Und immer und überall begegnet uns dasselbe doppelsinnige Janusgesicht. Auf der einen Seite, insbesondere dem Auslande gegenüber, die ständige Phrase vollständiger Gleichberechtigung und ausgesprochener Demokratie, auf der anderen Seite in der Praxis der wütendste Chauvinismus und nationale Imperalismus mit der Devise, die wir in den letzten Tagen sogar drüben im Abgeordnetenhause haben hören müssen. Wir sind die Sieger, ihr seid die Geschlagenen, und damit basta! Kurz, wir begegnen in diesem Staate auf Schritt und Tritt derselben Unwahrhaftigkeit, die schon bei seiner Begründung an seiner Wiege Pate gestanden, der Fabel von der freien Übereinkunft der hier zusammengeschmiedeten Völker, derselben Unwahrhaftigkeit, die zum Ausdrucke kam in der Erfindung einer sogenanten nirgends existierenden èechoslovakischen Sprache und in der Benennung des Staates als des èechoslovakischen. Die künstliche Konstruktion einer èechoslovakischen Sprache, von der bis zum Jahre 1919 kein Mensch etwas gewußt hat, die tatsächlich nirgends gelehrt und nirgends gesprochen und geschrieben wird, ist an sich eine Sache, die uns Deutsche weniger bekümmern würde, wenn sie nicht wieder ein Symptom wäre des èechischen Imperialismus, allerdings nach der slovakischen Seite hin. Es war zu erwarten, daß die Slovaken dieses monströse Produkt einer krankhaften politisch-philologisch-ethnographischen Phantasie nicht ruhig hinnehmen werden, wie es auch tatsächlich die kräftigen Worte des slovakischen Abgeordneten Juriga im anderen Hause bezeugen. Doch den Streit über die èechoslovakische Spräche, deren Erfinder wir nicht um ihr Urheberrecht beneiden, können wir getrost die Èechen und die Slovaken unter sich ausmachen lassen.
Anders verhält es sich mit dem èecho-slovakischen Staate, in dessen Gebiet auch wir Deutsche eingepfercht wurden. Wir Deutsche können es uns nicht gefallen lasten, daß diesem polyglotten Nationalitätenstaat durch die künstliche und unwahre Benennung eines èechoslovakischen die Etikette eines Nationalstaates aufgeklebt werden soll, insbesondere, daß er so nach aussen hin als ein rein slavisches Staatswesen erscheint. Das war der Grund für die Benennung des Staates.(Souhlas.) Schon der Name soll also zum Ausdrucke bringen, daß die Deutschen in diesem Staate als Luft zu behandeln sind, daß die fast 4 Millionen Deutschen gegenüber den kaum die Hälfte dieser Zahl erreichenden Slovaken nicht zur Geltung kommen sollen.
Der Herr Senator Klofáè glaubte zwar gestern, er hätte bei seiner Rede eine ver-söhnliche Note angeschlagen, indem er uns goldene Berge versprach und uns siein Lieblingsbild vorzauberte, die neue Schweiz, die in diesem Staate geschaffen werden sollte, oder bereits geschaffen sei. Er verlangt von uns Deutschen, wir sollten ein positives Programm aufstellen, um am Aufbau der Republik mitzuarbeiten. Wir haben uns wiederholt und in aller Form zur Mitarbeit bereit erklärt, aber Sie sind es. die uns diese Mitarbeit verrammelt haben, (Souhlas.) durch die Schaffung der uns entrechtenden Verfassungsgesetze und sie weiter verrammeln, indem Sie sich weigern, auch nur ein Jota von diesen Verfassungsgesetzen; aufzuheben, Herr Senator Klofáè soll doch ehrlich sein. Sieht denn so die moderne Schweiz aus, indem ein Drittel der Bevölkerung nach Gesetzen leben soll, die ihnen die Majorität einfach aufoktroiert hat? Vom konsequenten Standpunkte seiner Rede hätte Senator Klofáè sagen müssen: die Deutschen fühlen sich durch die Verfassungsgesetze beschwert und entrechtet, also haben wir Èechen in einer freien Schweiz, die wir hier gründen wollen, die Pflicht, ihnen entgegen zu kommen.
