Und er verfügte über eine trotz schlechter Bezahlung verläßliche Beamtenschaft. Er zählte zu den Großmächten und machte europäische Politik. Der èechoslovakische Staat hingegen steht auf dem Boden der Volkssouveränität, er ist von vorneherein nur als Demokratie gedacht und denkbar, und wenn er den demokratischen Gedanken verleugnet, gräbt er sich sein eigenes Grab. Wenn Herr Dr. Kramáø immer wieder behauptet, der Staat sei èechoslovakisch, die Èechen seien das Herrenvolk und sie hätten keinen Anlaß, den Deutschen nachzulaufen, so möge er endlich sagen, worauf eigentlich das Herrenvolk seine Macht stützen will, um den Staat ohne die Deutschen.erhalten zu können. Solange er das nicht tut, solange kann sein chauvinistisch-imperialistisches Säbelgerassei niemand bange machen. Woher soll der Staat die Macht nehmen, wenn er sich nicht auf die treue Hingebung aller stützen kann? (Výkøik: Kramáø war nicht der Staat!) Gewiß, Kramáø ist nicht der Staat, ich nenne ihn nur als Exponenten, des Staates, und Sie sind so vergegangen, wie es das Ministerium Kramáø getan hat, Sie haben das Ministerium Kramáø bisher nicht desauvouiert, Sie haben noch keine andere Politik anstelle der deutschfeindlichen Politik Kramäf s gesetzt. Heute fehlt dem Staate die Macht nach innen und nach außen. Was die Macht dem Ausland gegenüber betrifft, so genügt es das. Wort Teschen auszusprechen, um sie zu kennzeichnen. Der Teschner Mißerfolg ist im letzten Grunde auf die Politik der Kramáø leute zurückzuführen. Mögen die Kramáø leute auch darauf hinweisen, daß sie es besser getan hätten,der Zuschnitt der ganzen deutschfeindlichen Politik, welche den Staat nach außen hin bloßstellt und der Entente Grund gibt, ihn gering zu werten, ist eine Erbschaft des Ministeriums Kramáø. Hätten Sie sich mit den Deutschen geeinigt und dem Staat auf solche Weise eine feste Grundlage gegeben, dann hätte die Entente nicht versuchen können, Ihnen ein Gebiet streitig zu machen, welches geschichtlich gewiß zu den Ländern der cechischen Krone gehört. (Sen. dr. Witt: Diese Meinung hat zu jener Zeit niemand gehabt, den Staat mitzuschaffen, die Sie jetzt haben!) Wieso? Damals hat es geheissen: Mit Rebellen verhandeln wir nicht. Damals konnten die Deutschen, nicht an Sie herantreten. (Odpor. -Sen. dr. Heller: Das hat Dr. Ra¹ín gesagt!) Das Wort ist nicht widersprochen worden von niemandem. Es heißt Kramáø ist nicht der Staat, Ra¹ín ist nicht der Staat! Man kann doch nur mit Menschen verhandeln, und heute traut sich noch niemand eine andere Meinung in der Öffentlichkeit zu vertreten. Und wie verhält es sich mit der Macht im Innern! Der Dichter, den Sie zum Truppeninspektor gemacht haben, könnte dem Heere wohl nicht mit Recht zurufen: In deinem Lager ist die Èechoslovakei! Einstweilen ist das Heer ein recht unfertiges traditionsloses Gebilde, welches noch zu sehr der Stütze bedarf, als daß es den Staat stützen könnte.
