinder, die durch diese Zeit hindurchgekommen sind, weisen erschreckliche Lücken in ihrem Wissen auf. Das soll gut gemacht werden, aber nicht durch eine Reduzierung der Schulen, nein durch eine Verbesserung der Schulen, Mehr Schulen dem Volke und gerade mehr Volksschulen, aber nicht Reduzierung der einzelnen Klassen und hier noch dem Volke die notwendigsten Grundlagen nehmen, die eben das allgemeine Wissen dem Volke bietet.

Etwas verderbliches, und vielleicht ein Moment, das nicht genügend betont worden ist, ist der Umstand, daß die Kriegsanleihevorlage, in dieser Form angenommen, unsere Kreditinstitute, insbesondere unsere Sparkassen außerordentlich gefährdet. Das sind ja unsere Spargelder, das ist ja das Geld des Volkes, und daran, an diesen Stamm legen Sie das tötende Beil, an unsere Sparkassen, die eben zur Blüte gelangt sind, - die Sparkasse ist ja unser Fleiß, das Spargeld ist das, was man erarbeitet, erspart hat, und gerade an diese Kreditanstalten legen Sie durch die Kriegsanleihevorlage die mörderische Axt. Die Folgen sind ja gar nicht abzusehen, die Folgen, die immer weiter und weiter gehen, und sie werden uns wirtschaftlich an den Rand des Grabes bringen. Ich kann nicht umhin, als Parteiangehöriger des Bundes der Landwirte auch die Stellung zu kennzeichnen, die unsere Partei gegenüber dieser Vorlage einnimmt. Es ist viel Kriegsanleihe gezeichnet worden, viel mehr, als Sie glauben. Es ist also auch für die landwirtschaftliche Bevölkerung in bedeutender Schlag, wenn Sie jetzt einfach über Nacht die Kriegsanleihe bis unter ein Viertel, ja bis auf 15% entwerten. Das ist ein Schlag, ein Gewaltakt, der gerade auf die Sparpfennige der landwirtschaftlichen Bevölkerung ausgeübt wird. Und nicht genug daran. Sie wissen ja, daß die neue Vermögensabgabe in Sicht ist, Gerade dadurch wird der Grundbesitz getroffen, die Vermögensabgabe wird 75% ausmachen, weil man sowohl des Vorkriegswert als auch den Wertzuwachs zu erfassen bestrebt sein wird.