Herr Dr. Franta täuscht sich, wenn er in seiner gestrigen Rede meinte, daß es uns mit unserem Anfrag auf Abänderung und Revision der Verfassung blos um Obstruktion zu tun sei. Nein, es ist uns mit dem Antrage bitterernst. Sie haben wiederholt urbi et orbi verkündet, daß dieser Staat der deutschen Mitbürger zu seinem Bestehen nicht entbehren könne, und das war der Grund, warum Sie die Deutschböhmen in diesen Staat einbezogen haben. Es ist daher auch Ihre Pflicht und vor allem und in erster Linie Ihre Pflicht, uns ein wohnliches Haus zu bauen. (Souhlas.) Aber wie haben Sie bisher das gebaut? Ich will nicht weiter auf die Einzelheiten der Beschwerden, die bereits jn beiden Häusern des Parlamentes vorgebracht wurden, und! die der Herr Ministerpräsident als ungerechtfertigt und übertrieben bezeichnet hat, eingehen. Nur auf eine Frage kann ich nicht verzichten. Ich fühle mich als derzeitiger Rektor der deutschen Universität dazu verpflichtet, sie näher zu behandeln, umso mehr, als auch der Herr Ministerpräsident sie speziell herausgegriffen und sie als typisches Beispiel für das übertriebene und ungerechte Vorgehen der bösen Deutschen hingestellt hat. Mit der unschuldigsten Miene von der Welt versichert der Herr Ministerpräsident wörtlich: Sie behaupten beispielsweise, daß wir Ihre Universität vergewaltigt haben. Was aber ist geschehen? Daß die legislative Benennung der Universität nach Ferdinand beseitigt wurde. So der Herr Ministerpräsident.
Diese Worte können nur so verstanden werden, und demgemäß wurden sie allgemein auch ausgelegt, daß der deutschen Universität nichts genommen wurde, als der Name Ferdinandsuniversität, als sei ihr der Titel Karlsuniversität geblieben. Wenn man den zitierten Satz des Herrn Ministerpräsidenten liest, dann ist es schwer zu sagen, worüber man mehr staunen soll, über die zum Ausdruck kommende Kühnheit oder Unwahrhaftigkeit. (Sehr richtig!) Denn es ist kaum anzunehmen, daß der Herr Ministerpräsident das sogenannte neue Universitätsgesetz nicht gelesen haben sollte, oder leidet der Herr Ministerpräsident so sehr an Gedächtnisschwäche, daß er sich nicht mehr erinnern sollte an den einstündägen Vortrag, den ich selbst ihm im Vorjahre gehalten habe über die Bedrückung und Vergewaltigung der deutschen Universität, über die ich mich damals schon vor dem Erlaß des Universitätsgesetzes zu beklagen und zu beschweren hatte? Noch schlimmer und unbegreiflicher ist es aber, daß ein solcher, den Tatsachen direkt ins Gesicht schlagender Satz in einer Regierungserklärung steht und Aufnahme findet, für die auch der Herr Unterrichtsminister oder der Herr Minister für Schulwesen und Volkskultur verantwortlich ist. Es sind in diesem Saale vor dem Forum der verblichenen sogenanten Nationalversammlung wiederholt Verhandlungen über die deutsche Universität gepflogen worden. Es sind dabei ellenlange Referate vorgetragen worden. Die Herren Kollegen von der èechischen Seite müssen es sich daher gefallen lassen, daß dieses Problem in diesem Saale nun auch von einem anderen Gesichtspunkte aus behandelt wird. Denn es zeugt meines Erachtens von dem Kulturtiefstand, den die verflossene Nationalversammlung eingenommen hat, daß sie kritiklos alle die Anträge auf die Ausführungen einiger fanatischer Hyperchauvinisten hin annahm. Es sei zur Schmach und Schande dieser Körperschaft vor dem Gewissen der ganzen Kulturwelt festgestellt, daß bei allen diesen Verhandlungen wiederholt . . . (Hluk. Výkøiky: To jsou silná slova od rektora university! Tak nemá mluvit rektor university! Taková slova není potøebí proná¹eti! Nìmecké výkøiky: Man soll melltich schweigen? Zu solchen Vergewaltigungen? Das t'st das Unerhörteste, wenn Sie uns auch noch die Universität rauben. Wer anders hat denn das Recht, im Namen der deutschen Universität zu sprechen als der Rektor? Schämen Sie sich!)