Und die Verwaltung? Da genügt ein kurzer Hinweis auf die Kritik èechoslovakischer Blätter. Gerade jetzt wird in der èechischen Presse darüber geschrieben, daß die Beamten es sind, welche den Staat sabotieren. Ein èechischer Unive
rsitätsprofessor, ein juristischer Fachmann, hat sich zu der Frage geäußert und dagegen Stellung genommen. In Wahrheit aber hat er, wenn auch nur mit anderen Worten, wiederholt, was gesagt wurde. Es ist das eine drastische Illustration zu den Worten der Regierungserklärung, daß Sie die schlechte österreichische, das heißt die schlechte deutsche Verwaltung übernommen haben. Haben je deutsche Beamte die österreichische Verwaltung sabotiert? Wenn österreichische Beamte gegen den Staat gearbeitet haben, so waren es immer nicht deutsche Beamte, Und es gehört zu den interessantesten Beobachtungen, die man seit dem Umsturz machen konnte, daß Sie trotz der Parole des Entösterreicherns dem eigenen Staate gegenüber nicht anders gehandelt haben als dem österreichischen gegenüber. Ihre Volksangehörigen haben keine Kriegsanleihe gezeichnet, Sie zeichnen auch keine Staatsanleihe, keine Freiheitsanleihe, keine Arbeitsanleihe. Sie haben dem österreichischen Staate kein Getreide abgeliefert, Sie tun es ebensowenig im eigenen Staate. Ihre Beamten haben die österreichische Verwaltung sabotiert, sie sabotieren noch weit mehr und weit empfindlicher die èechoslovakische Verwaltung. Gewiß hat Ihr Volk ein bewunderungswürdiges Natiomalgefühl und kann in nationaler Begeisterung das Höchste leisten, aber die Staatsgesinnung fehlt ihm, ja es hat sich gar nicht einmal zum Bewußtsein gebracht, daß Staatsgesinnung, etwas anderes ist als Nationalgefühl. Nationalgefühl als solches wirkt nicht staatserhaltend. Im Gegensatz dazu ist das deutsche Volk ein Staatsvolk im eminentesten Sinne des Wortes und es ist der größte Fehler, den die èechische Politik überhaupt machen konnte, daß sie nicht nur die Statsgesinnung des deutschen Volkes für ihre Zwecke nicht auszunützen verstand, sondern daß sie geradezu geflissentlich bemüht ist, die Deutschen zu Staatsfeinden zu erziehen,Dieses unsinnige Verhalten läßt sich nur aus dem nationalen Überschwang erklären, dem sich Ihr Volk seit dem 28. Oktober hingegeben hat. Der Herr Ministerpräsident hat gewiß mit Recht gesagt, die Èechoslovaken hätten damals den geschichtlichen Augenblick begriffen und niemand wird Ihnen einen Vorwurf daraus machen. Aber ernste Staatsmänner sollten doch bedenken, daß ein Augenblick rasch vorübergeht und daß eine gesunde Politik sich nicht mit Augenblickserfolgen begnügen darf. Staat zu werden ist nicht schwer, Staat zu sein dagegen sehr. Sie berauschen sich noch immer daran, daß Sie ein Staat geworden sind. Sie sollten sich nachgerade mit dem Gedanken beschäftigen, ein Staat zu sein. Wenn Sie es aber tun, dann ergibt sich alles weitere von selbst. Ein Staat, dem alle aristokratischen Elemente fehlen, wie diesem Staate, kann nur als Demokratie Bestand haben. Der demokratische Staat kann nicht eine Nationalität über alle anderen stellen, sondern muß gleichmäßig alle zu ihrem Rechte kommen lassen. Der demokratische Staat muß sich vor nichts mehr hüten als vor einem Ok-troi, Djie Verfassung muß das Werk der gesamten Bevölkerung sein, das ganze Volk muß an der Konstituierung des Staates mitwirken. Wir stehen alle, Deutsche und Èechen, in diesem Hause unter der Vormundschaft der Revolutionsversammlung. Das Gespenst des ungewählten Parlamentes geht am hellichten Tage um in diesen Räumen. Wir müssen es bannen, wenn wir eine bessere Zukunft herbeiführen wollen; wir müssen uns frei machen von allem Baiast, der aus der Oktroi-zeit stammt. Die Verfassungsarbeit liegt nicht wie Sie glauben hinter uns, die Verfassungsarbeit liegt vor uns. Nehmen Sie darum loyal unseren Antrag auf Zusammentritt einer verfassungsgebenden Versammlung an, dann werden Sie uns zur Mitarbeit bereit finden, aber nur als Gleiche können wir mit Gleichen verhandeln. (Hluèný potlesk.)
2. Øeè sen. dr.
Hilgenreinera:Senatoren und Senatorinnen, sehr geehrte Kollegen und Kolleginnen!