Es wurde von den Vorrednern schon mehrfach erwähnt, daß die Landwirtschaft durch den Krieg viel weniger ertragfähig geworden ist, da es an Kunstdünger fehlt, an Arbeitern, usw. Mag sein, aber die Hauptursache, warum unsere Landwirtschaft nicht mehr einen solchen Ertrag abwirft, ist die, daß sie in das kaudinische Joch des Zwanges gedrängt worden ist. (Souhlas na levici.) Wir sind ja keine freien Männer mehr! Der Landwirt ist heute eingespannt, geknechtet, er ist nicht der freie Eigentümer seines Erzeugnisses. Die Grundentlastung im Jahre 1848, die so großartig durchgeführt worden ist, hat den Bauer zum freien und vollen Eigentümer seiner Scholle gemacht, und die natürliche Folge davon war, daß die Landwirtschaft alsbald sich entwickelte, daß sie zu blühen begann. Der Aufschwung der Landwirtschaft war nicht zu verkennen. Nun konnte erst Wissen mit Können, nun erst konnte Theorie mit Praxis vereinigt werden, weil die freie Bewegungsmöglichkeit gegeben war, weil die Grundentlastung den Bauer zum vollen und freien Eigentümer der Scholle gemacht hat. Nun kam plötzlich der Weltkrieg. Was hat er aus dem Landwirt gemacht? Einen Knecht, einen Sklaven, der nicht frei verfügen darf über sein Eigentum, der nicht verfügt über die Früchte und Produkte seines Fleisses. Daß dieser Druck immer grösser wird, können Sie wollen, aber Sie werden nie gegen den Strom der Zeit schwimmen können und niemals wird es gelingen; und wenn Sie sich noch so sehr einsetzen werden für die Verschärfung der Zwangswirtschaft, es wird Ihnen nie gelingen, denn gewaltiger als Sie ist der Geist der Zeit. Und ebenso wie die Front zusammengebrochen ist, als der Krieg im Herbst 1918 zu Ende war, die Front im Osten, Westen und Süden, so wird auch diese Zwangsfront zusammenbrechen, die Zentralisation. (Sehr richtig!) Die Zentralisation ist ja gerade der grosse Schade. Warum? Sie scheiden einen ganzen Faktor aus der Wirtschaft aus, den Umlauf, den Handel. Die Produktion und Konsumtion, die lassen Sie bestehen, aber die Vermittlung zwischen beiden, der Handel, der Umlauf, der ist ausgeschaltet, ausgeschlossen, der soll nicht mehr sein. Das Amt ist an seine Stelle getreten, das Amt übernimmt die ganze Vermittlung, wir haben keinen Handel, nur ein Amt, wir haben nur Büreaukraten, die immerfort Papier vollschmieren. Daß es so schrecklich geworden ist, ist kein Wunder und gerade ad absurdum geführt worden ist die Schandwirtschaft dadurch, daß das Getreideamt nach ins Leben gerufen worden ist. (Souhlas na levici.) Warum? Um tausenden hoffnungsvoller èechischer junger Leute zu einem Amt zu verhelfen! Gerade seit das staatliche Getreideamt da ist, geht es mit der Approvisionierung nicht mehr vorwärts und wir haben gerade jetzt die größte. Not, in den ärgsten Kriegsjahren hatten wir nicht solche Ernährungsnöte wie jetzt, wo alles verknöchert, verbüreaukratet ist und gar kein freier Geist und Zug mehr da ist. Man sagt, die Zwahgswirtschaft müßte sein, sonst wäre die Wirtschaft nicht möglich. Aber hat man es je mit einer anderen Wirtschaft versucht? Ich behaupte, daß diese Zwangswirtschaft die schlechteste ist, das schlechteste System der Kriegsbewirtschaftung. Ein anderes System wurde ja nie versucht! Freilich, dieses System ist eigentlich eine Nachahmung Deutschlands, immer von dem Grundsatz ausgehend, daß die Autorität des Staates so stark und so groß ist, daß eben diese Zwangswirtschaft und die Zentralisation von einer Zentrale aus in die einzelnen Kanäle geleitet und tadellos funktionieren wird. Und sie hat auch gut funktioniert, solange eine solche Autorität da war. Und das ist ja eben der Fluch des Krieges und der Fluch der Kriegszeit, daß jede Autorität untergraben und unterbunden ist, daß nicht allein der Sinn für Arbeit und Fleiß dadurch untergraben worden ist, sondern daß es auch nicht mehr Autorität gibt. Es fehlt die Achtung vor Recht und Gesetz.

Die treuesten Staatsbürger sind zweifellos die landwirtschaftliche Bevölkerung, Jahrelang hat der Landwirt draußen mit den Waffen gekämpft. Er kam wieder herein und hat mit Fleiß den Pflug geführt wie ehedem und hat wieder seinen Beruf ausgeübt wie früher, Gerade deshalb müssen Sie diesen Stand frei machen, ihn nicht neuerdings in ein Joch des Zwanges und der Unfreiheit zwingen, und Sie werden sehen, wenn die Sonne der Freiheit auf den ländlichen Boden wieder strahlen wird und auf die landwirtschaftlichen Verhältnisse, wird auch wieder der Aufschwung sich vollziehen wie es früher gewesen. Nicht umsonst ist der Pflug das Sinnbild der Landwirtschaft; aber am besten und schönsten wird dieser Pflug nur gehen über den freien Grund des freien Landwirtes. Ich möchte zum Schluß daher an Sie appellieren, dieses Gesetz in dieser Form unbedingt abzulehnen, weil es nicht nur für uns Deutsche, sondern auch für Ihren Staat ein Verderben ist. Sie untergraben den Kredit, Sie legen gerade das Beil an den Stamm Ihres Staates arid deshalb ist es so notwendig, daß in dieser wichtigen Stunde jeder von der Überzeugung durchdrungen seit daß dieses Gesetz tatsächlich verderblich für den Staat und auch für den Einzelnen ist. Wir sind nur die Minorität, das ist ja leider wahr, und wenn wir einen Antrag bringen, so werden wir immer überstimmt. Aber vergewaltigen Sie nicht immerwährend diese Minorität, lassen Sie uns auch zum Rechte kommen, denn gerade wenn Sie uns unser Recht geben, wenn wir Gerechtigkeit bei Ihnen finden werden, wenn unser Rechtsgefühl wirklich befriedigt wird und wir nicht immerwährend auf Unrecht stossen werden, werden wir mitarbeiten an diesem Stat mit fleissigen Händen und freudigen Herzen. (Potlesk na levici.)