Pøedseda
(zvoní): Slovo má pan senátor Naegle. Prosím o klid. Pane senátore Heckre, nemáte slovo. Pane sen. Lukschi, nemáte slovo. (Senátor Luksch: Sie haben doch früher unterbrochen. Immer werden wir zur Ordnung gerufen und jene nie.) Prosím, pane senátore Lukschi, neodporujte mnì.Senátor Naegle (pokraèuje): Daß trotz wiederholter sachlicher Aufklärungen und sachlicher Proteste, die von uns gegen die von hier uns drohende Vergewaltigung der deutschen Universität einliefen, in der Nationalversammlung sich auch nicht eine einzige Stimme fand, welche im Namen einer allgemeinen, über jedem nationalen Parteistreit stehenden Kultursolidarität für die bedrohte deutsche Universität eingetreten wäre. Auch der Herr Unterrichtsminister, der den Titel Minister für Volkskultur trägt, hat in diesem Falle seinem Namen keine Ehre gemacht.
Er, dessen oberste offizielle Pflicht es ist, in gleicher Weise für das Gedeihen des deutschen und des Sechischen Schulwesens zu sorgen, hat insbesondere bei der Beratung des Universitätsgsetzes vollständig versagt. Meine Herren! Ich will nicht ungerecht sein (Hluk.) und da gestehe ich sehr gerne zu, daß das Schulministerium und auch der Herr Unterrichtsminister selbst vielfach den sachlichen, und fachlichen Interessen der deutschen Hochschulen nachzukommen und gerecht zu werden sich bemühen. Das gestehen wir als obersten Satz ohne weiters zu. Es ist dies meines, Erachtens kein besonderes Verdienst des Unterrichtsministeriums, sondern eine Selbstverständlichkeit, denn die deutschen Steuergelder, meine Herren, (So ist es!) die können doch unmöglich und nicht ausschließlich für èechische Zwecke verwendet werden, sondern auch für die deutschen Schulen und Hochschulen (Sehr richtig!), das ist einfach Pflicht deir Regierung. (Hluk a výkøiky.) Aber bei der Frage des sogenannten Universitätsgesetzes und bei manchen anderen Gelegenheiten hat der Unterrichtsminister sich nicht als höchster Kulturfaktor bewährt, der insbesondere die geistigen Interessen der Hochschulen einzig und allein objektiv von sachlichen Gesichtspunkten zu wahren verpflichtet ist, sondern er hat als èechischer Parteimann in das Horn der rabiatesten èechischen Parteifanatiker geblasen. Er hat sogar den chauvinistischen Bestrebungen' Unterstützung gewährt, indem er bereits im August 1919 in der Nationalversammlung erklärte, daß seitens der Unterrichtsverwaltung der Einbringung eines Universitätsgesetzes, von dem er wußte, daß es nur darauf hinausgehe, die deutsche Universität zu schädigen, nichts im Wege steht. Der Kampf gegen die deutsche Universität zum Zwecke deren Beeinträchtigung datiert nicht erst von heute und von gestern, sondern hat schon gleich nach dem Umsturz, nach dem 28. Oktober 1918, eingesetzt. Bereits am 30. Oktober 1918 erschien vor mir auf dem Rektorat eine Abordnung des Národní výbor, um die Verwaltung des Universitätsarchivs der deutschen Universität, in, deren Händen sie bis dorthin sich befand, zu übernehmen und der èechischen Universität zu übertragen. Obwohl dies im Gegensatz zu unserem auf dem Universitätsgesetz vom Jahre 1882 beruhenden verbrieften Rechten in echt revolutionärer Weise auf einen einfachen Machtspruch des Národní výbor kurzerhand und plötzlich geschehen sollte, erhob ich nicht den geringsten Widerspruch, sondern lieferte ohne weiters den Schlüssel zum Universitätsarchiv aus. Nur machte ich selbstverständlich den Anspruch des weiteren Miteigentumsrechtes