Die Regierungserklärung, zu der ich vom Standpunkt der Deutschen christlichsozialen Volkspartei das Wort ergreifen soll, hat eigentlich an Aktualität sehr viel verloren, Die Abstimmung im Abgeordnetenhause hat ja gezeigt, daß die Regierung auf eine tragfähige Majorität nicht rechnen kann. Umso schwerer sind die Fragen zu lösen, die in der Regierungserklärung berührt worden sind. Eine Regierung kann sich nicht halten durch die Stimmen der Abwesenden und das Vertrauen der Minister zu sich selbst. Und daß die Minister nicht einmal zu einander Vertrauen haben, zeigt sich ja auch aus der Regierungskrise, die wir eben durchmachen. Daß wir heute noch sprechen dürfen, ist ja dem Umstand zuzuschreiben, daß wir noch auf eine Regierungsmehrheit warten. Unter solchen Umständen scheint es überflüssig, überhaupt über die Regierungserklärung zu sprechen, weil man nicht weiß, was die nächste Regierung uns zu sagen haben wird. Allein, sehr verehrte Herren Kollegen, die Regierung beschäftigt sich mit Problemen, die nicht abhängig sind davon, wer hier auf der Ministerbank sitzt, mit Problemen, welche die Probleme von heute und von morgen sind. Nationale, soziale und kulturelle Probleme, Und darum gestatten Sie, daß ich zu diesen Problemen grundsätzlich Stellung nehme. Ich schicke eines voraus: die allernotwendigste Tagesforderung ist heute ohne Zweifel leider noch die Brotfrage, die Frage der Ernährung der Bevölkerung. Es geht, ein millionenfacher Schrei von allen Seiten hieher und muß den Ministern im Ohr gellen, aber auch wir Volksvertreter müssen den Schrei von Millionen hören, welche in einem so gesegneten Lände Hunger leiden müssen. Hochverehrteste! Es ist ein Klage-, ein Anklageschrei gegen alle jene, welche mit diesen Verhältnissen zu tun haben und nicht nur die Regierung, auch die Parteien müssen diesen Anklageschrei hören. Und nicht jene Partei ist die volksfreundlichste, welche in der Kritik die kräftigsten Worte gebraucht, sondern jene Partei, die am wirksamsten ihre eigenen Parteiangehörigen dazu bringen kann, daß sie alle Arbeit einsetzen, alle Leistungen beibringen, damit diesem Notstande so rasch und so gut als möglich abgeholfen werde. Es darf bei dieser Versorgung natürlich keinen Unterschied zwischen Nationen und Klassen geben. Über die Brücke des allgemeinen Mitleides sind ia sogar Völker zueinander gekommen, die im Kriege so blutig untereinander entzweit waren, umsoweniger darf also in diesem Punkte unter uns hier im Lande ein Unterschied sein. Ohne Rücksicht von Nation oder Stand müssen wir daher alle aufrufen, kein Wort kann stark, kann herzlich genug sein, um zu erreichen, daß endlich einmal dieser Schande ein Ende ge- macht werde, daß die reichen Kriegsverdiener fast alles haben, daneben aber die Fleißigen tatsächlich Hungers sterben, Hochverehrte, ich spreche hierüber nicht mehr, weil ich der Ansicht bin, daß Worte hier ebenso wenig bedeuten als Brot- oder Mehlkarten, für die man nichts bekommt, oder als Höchstpreise, an die sich niemand hält
Ich will in diesem Zusammenhange noch eine andere Frage berühren. Es bedeutet zumal für das deutsche Volk eine harte Steigerung dieser Notlage, wenn jenes traurige finanzielle Experiment im Sinne der Regierung gelingt, das eben in der Form der Einlösung der Kriegsanleihen versucht wird. Die Vorlage ist in der neuen Fassung für uns Deutsche, wie es im Abgeordnetenhause in der schroffsten Form ausgedrückt worden ist, unannehmbar. Sie erscheint uns als eine Zwangsanleihe, aber nur für einen Teil der Bevölkerung, und zwar nicht den tragfähigsten. Sie erscheint uns als eine Strafanleihe gegen das deutsche Volk. (Výkøik.) Wir haben gemeinsame Not selbstverständlich, darum sollten Sie uns unterstützen. Es ist kein nationales Moment dabei, wenn man es gesund ansieht. Die Vorlage erscheint uns, was für Sie namentlich in Betracht kommt, als eine Bankerottanleihe für diesen Staat, der seinen Kredit dabei schwer schädigt. Wir sind der Überzeugung, daß die Kriegsanleihe ganz übernommen werden muß, daß die Schulden von Ihnen als einem Teil Österreichs so ungeschmälert übernommen müssen, wie Sie auch die Aktiven ungeschmälert übernommen haben. Ich bin überzeugt, daß die Deutschen gerne bereit sind, bei einer Anleihe, sowohl bei der Gesetzgebung, wie nachher, bei der Zeichnung, mitzuwirken, wenn von vornherein die andere Seite in diesem Punkte mit uns übereinkommt, in der vollen Einlösung der Kriegsanleihe. Das wäre die erste Friedenstaube, die von Her hinausfliegen würde in die Lande, Was wir hier gestern gemacht haben in einer kleinen Abstimmung über die Vermehrung des Präsidiums, ist nichts. Aber einen tiefen Eindruck würde es machen, wenn wir uns vereinigen würden, um den Kredit des neuen Staates zu heben.
Gestatten Sie mir nun, daß ich mich jener Frage zuwende, welche in der Debatte über die Regierungserklärung die Hauptrolle gespielt hat, auf die nationale Frage. Schwere Vorwürfe aus der Gegenwart von deutscher Seite, von èechischer Seite wiederum bittere Gegenanklagen aus der Vergangenheit sind gefallen. Lassen Sie mich in einem Bilde darstellen, wie mir persönlich die Geschichte Österreichs erscheint. Es kommt in jeder Familie, in der mehrere Söhne sind, der Augenblick, wo der Familienvater auf manche seiner Rechte verzichten muß zugunsten des erstgeborenen Sohnes, und es kommt der Augenblick, wo auch der erstgeborene Sohn merken muß, daß die jüngeren Brüder heranwachsen und gleichberechtigt sind, Wohl ihm und der Familie, wenn er es zur rechten Zeit erkennt, wehe für den Frieden der Familie, wenn sie sich Schritt für Schritt die Zugeständnisse abtrotzien läßt! Das Vertrauen, das Interesse der jüngeren Bruder zum gemeinsamen Hause schwindet immer mehr und mehr, und wenn vielleicht der Blitz in dieses Haus hineinschlägt, dann sind die jüngeren Brüder sogar imstande, noch Feuerbrände in das brennende Haus zu schleudern und Freiheitsbäume auf der Trümmerstätte zu errichten, in der doch auch ein Teil von ihrem Glück, von ihrem Wohlstand begraben liegt. Da hilft es dann nichts, daß der Erstgeborene auf dieser Trümmerstätte seine früheren Fehler erkennt und bekennt, wenn nun die jüngeren Brüder an den Neubau des Hauses gehen und denselben Fehler machen, wie ihn der Erstgeborene früher begangen hat, wenn sie den Erstgeborenen hineinzwingen in das Haus, wenn er vielleicht abseits wohnen wollte, und wenn sie schon in der Aufschrift des Hauses erklären, daß er im Hause nur geduldet sei und nicht gleiche Rechte habe. (Výkøik: To není pravda!) Das ist wahr. Im >èechoslovakischen< Staate steht diese Aufschrift attf dem Hause, von dem wir sprechen, Wundern wir uns da nicht, daß der Erstgeborene im ersten Augenblick, da er mit seinen jüngeren Brüdern sprechen darf, wie wir hier, erklärt: >Hier bleibe ich nicht; sobald ich kann, gehe ich aus diesem Hause!< Da nützt es nichts, daß man ihm seine früheren. Fehler vorhält und ihn dann auf Schritt bewacht und beargwöhnt, und wie der Herr Kollege Brabec soeben erklärt hat, nicht genug Spitzel für ihn aufstellen kann. Das Haus und alle seine Bewohner können nicht eher zur Ruhe kommen, als bis jedem in diesem Hause sein volles Recht, womöglich ein eigener Haushalt eingeräumt ist. (®ivý souhlas.)