der deutschen Universität am Universitätsarchiv geltend, dessen Berücksichtigung mir damals ausdrücklich zugesagt wurde. Man sollte glauben, daß der Národní výbor in den ersten schwierigen Tagen des Umsturzes wichtigere Aufgaben zu erfüllen gehabt hätte, aus an die Beschlagnahme gerade des Universitätsarchives zu denken. Aber der weitere Verlauf der Angelegenheit, die ich für meine Person sehr kühl und ruhig aufnahm, zeigte, daß es dem Leiter der Abordnung des Närodni vybor vor Allem um eine ostentative Demütigung der deutschen Universität zu tun war. Denn, obwohl ich, wie gesagt, ohne irgend welchen Widerstand den Schlüssel zum Archiv sofort ausgeliefert hatte, hielt es ein Mitglied des Národní výbor für notwendig, das Universitätsarchiv, weil es sich im deutschen Trakt des Karolinums befindet, durch einen bewaffneten Militärposten bewachen zu lassen. Diese Militärwache wurde trotz meines schärfsten und energischesten Widerspruches auf akademischen Boden aufgestellt und patrouillierte im Hausflur des Karolinums, und zwar auf Weisung eines akademischen Lehrers, der èechischen Universitätsprofessors Dr. Srdínko, der sich nicht entblödete (Hluk a rùzné výkøiky: Hanba! To je nìmecká kultura! To je bavorská kultura! Na tu musíte býti hrdi! Tak se mluví v senátì?)
Pøedseda (zvoní): Prosím o klid. (Hlasy: V bavorské pivnici by tak nesmìl nikdo mluviti! Vy mù¾ete mluviti o kultuøe! Styd'te se! Vy jste ukázali, jak rozumíte kultuøe! - Hluk.)
Senátor dr. Naegle (pokraèuje):. bar jeden akademischen Gefühls den akademischen Boden zu entweihen. Es ist ein in allen Kulturstaaten angenommener Grundsatz, daß Militär und Polizei auf akademischem Boden nichts zu tun haben. Ein Grundsatz, der selbst hier in Prag bisher auch in der schwierigsten Situation nicht verletzt worden war. Erst einem cechischen Universitätsprofessor war es vorbehalten, Militär auf akademischen Boden zu schleppen und dessen Immunität zu verletzen. Es ist das derselbe Abgeordnete, der vor wenigen Tagen drüben im anderen Hause den Deutschen Herrschsucht und Gewaltpolitik in seiner Rede vorgeworfen hat, worin ihnen die Èechen, wie er meint, in diesem Staate nicht gefolgt seien. Es würde den Eindruck abschwächen, wollte ich dieser Gegenüberstellung zur Kennzeichnung des universitätsfeindlichen Vorgehens des damaligen Národní výbor noch weitere Worte beifügen. Erst durch Vermittllung einzelner ruhig denkender Kollegen von der cechischen Universität, die dieses Vorgehen sehr mit mir empfanden, erreichte ich die Abberufung der selbstverständlich auch die deutsche Studentenschaft aufreizenden und provozierendem Militärwache.
Doch am 29. November erschienen unerwartet und ohne irgendwelche äußere Veranlassung von neuem Militärwachen mit aufgepflanztem Gewehr; dieses geschah nicht bloß im Karolinum, sondern auch bei anderen Universitätsgebäuden. Die Soldaten erklärten mir auf Befragen, sie hätten den strikten Auftrag, alle Ein- und Ausgehenden genau zu kontrollieren und ihnen die Bücher und, Mappen zu untersuchen, was auch in der peinlichsten Weise sowohl Professoren wie den Studentinnen und Studenten gegenüber geschah. Einem Professor, Dr, Zinke, wurde von dem Militärposten im Hausflur des Karolinums sogar die Geldbörse herausgezogen, und dieselbe auf ihren Inhalt untersucht mit der Frage, wo der Herr Professor, der an diesem Tage, am l. Dezember sein Gehalt bezogen hatte, das Geld herhabe. Auf diese Weise hat offenbar