Da haben Sie im Bilde dasjenige, was gleichsam die psychologische Erklärung unserer Erklärung bildet, mit der wir in dieses Haus eingetreten sind und die einem Angehörigen unserer Partei in seiner langen parlamentarischen Tätigkeit zum erstenmal einen Ordnungsruf zugezogen hat. Wir von unserer Partei stehen voll und ganz auf dem Boden dieser Erklärung und haben in unser Programm die Forderung nach Selbstbestimmung der Völker aufgenommen. Und es berührt uns nicht, wenn Sie uns fragen, seit wann wir auf diesem Standpunkt stehen; denn wenn Europa, ja die ganze politische Welt jetzt auf.diesem Standpunkt steht, und wenn das nun von und vor allen Völkern erklärt ist, dann wird kein Mensch und keine Macht das deutsche Volk, dieses 80 und bald 100 Millionenvolk, daran hindern, daß es auch seinerseits dieses sein Recht durchsetzt. Dagegen gibt es nur ein Mittel: Daß man das Haus, den Staat, in dem eint Teil des deutschen Volkes lebt, jetzt leben muß, so einrichtet, daß dieser Teil des deutschen Volkes sein Selbstbestimmungsrecht zugunsten dieses Staates ausübt und freiwillig in dem Hause bleibt, in d'as es nicht freiwillig hineingegangen ist. Sie werden mich fragen: Ist das möglich? Soll ich darauf sagen: Nie? Das Wörtchen >Nie< soll in der Politik höchst selten ausgesprochen werden. Sie werfen uns Irredenta vor. Der Deutsche ist von Haus aus kein Verschwörer, der Deutsche ist politisch von Haus aus nicht einmal Großdeutscher, es gibt kaum ein Volk, daß sich so leicht und so gut einfühlt in fremde Staaten wie gerade das deutsche Volk. Der deutsche Schweizer zum Beispiel hat nie an das Herz von Alldeutschland zu kommen verlangt und ist dabei doch unserer deutschen Kultur gerade in seiner Sonderung von ganz besonderer Bedeutung gewesen. Er fühlt sich in der Schweiz wohl, obwohl er mit anderen Völkern im gleichen Staate zusammenwohnt, weil er sich vollkommen gleichberechtigt und frei in allen seinen kulturellen Belangen fühlt. Natürliche, von Menscheneinflüssen unabhängige Faktoren, jahrhundertelange Zusammenarbeit, Verkehrswege und gegenseitige wirtschaftliche Ergänzung schlingen ein gar festes Band von Volk zu Volk, das man nicht zerreißt, wenn man es nicht zerreißen muß. Wir haben das verspürt, meine Herren, als der Umsturz des 28. Oktober kam. Von den Drangsalen des Krieges zermürbt, waren damals weite Kreise des deutschen Volkes in den Sudetenländern nahe daran, sich mit diesem Staate auszusöhnen. Sie Èechen waren es, die damals auch den gemeinen Mann gelehrt haben, was er seinem Volke schuldig ist. Die fragwürdigen Helden Ihrer Národní výbory im deutschen Teile dieses Staates haben uns diesen guten und Ihnen diesen schlechten Dienst geleistet. Dazu haben auch einige -ich sage nicht alle -einige Ihrer Legionäre beigetragen, die, wie mir scheint, im Kriege nicht genügend Gelegenheit zur Tapferkeit gefunden hatten, und sie darum an unschuldigen Kaiser - Josefdenkmälern und anderen Zeichen unserer deutschen Kultur ausgelasen haben. Und auch Dr. Kramáø und Dr. Metelka, der Despot des Schulwesens hier in Böhmen, gehören zu den Weckern unseres Nationalbewußtseins. (Souhlas.) Mit Flintenkugeln a la Kaaden, Karlsbad und Mies und anderswo wirbt man schlecht um Liebe. Wenn bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vom >verdeutschten< Gebiet gesprochen und damit gleichsam die Absicht verraten wird, es wieder zu èechisieren, wenn der Herrenstandpunkt, wenn die Phrase von >Ihrem< Staat den anderen Völkern im Staate immer wiederum ins Gesicht geschleudert wird, wenn selbst an höchster Stelle, wo man gewiß theoretisch allen Chauvinismus verwirft, das böse Wort von >Immigranten und Kolonisten< gebraucht worden ist, dann dürfen Sie sich nicht wundern, wenn wir seit dem 28. Oktober, anstatt einander näher, auseinandergekommen sind. Ich will die von deutscher Seite während der Debatte vorgebrachten Beschwerden nicht wiederholen. Aber jeder Deutsche in der Republik fühlt Sich infolgedessen in einem Zustande der Notwehr und Sie begreifen: Not kennt kein Gebot! >Nicht davon reden, aber daran denken!< hat seinerzeit Gambetta für Elsaß-Lothringen die Losung ausgegeben. Hochverehrte Kollegen? Sie selber haben dafür gesorgt, daß wir an unser Selbstbestimmungsrecht immer und immer wieder erinnert werden. Und wir alle denken daran, ob schwarz, ob rot, ob golden, die Fahne ist uns gemeinsam -das haben Sie aus dem Munde aller unser Vertreter hier gehört -solange wir uns in diesem Staate nicht zu Hause fühlen. Hochverehrte Kollegen, wir Christlichsoziale sind weit davon entfernt, die nationalen Gegensätze leichtsinniger oder gar böswilliger Weise noch verschärfen und erweitern zu lassen. Wir begrüßen jede Erklärung von der anderen Seite, insbesondere die Erklärung der Lidovä stra-na, daß sie alles tun. werde, um Brücken zu bauen. Wie gerne würde ich persönlich schon heute rufen: Die Brücken nieder, die hinwegführen über diesen schauerlichen, über diesen unchristlichen Abgrund von Völkerhaß und gegenseitiger Verkleinerung! Wir sehnen den Tag herbei, an dem die Völker von diesem kulturfeindlichen: Wahnsinn der gegenseitigen Zer-fleischung genesen und in friedlichem Wetteifer ihre herrlichen Talente zur Geltung bringen, die die Vorsehung dem einen so, dem andern so, aber jedem in nützlicher Fülle gegeben hat, damit jedes Volk seine geschichtliche Bestimmung erfülle. Aber, meine Herren, bevor das in diesem Staate geschehen kann, muß dieses Haus gründlich umgebaut werden. Der Plan darf nicht von vornherein sein, den Deutschen und Slovaken und Ungarn, und wenn sie kommen, den Polen, möglichst wenig zu geben, da genügen Bodenkammern oder Kellerwohnungen, nein,. es ist Platz, muß Platz genug sein, auf dem reichen. Boden dieser Länder, sodaß alle Völker in lichten Zimmern an der Sonnenseite wohnen können. Und ein jedes von diesen Völkern hat ein Recht darauf, denn es wohnt schon seit langen Jahrhunderten in diesem Hause und ist fleißig gewesen in diesem Hause und hat durch seinen Fleiß sich ein Recht auf ein wohnliches Heim hier erworben. Es sind so prächtige Völker, die in diesem Staate wohnen. Ohne uns selber loben zu wollen, lassen Sie mich sagen: Die Deutschen sind nicht jene Menschenfresser, sind auch nicht jene Èechenfresser, wofür sie in Ihrer Presse und manchen Ihrer Reden da und dort ausgegeben werden. Sie sind ein ordnungsliebendes, ein fleißiges, ein im wahren Sinne staatserhaltendes Volk. Sie Wissen, daß unsere Landwirte für diesen Staat mehr geliefert haben, als die Landwirte auf Ihrer Seite für >ihren< Staat. Der Deutsche geht nicht auf Eroberung aus, er ist zufrieden mit dem, was er besitzt. Anderseits die rasche Entwicklung, die Ihr Volk im Laufe des letzten Jahrhundertes genommen hat und die vor der ganzen Welt als Tatsache dasteht, die muß jedermann überzeugen, was für ein prächtiger Kern in Ihrem Volke steckt und welch schöne Zukunft ihm beschieden sein wird, wenn Sie es verstehen, das Erreichte klug zu benützen und in entsprechender Weise auszubauen. Zum erstenmal, hochverehrte Kollegen, nach dem Umsturz reden wir jetzt miteinander; kein Wunder, daß viele gegenseitige Klagen uns entgegentönen. Aber reden wir doch auch einmal ein Wort des Friedens miteinander. Es hat lange gedauert, bis wir zusammenkamen, von rechtswegen unserer Auffassung nach zu lange. Aber es hat auch seine gute Wirkung gehabt. Wären wir in den ersten Tagen der Republik zusammengekommen, dann hätten vielleicht die Fäuste anstatt der Lippen gesprochen, bei Ihnen im Siegesrausch, bei uns in der Verzweiflungswut. Wir sind unterdessen beide ruhiger geworden. Sie sehen mit jedem Tag mehr ein, daß es mit dem reichen. Onkel aus Amerika, oder besser gesagt aus. Frankreich, nichts ist; er hat für Sie teuer bezahlte Generäle, vermutlich um Ihre Miliz einzurichten, aber Teschen gibt er den Polen. Sie fühlen immer mehr daß Sie nur das haben, was Sie sich selber geben und daß Sie uns Deutsche zur Mitarbeit brauchen. Aber auch wir Deutsche in diesen Grenzen, wir erfahren tätlich immer mehr und mehr, daß, wie die Verhältnisse einmal liegen, wir beide aufeinander angewiesen sind. Stürzt das Haus ein so fallen die Trümmer uns beiden auf die Köpfe.