der neue Staat der deutschen Universität seine neue Kultur beibringen wollen, von welcher deren erster Bannerträger, der Abgeordnete Prof. Dr. Srdínko in seiner bereits erwähnten Rede drüben im anderen Hause rührend gesprochen hat. Ich kann auch heute nicht genug mich wundern, daß die deutsche Professoren und Studentenschaft sich eine solch unwürdige und schikanöse Behandlung hat ruhig gefallen lassen, und daß es zwischen den Studenten und Soldaten nicht zu Schlägereien, gekommen ist. Denn dieser unwürdige Zustand dauerte eine ganze Woche, da alle meine ununterbrochenen Bemühungen im Unterrichtsministerium und beim Ministerpräsidenten, die Entfernung der Soldaten zu erzielen, ohne Erfolg waren, obwohl es mir täglich überall, wo ich vorsprach und mich beschwerte, versprochen wurde. Ja, auf meine selbstverständliche Frage, warum denn und zu welchem Zwecke denn dies:e eines Kulturstaates unwürdigen, die Universität und deren Immunität gröblichst verletzenden, in der ganzen Universitätsgeschichte einzig dastehenden Maßnahmen getroffen worden seien, erhielt ich nirgends eine Antwort. Kein Ministerium, keine Militär- oder Polizeibehörde konnte oder wollte mir den Grund sagen. (Výkøik.) Bloß der damalige Ministerpräsident, Herr Dr.Kramáø, konnte sich nicht enthalten, den Grund mir wenigstens anzudeuten, indem er mir in Gegenwart des Dekans der juridischen Fakultät erklärte: Sie vergessen, Herr Rektor, daß wir die Sieger sind. (Smích u Nìmcù.) Es verdient vor dem Forum der Weltgeschichte für alle Zeiten festgenagelt zu werden, daß die erste cechische Regierung ihren vermeintlichen und kindischen Siegerstandpunkt auch den kulturellen Institutionen gegenüber ausdrücklich zur Geltung zu bringen sich nicht scheute. Ich muß schließlich noch feststellen, daß trotz meiner wiederholten Interventionen keiner der Minister die Entfernung der Soldaten aus den Universitätsgebäuden erwirkte, sondern daß ich das erst erreichte, als ich persönlich beim Prager Platzkommandanten vorsprach, der sofort zum Karolinum fuhr und die Militärposten einzog.
Und da kommt der jetzige Ministerpräsident daher und erklärt, als wenn die deutsche Universität von den neuen Macht-habern bloß mit Glacehandschuhen angerührt worden sei. Was ist denn geschehen? Nichts ist geschehen, meint der Ministerpräsident.
Doch, nicht bloß, daß man mit solch roher, brutaler Gewalt gegen die deutsche Universität vorging, sie wurde schon gleich nach dem Umsturz auch materiell und ideell geschädigt durch Beschlagnahme ihres bisherigen Eigentums. Im November 1918 erfolgte die Wegnahme der bisher einen integrierenden Bestandteil der deutschen Universität bildenden, schließlich von deutschen Professoren geschaffenen Sternwarte und die Ersetzung des bisherigen deutschen Direktors durch einen weit jüngeren èechischen. Der akademische Senat legte sofort gegen diese Vergewaltigung aus Rechts- und Kulturgründen entschiedenste Verwahrung ein, verwies vor allem darauf hin, daß die cechische Station fortab zwei astronomische Anstalten in ihrer Leitung und Verwaltung habe, während die deutsche Universität in Prag nunmehr ohne astronomisches Institut dastehe, ein Zustand, welcher offensichtlich mit einer Gleichberechtigung der beiden Stationen der Universitäten unverträglich sei. Doch trotz aller Proteste, Interventionen und Reklamationen, blieb der Raub aufrecht erhalten, wurde sogar in dem neuen Universitätsgesetz gesetzlich festgelegt.