So sollten wir mit jedem Tage reifer werden zur Verständigung. Wir haben uns durch etliche Tage ausgesprochen. Es sind verschiedene Stimmen laut geworden, stürmischer und lauter die einen, ruhiger, abgemessener die anderen, je nach dem Temperament der Redner. Es sind von beiden Seiten harte Worte gefallen. Ein solches Wort hat soeben Kollege Brabec gesprochen, das Wort, das ich eben erwähnt habe, daß es für uns Deutschen gar nicht genug Spitzel geben kann. Nehmen Sie ein für allemal zur Kenntnis: Wir Deutschen sind mit einem Protest gegen die Verfassung in diesen Staat ein- getreten, aber wir führen den Kampf mit gesetzlichen Mitteln und wir brauchen keine Spitzel, die uns kontrollieren. (Souhlas.) Es sind aber auch hier und im anderen Hause gar kluge und versöhnliche Worte gefallen und zwar auch von Männern, die früher mit wehendem Helmbusch das nationalistische Streitroß geritten haben. Was soll nun der langen Reden Wirkung sein? Daß wir es machen wie böse Weiber, die auseinandergehen, stolz und froh, daß sie einander so recht die Wahrheit gesagt haben? Nein, verehrte Herren Kollegen, dazu haben uns unsere Wähler nicht hereingeschickt. Unsere Völker wollen, daß wir ihre nationalen Rechte wahren und mit allen Mitteln verteidigen, ja, aber unsere Wähler wollen auch, daß wir Arbeit, nützliche Arbeit schaffen und dazu brauchen wir den inneren, brauchen wir den nationalen Frieden, Wir sind in diesem State in einer kritischen Lage. Das Friedenskind des 28. Oktober ist für seine Väter und Pathen zu einem rechten Sorgen, zu einem rechten Schmerzenskind geworden. Ich entscheide nicht, durch wessen Schuld, dadurch würde die Sache nicht besser. Ich weiß nur eines: Kracht dieses Haus zusammen, so fallen seine Trümmer, wie schon gesagt, auf uns alle, und je reicher, je vorgeschrittener ein Volk ist, um so schwerer wird es getroffen werden. Also Ordnung, die Fehler gutmachen, aufbauen, und dazu brauchen wir den in-nern, brauchen wir den nationalen Frieden, Es stehen uns große soziale Umwälzungen vor; die sozialen Revolutionäre von gestern sitzen jetzt hier in der Mitte dieses und dies anderen Hauses als Träger des Staatsgedankens. Schon dieses veränderte Bild der gesetzgebenden Versammlung sagt uns, daß wir uns mit umstürzenden sozialen. Reformen zu befassen haben. Und dazu, brauchen wir alle, auch die bürgerlichen Klassen, den nationalen Frieden im Lande. Woher soll er nun kommen? Nur durch Verhandlungen von Volk zu Volk, von Volksvertretern zu Volksvertretern, und die erste Stelle bei diesen Verhadlungen kommt, meiner Auffassung nach dem Senate zu Unser Alter muß uns wenigstens nach der Seite besser befähigen, mit größerer Ruhe und Leidenschaftslosigkeit das vorzukehren, was zum Heile unseres Volkes, aller unserer Völker ersprießlich ist. Wir müssen den Mut aufbringen, die Vernunft und das Recht zur Geltung zu bringen. Wir müssen die Selbstverleugnung besitzen, an Vergangenes nur so weit zu rühren, daß wir vergangene Fehler gutmachen, umsomehr aber daran denken, daß wir eine bessere Zukunft für uns alle aufbauen. Wir müssen aus dem Kriege gelernt haben, müssen Nachkriegsmenschen sein.