Der 28. November 1918 brachte die Aus-mietung des staatswissenschaftlichen Instituts samt seiner großen Biblothek von 100.000 Bänden; zugleich mit der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft und Kunst in Böhmen aus dem Palais Clam-Gallas, welches für das Finanzministerium beschlagnahmt wurde, ohne daß anderweitig Räume zur Verfügung gestellt worden wären. Im Dezember 1918 erfolgte ebenfalls für Zwecke des Finanzministeriums die Wegnahme der gesamten Lehrräume der theologischen und aller philologisch-historischen Hörsäle der philosophischen Fakultät im Klementinum, bis auf einen einzigen, welcher nur auf energische Einsprache hin nach endlosen Verhadlungen zu Seminarübungen freigegeben wurde. Dadurch ist der Studienbetrieb an der deutschen Universität bis zum heutigen Tage aufs schwerste geschädigt. Die deutsche Universität teilt hierin allerdings das Schicksal vieler anderen Lehranstalten in diesem Staate, der unter Hintansetzung der Bedürfnisse für eine allgemeine Bildung nicht wenige Schulen ausquartierte, weil er es für notwendiger hielt, in seinem Größenwahn 16 Ministerlen zu errichten, nebenbei gesagt mehr als das englische Weltreich, für deren Unterbringung dann gesorgt werden musste. Ich will gar nicht davon reden, wie man seitdem bald in diesem, bald in jenem Universitätsinstitute nach Räumen suchte, heute für dieses, morgen für jenes Ministerium, anstatt daß man auf den einzigen vernünftigen Gedanken kam, die Zahl der unnötigen Ministerien auf die Hälfte zu reduzieren. Für jeden Baurat, für jeden Sektionschef war die Universität ein Freiwild, deren Besitz man glaubte, einfach für andere Zwecke annektieren zu können.
Ähnlich erging es der deutschen technischen Hochschule. Für diese war endlich nach vielen Jahren der erste Neubau im chemischen Institute fertiggestellt worden. Aber kaum war dasselbe bezugsfähig, so wurde es zum größten Teile für andere Zwecke beschlagnahmt. Nur ein kleiner Trakt wurde zur Unterbringung der chemischen Lehrkanzeln der deutschen technischen Hochschule bestimmt.
Besonders schwer traf, die Studentenschaft der beiden deutschen Hochschulen die gewaltsame Besetzung der Säle des Studentenheims seitens èechischer Legionäre, Und heute nach 1 1/2 Jahren ist dasselbe noch nicht völlig geräumt. Selbst um seinen, Fortbestand mußte das Studentenheim lange Zeit bangen, obwohl Hunderte von Studierenden in der Stadt kaum ein Obdach finden, da der Plan bestand, das ganze Gebäude für ärarische Zwecke zu beschlagnahmen.
So mancher Musensohn hat überdies, bald auf der Baiin, bald auf der Straße, ja selbst nächtlicherweise in den Schlafräumen des Studentenheims die angenehme persönliche Bekanntschaft der Militärpolizei gemacht und zwar aus den fadenscheinigsten Gründen, Ich will nur nebenbei die für die Republik tief beschämende Tatsache erwähnen, daß insbesondere deutsche Studenten zu jeder Tag- und Nachtzeit auf der Straße wegen bloßen Deutschsprechens geprügelt, deutsche Professoren, sowie deren Frauen und Kinder nur deshalb angerempelt wurden, weil sie sich ihrer deutschen Muttersprache bedienten: Auf die alte Gepflogenheit, Farben und Abzeichen zu tragen, hatten die Korporationsstudenten aus eigenem Antriebe gleich nach dem Umsturz verzichtet; es war deshalb ganz überflüssig und kränkend, ja direkt aufreizend und provozierend, ihnen dies in Prag wie auch in ihrer deutschböhmischen Heimat behördlicherseits noch besonders zu verbieten. Es wäre viel korrekter gewesen, wenn die Militär- und politischen Behörden energischer gegen die undisziplinierten Soldaten eingeschritten wären, die wiederholt unsere deutschen Studenten in deutschböhmischen Städten inmitten einer fast ausschließlich deutschen Bevölkerung blutig geschlagen haben. Wir deutsche Abgeordnete und Senatoren verlangen, daß unsere deutschen Studenten in eiher demokratisch und freiheitlich sein wollenden Republik geradesogut das Recht haben, offen und zwar überall hierzulande ihre Farben tragen dürfen wie die èechischen Sokoln.
Die tolle Jagd nach deutschen Aufschriften- und Orientierungstafeln, die mit dem Umstürze einsetzte, und wodurch die èechoslovakische Republik sich vor der gesamten gesitteten Welt unsagbar lächerlich machte; hat natürlich auch vor den Gebäuden der deutschen Hochschulen nicht Halt gemacht. Heute sind fast alle irgendwie erreichbaren deutschen Tafeln verschwunden. Am gründlichsten hat seit Jänner 1919 der Landesverwaltungsaus-schuß gehaust, welcher nicht bloß an der Außenseite, sondern auch im Innern der deutschen Abteilungen und Kliniken in der Irrenanstalt, Gebär- und Findelanstalt die doppelsprachigen Tafeln zuerst halb schwärzen, dann durch einsprachige èechische ersetzen und mit solchen selbst die inneren Türen der deutschen- Hörsäle und Laboratorien schmücken ließ. Dieselbe Behörde erklärte auch, die private Anbringung nicht èechischer Tafeln >als - wie es wörtlich heißt - den durch den Umsturz geschaffenen Verhältnissen nicht entsprechend< keinesfalls zu dulden. Es wird sich in keinem Kulturstaat der Welt ein zweites Beispiel finden, daß über dem Eingang zu Lehrräumen Aufschriften in einer anderen Sprache angebracht sind, als in diesen Räumen gelehrt, wird. Der Herr Unterrichtsminister hat mir ausdrücklich gesagt, es ist selbstverständlich, daß über den deutschen Hörsälen deutsche Aufschriften anzubringen sind. Trotzdem hat es der Landesverwaltungsausschuß bis zum heutigen Tage nicht geduldet, daß wir deutsche Aufschriften anbringen. Auch im allgemeinen Krankenhaus wurden schon am 28. Oktober 1918 die deutschen Tafelhälften überklebt, sodaß an der Straße wie im Toreingang kein Zeichen den Bestand und die Ordinationsstunden der deutschen Kliniken verrät. Nur in den Gängen und Höfen vegetiert noch hie und da eine doppelsprachige oder deutsche Orientierungstafel. Für die Neulinge unter den Studenten wie für die hilfesuchenden deutsehen Kranken ist durch diese leidige Tafelangelegenheit tatsächlich ein sehr un-, angenehmer Zustand geschaffen, indem sie der Möglichkeit beraubt sind, sich über die Benützbarkeit der deutschen Kliniken zu unterrichten. Und trotzdem das Dekanat der medizinischen Fakultät und das Rektorat ungezähltemal bei allen in Betracht kommenden Stellen und Ämtern bis hinauf zum Präsidenten der Republik einschritt, trotzdem uns immer und immer wieder die verlangte Änderung zugesagt wurde, ist es bis zum heutigen Tage bei dem geschilderten unwürdigen Zustande geblieben. >Wir werden doch keine Orientierungstafelnpolitik treiben in diesem freiheitlichen und demokratischen Staate<, wurde uns vom Herrn Ministerpräsidenten mit überlegenem Lächeln entgegengehalten. Aber das ist ja dre Unwahrhaftigkeit in diesem demokratisch sein wollenden Staate, daß Sie nichts anderes tun, als kleinliche Orientierungstafel- und Machtpolitik zu befolgen. Wenn wir Deutsche uns g'egen diese Politik wehren, wird uns vorgehalten, wir seien Chauvinisten. Nein, ich bin kein Chauvinist, ich wehre mich bloß um mein gutes Recht. (Souhlas a potlesk.) Wir deutsche Abgeordnete und Senatoren verlangen, daß endlich seitens Her Regierung diesen unerquicklichen Sprachenkonflikten ein Ende bereitet wird und die deutschen Hochschulen zu ihrem Rechte kommen, zumal sogar das neue Sprachengesetz vom 29. Feber 1920 dieses Recht klar und unzweideutig feststellt.
Denn § 5 dieses Sprachengesetzes besagt ausdrücklich, daß die für die Angehörigen der nationalen Minderheiten errichtetem kulturellen Institutionen in deren. Sprache verwaltet werden<. Trotzdem erhalten die deutschen Hochschulen fortwährend von staatlichen Behörden èechi-sche Zuschriften. Ja, die Statthalterei oder politische Landesverwaltung verkehrt seit 1. April mit beiden deutschen Hochschulen nur in èechischer Sprache, was das Rektorat seitdem einfach konsequent damit beantwortet, daß alle Zuschriften unerledigt bleiben, sodaß der ganze Betrieb an der deutschen Universität und an der deutschen technischen Hochschule ins Stocken geraten ist. Unsere wiederholten Beschwerden beim Unterrichtsminister und beim Minister des Innern hatten wohl den Erfolg, daß unser Standpunkt als mit dem Wortlaute des Sprachengesetzes übereinstimmend nicht angefochten wurde, aber weder der Unterrichtsminister noch der Minister des Innern haben bis zum heutigen Tage eine Änderung des gesetzwidrigen Vorgehens der politischen Landesverwaltung bewirkt. Da ist wirklich die Frage berechtigt: Leben wir noch in einem Rechtsstaat? Als die deutschen Abgeordneten und Senatoren erklärten, daß sie die mit dem Minoritätsschutzgesetz nicht. übereinstimmenden Gesetze nicht als verbindlich anerkennen, wurden sie von dem Präsidium beider Häuser mit einem Ordnungsrufe bedacht. Was sollte da erst mit obstruierenden Beamten geschehen, die offensichtlich und ostentativ ein Gesetz, an dessen klarem Wortlaute nicht gezweifelt werden kann, übertreten? Sowohl die Presse wie die bisherige Debatte in beiden Häusern des Parlaments hat eine ganze Unmasse vom Beschwerden gebracht, wie sehr wir Deutschen uns gerade durch die Bestimmungen des Sprachengesetzes bedrückt und rechtlos fühlen müssen. Einzig und allein der zitierte Paragraph 5 des Sprachengesetzes kommt den Bedürfnissen der Minoritäten etwas entgegen. Aber gerade deshalb ist er dem chauvinistischem Geist, der auch in den maßgebenden Stellen der politischen Landesverwaltung maßgebend zu sein scheint, gegen den Strich und wird einfach via facti außer Kraft gesetzt. Ich klage hiemit den Präsidenten der politischen Landesverwaltung der Gesetzesübertretung an, und den Minister des Innern und den Minister für Schulwesen und Volkskultur des Mangels an pflichtgemäßer Aufsicht. Und wenn der Herr Minister als Entschuldigung für die Unterlassungssünden auf die demnächst erscheinende, im § 8 angekündigte Durchführungsbestimmung zum. Sprachengesetz hinweist, so wäre es erst recht seine Pflicht gewesen, an der bisher bestehenden Sprachenpraxis nichts zu ändern, bevor diese Durchführungsbestimmungen erschienen sind. Und in dem von mir vorgebrachten Falle sind die zukünftigem Durchführungsbestimmungen völlig irrelevant, da sie doch dem genauen Wortlaut des Gesetzes nicht widersprechen und dieses einfach nicht wegeskamotieren können. Nicht nur, daß die für eine ersprießliche Lehr- und Forschungstätigkeit notwendige innere Ruhe an unserer Universität monatelang aufs Schwerste gestört wurde, indem bald dieses, bald jenes Institut von irgend einer Kommission für irgend eines der 16 Ministerien beschlagnahmt werden sollte, im Jänner 1919 legten sogar die Professoren der èechischen Universität Mare¹ und Srdinko den Antrag vor, gerade die drei neuen medizinischen Institute der deutschen Universität einfach wegzunehmen und sie der èechischen zu übergeben, während die ausquartierten deutschen Lehrkanzeln in das ältere èechische Sammelgebäude in der Katharinengasse mit eingepfercht werden sollten. Eine amtliche Lökalaugenscheinaufnahme am 10. März 1919 mußte erst den Antragstellern den Beweis erbringen, daß in jenen deutschen Instituten keine überflüssigen Lokalitäten vorhanden sind, und daß sogar die Lehrräume kleiner sind als jene im èechischen Sammelgebäude, was übrigens jederzeit schon vorher aus dem an den amtlichen Stellen erliegenden Plänen zu ersehen gewesen wäre. Der Weg, den tatsächlichen Raummangel an der Sechischen Universität durch Wegnahme der gleichfalls überfüllten deutschen Institutsgebäude oder durch die zeitliche Teilung der Hörsäle und Laboratorien zu beseitigen, wurde schließlich von den Herren Antragstellern selbst aufgegeben. Schwere Bedrängnis und Gefährdung war dadurch der deutschen Universität verursacht worden, aus welcher sie weniger ihr klares Recht gerettet hat als vielmehr die den Bedrängern gewordene Erkenntnis der Untauglichkeit des vorgeschlagenen Mittels.